Nr. 42/2009 vom 15.10.2009

Schlaflos über Mandelbäumen

Seit 2006 beklagen ImkerInnen das rätselhafte Massenverschwinden ihrer Bienenvölker – in den USA und Europa ebenso wie in Asien. Was bringt die Bestäuberinnen um? Und wie sähe eine Welt ohne Honig- und andere Bienen aus?

Von Esther Banz

So schlecht war die Apfelernte noch nie gewesen. Die Bäume gaben praktisch nichts her. Nur vereinzelt hing eine Frucht zwischen den Blättern. Einige Wochen zuvor hatte sich dasselbe Bild schon bei den Kirschbäumen gezeigt. Und auch die Erdbeerernte war traurig ausgefallen: Die ErntehelferInnen fanden nur kleine, missgebildete Früchte. Raps und Sonnenblumen wollten ebenfalls nicht gedeihen.

Aus Kalifornien hörte man, dass die ansonsten so ertragreiche Mandelernte gestrichen worden war – weil es nichts zu ernten gab. In ganz Europa fragten sich Gemüse- und HobbygärtnerInnen, was mit den Gurken und Kürbissen geschehen war, die einfach keine Früchte ansetzen wollten. In den Supermärkten standen die Menschen vor leeren Körben und Regalen. Die Preise für fast alle Früchte und Gemüsesorten hatten sich auf einen Schlag vervielfacht, ein einzelner Apfel kostete plötzlich acht Franken. Auch viele Produkte der Alternativmedizin, Tees und Kosmetika aus Heilpflanzen und Kräutern, waren unerschwinglich geworden. Es war Herbst. Der Herbst jenes Jahres, in dem die letzten Bienen zu summen aufgehört hatten.

Brot und Bier gäbe es noch

Noch ist es nicht so weit. Die in Völkern lebenden Honigbienen sammeln noch Nektar, auf Wiesen ebenso wie in den Städten. Aber das Szenario ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Laut einem Bericht des Bundesamtes für Landwirtschaft aus dem Jahr 2008 gibt es hierzulande heute weniger als halb so viele Bienenvölker wie noch 1985: Damals wurden 239 000 Völker gezählt, 2007 waren es noch 113 000. Vergleichbares hört man aus zahlreichen anderen Ländern Europas; aber auch Asien und Süd- sowie in extremem Ausmass Nordamerika sind vom mysteriösen Bienensterben betroffen. Innert zweier Jahre ist in den USA mindestens ein Drittel aller Honigbienen verschwunden, 800 000 Völker 2007 und rund eine Million im letzten Jahr.

Wenn die Biene ausstirbt, steht es schlecht um den Menschen. Zwar würde es noch Weizen und andere Getreidesorten geben und somit Brot, Teigwaren, Bier. Aber von den Früchten, dem Gemüse und selbst der Baumwolle bliebe ohne Bestäubung nicht viel übrig. Was es noch gäbe, wäre kostbar und entsprechend teuer; selbst die Preise für Fleisch und Milchprodukte dürften immens steigen, denn auch wichtige Pflanzen zur Fütterung des Viehs würden knapp – Luzerne und Klee etwa.

Als wären sie Maschinen

«Fast ein Drittel der Nahrungsmittel, die ein Mensch normalerweise zu sich nimmt, ist auf die Bestäubung durch Bienen zurückzuführen», schreiben die britische «Guardian»-Journalistin Alison Benjamin und ihr Partner Brian McCallum in ihrem Buch «Welt ohne Bienen». Die beiden leben in London und beschäftigen sich nicht nur theoretisch mit den für das Ökosystem so wichtigen Tieren – sie wurden vor ein paar Jahren HobbyimkerInnen mit eigenem Bienenhaus im Garten.

Im November 2006 hatte der erste US-amerikanische Wanderimker entdeckt, dass seine Bienenstöcke leer waren. Kurz nach ihm meldeten weitere ImkerInnen auch in anderen Ländern grosse und mysteriöse Verluste. Das merkwürdige Phänomen hatte bald einen Namen: Colony Collapse Disorder (CCD), Völkerkollaps. Seither rätseln Expertinnen wie Laien, was die Bienen tötet. Ist es die aus Asien eingeschleppte Varroamilbe? Sind es Pestizide? Oder etwa doch die Mobilantennen? Oder ist es der Stress, der die Bienen killt, vor allem in den USA, wo die Mehrheit der Honigbienen als Bestäubungsmaschinen eingesetzt werden? Auch Benjamin und McCallum trieb vor allem die Frage nach den Ursachen des Bienensterbens um.

Sie sprachen mit führenden WissenschaftlerInnen an verschiedenen Universitäten über Viren, Milben und Pestizide, befragten WanderimkerInnen in den USA zum Sterben ihrer Völker, besuchten einen professionellen Bienenmakler und schauten sich die Massenbestäubung der Mandelbäume in Kalifornien gleich selber an. Sie fanden Monokulturen und Bienen, die jahraus, jahrein, Tausende von Kilometern transportiert werden und dabei keinen Schlaf finden. «Was macht das mit den Honigbienen, wenn sie wie Maschinen gehalten werden?», fragen sie. Und was passiert mit ihnen, wenn sie mit verschiedenen Giften in Berührung kommen? Was ist mit den Wildbienen, die ihre Lebensräume verlieren, weil sich der Mensch immer mehr ausbreitet und ihre Schlaf- und Brutplätze mit Unkrautbekämpfungsmitteln zerstört? Welche Rolle spielen die Pestizide, welche der Nosemaparasit, die Tracheenmilbe, das in Israel entdeckte Akute-Paralyse-Virus – oder ist letztlich doch die Varroamilbe für das rätselhafte Massensterben der Honigbienen verantwortlich?

Spannend und gruselig

Die AutorInnen sprachen auch mit dem Schweizer Peter Neumann, der am Schweizerischen Zentrum für Bienenforschung arbeitet und das 2007 gegründete internationale Netz Coloss koordiniert, das 150 Mitglieder aus 35 Ländern zählt. Neumann ist überzeugt, dass die Varroamilbe mitverantwortlich ist, und die meisten WissenschaftlerInnen gehen mit ihm einig. Es ist erwiesen, dass ein starker Befall mit den Milben viele Bienenvölker weltweit dahingerafft hat. Aber nicht jedes Massensterben kann auf die Varroa zurückgeführt werden. Viele ImkerInnen machen auch den Einsatz von Pestiziden verantwortlich. Am plausibelsten scheint, dass mehrere Faktoren zusammenspielen, aber welche und wie viele es sind und wie sie zusammenwirken, weiss die Wissenschaft noch immer nicht.

Im Buch bleiben denn auch viele Fragen offen. Es ist als faktenreiche Bestandsaufnahme zu verstehen, spannend erzählt, stellenweise gruselig. Man zweifelt keine Sekunde daran, dass das Aussterben der Honigbiene eine Katastrophe wäre und dass wir auch auf die Hummeln und die vielen verschiedenen Arten von Wildbienen nicht verzichten möchten. Und doch fragt man sich am Ende: Wenn es bereits heute in der Schweiz nur noch halb so viele Honigbienenvölker gibt wie vor rund 25 Jahren – weshalb merken wir dann nichts davon? Oder meinen wir einfach, wir würden nichts merken?

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