Nr. 44/2009 vom 29.10.2009

Stadtgeschichten

Von Stefan Keller

Grosse Geschichte ist meistens interessanter, wenn sie sich mit der kleinen vermischt: Wenn mitten im Geratter der Potentaten plötzlich der gewöhnliche Alltag auftaucht. Wenn weltpolitische Phänomene sich in lokalen, auch trivialen Details zeigen und die Ökonomie einer ganzen Epoche aus dem Quartierladen grinst.

Stefan Ineichen hat kürzlich ein Buch über Zürich veröffentlicht, das bereits zu den Standardwerken zählt, jedenfalls in meiner Bibliothek. Es heisst «Zürich 1939–1945», doch in Wirklichkeit geht es um Kultur- und Alltagsgeschichte und um das heutige Zürich, das mit der Eingemeindung von 1934 zu jener Grossstadt geworden ist, die wir heute bewohnen. Oder anders gesagt: Warum sieht die modernste Ecke von Zürich Wiedikon eigentlich so weltstädtisch aus? Und warum baute man wenige Schritte weiter fast gleichzeitig so seltsame Häuser im Heimatstil? Bei Ineichen kann ich es erfahren.

Für «Zürich 1939–1945» hat Ineichen 152 Schauplätze ausgewählt, um von ihnen zu erzählen: angefangen beim Bellevue, das aus speziellen Gründen lange als «Holzhackerplatz» bezeichnet wurde, über das Jodeln in den Niederdorfbeizen, welches Auswirkungen bis nach Amerika zeitigte, den Stadthallenkrawall von 1934 zwischen Nazis und AntifaschistInnen bis zur Massenflucht des Zürcher Spiessbürgertums durch die Weinbergstrasse, als 1940 der deutsche Einmarsch erwartet wurde.

Oder angefangen bei Lale Andersens Tätigkeit für den Widerstand, kurz bevor sie mit «Lili Marleen» einen der legendärsten deutschen Kriegsschlager sang. Über den jüdischen Rubinfeld-Laden in der Langstrasse und die konspirative Buchhandlung Oprecht in der Rämistrasse. Über den kommunistischen Untergrund an der Zurlindenstrasse, die Familienheime am Friesenberg – bis hin zu den heute noch im Gebüsch versteckten Bunkern im Arboretum.

Ineichens Zürcher Geschichtenbuch ist mit einem Orientierungssystem versehen, man kann es für Wanderungen benützen. Auch wer Zürich nicht mag und nie mögen möchte, lernt es so immerhin kennen.

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