Nr. 45/2009 vom 05.11.2009

Blutschande im Oberwallis

Wer den Roman von Otto Zumoberhaus liest, beginnt allmählich zu verstehen, warum man im Oberwallis von der «Üsserschwyz» spricht, wenn es um die restliche Deutschschweiz geht.

Von Paul L. Walser

Luwisa ist die Tochter des Oberwalliser Säumers und Bergbauern Christian Zenthelen aus dem Dorf Lärchen. Sie dient am Anfang des 20. Jahrhunderts als Magd bei der örtlichen Herrschaftsfamilie von Moor. Die Familie Zenthelen ist Handlung und Schauplatz des grossen Romans, den der nunmehr achtzigjährige Oberwalliser Otto Zumoberhaus geschrieben hat – eine eindrückliche Chronik über fünf Generationen, die, sehr nüchtern vorgetragen, durch ihre Authentizität besticht und vielen NichtwalliserInnen und NichtkatholikInnen als überraschende und sehr nahrhafte Lektion über ein geradezu exotisches katholisches Glaubensland dienen dürfte.

Wer dieses Buch gelesen hat, versteht, weshalb die Oberwalliser von der «Üsserschwyz» sprechen, wenn sie die restliche Deutschschweiz meinen. Die Distanz zum Oberwallis wird uns durch diese Lektüre bewusst, wir betreten Neuland. Schon aus diesem Grund ist «Am Schattenberg» empfehlenswerter als etwa ein Roman wie «An heiligen Wassern» von Jacob Christoph Heer (1859–1925), der Ende des 19. Jahrhunderts veröffentlicht wurde. Auch Zumoberhaus' Roman ist ein Heimatroman, aber er ist nicht rührselig, sondern informativ.

Dokumentarische Fiktion

Der aus einer Oberwalliser Bergbauernfamilie stammende Autor fand erst nach einem Leben als Hotel- und Bankangestellter zum Schreiben. Sein Roman ist eine Fiktion, hat indes den Gehalt einer Dokumentation. Otto Zumoberhaus überblickt einen grossen Teil des 20. Jahrhunderts. Er kann aus dem Vollen der eigenen Erfahrung schöpfen. Den Dorfnamen «Lärchen» sucht man vergebens auf der Landkarte, er liesse sich jedoch leicht durch reale Namen ersetzen.

Hauptgestalt der Chronik ist Christian Zenthelen, Chrischti genannt, der von 1830 bis 1928 lebte und in zweiter Ehe neun Kinder zeugte. Die drei Kinder der ersten Ehe starben früh. Die Familie steht im Zeichen einer tiefen Religiosität. Der römisch-katholische Glaube, verkörpert in der Figur des fast allmächtigen Dorfpfarrers, des Soutanenträgers, dirigiert den Alltag der an Entbehrung gewöhnten Dorfbevölkerung. Mitunter tut er dies geradezu bedrohlich, aber letztlich doch beruhigend, weil an diesem Glauben halt nun einmal nicht gerüttelt werden darf, auch wenn viel Unglück geschieht – oder vielleicht gerade deshalb. Das Vatikanische Konzil von Papst Johannes XXIII. ist noch weit weg und wird dereinst in dieser zerklüfteten Bergregion auf einen sehr harten Boden stossen, auf eine uralte, hartnäckige, nach wie vor in Geschlechter und Stände streng gegliederte Gesellschaft.

Die letzte Sünde

Ein Brand zerstört das alte Holzhaus von Zenthelen und beinahe dessen Existenz. Blutschande, ungewollte Schwangerschaft und «sündige» Entbindung, Selbstmorde und nicht ganz verschwiegene Homosexualität treffen die Familie, die sich indes immer wieder aufzurappeln vermag, nicht zuletzt dank Hilfe aus dem Herrschaftshaus. Eine richtige Familienchronik, halt die nichts auslässt, auch nicht einen unstandesgemässen Seitensprung. Die einzige Abwechslung bringen die regelmässigen Theateraufführungen ins monotone Dorfleben. An ihnen nimmt fast die ganze Dorfgemeinschaft teil. Sie sind weit mehr als kulturelle Erbauungsübungen. Auch bei diesem Ritual gibt ein Pfarrer den Ton an.

Ganz am Schluss des Romans – gegen Ende des 20. Jahrhunderts – ist die Armut der Familie überwunden. Aber es gibt keine männlichen Nachkommen mehr, der Name Zenthelen wird verschwinden, und das ist eine letzte, nicht zu überwindende Sünde. Einfach Schicksal. Der gemächliche epische Strom plätschert durch 26 Kapitel, im allerletzten, dem Epilog, folgt dann nur noch eine flache Zusammenfassung mit Hollywood-Einschlag, als hätte die moderne Ungeduld den Erzähler erfasst. Das ist sehr schade. Man hätte Otto Zumoberhaus gerne noch länger zugehört.

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