Nr. 45/2009 vom 05.11.2009

Gewerkschaften im Gemüsefeld?

Von Bettina Dyttrich

Bauern und Gewerkschafterinnen haben das Heu gewöhnlich nicht auf der gleichen Bühne. In der Schweiz ist der Graben historisch besonders tief, weil sich Bauern – etwa während des Generalstreiks von 1918 – vom Staat gegen die ArbeiterInnenbewegung instrumentalisieren liessen. Annäherungen zwischen gewerkschaftlichen und bäuerlichen Kreisen gab es zwar auch, zum Beispiel in den dreissiger Jahren, aber sie sind heute in Vergessenheit geraten.

Diese Woche fand nun zum ersten Mal seit langem eine Tagung zu einem landwirtschaftlichen Thema statt, die von einer grossen Gewerkschaft, der Unia, mitorganisiert war: das Schweizer Forum Ernährungssouveränität. Das Konzept der Ernährungssouveränität wurde von der internationalen KleinbäuerInnenbewegung Via Campesina entwickelt. Es bedeutet das Recht der Bevölkerung eines Landes, ihre Landwirtschafts- und Ernährungspolitik selbst zu bestimmen. Alle Länder sollen sich vor Billigimporten schützen dürfen – haben aber selber auch die Pflicht, keine Lebensmittel zu Dumpingpreisen zu exportieren.

Die Tagung, die von bäuerlichen Organisationen wie Uniterre, Bio Suisse oder der Kleinbauern-Vereinigung initiiert worden war, fand im Berner Unia-Gebäude statt. Interessiert sich die Unia auf einmal für bäuerliche Anliegen? An der Tagung schien es nicht so: Unia-Ko-Geschäftsleiterin Vania Alleva verschwand kurz nach ihrem Referat wieder, in dem sie bessere Arbeits- und Lohnbedingungen für landwirtschaftliche Angestellte gefordert hatte. An der anschliessenden Diskussion beteiligten sich keine Unia-Leute.

«Die Landwirtschaft ist kein national prioritäres Thema für uns», räumt Vania Alleva am Telefon ein. «Aber der Preisdruck darf nicht dazu führen, dass die Arbeitsbedingungen der Angestellten unter Druck kommen – in der Landwirtschaft ebenso wenig wie im Detailhandel.»

Den ganzen Tag anwesend waren dagegen zwei kleine Westschweizer Gewerkschaften: das SIT aus Genf und L'Autre Syndicat mit Sitz im waadtländischen Gland. «Das Engagement für landwirtschaftliche Angestellte, die grösstenteils Migranten sind, ist ein Schwerpunkt von L'Autre Syndicat», sagt dessen Mitarbeiter Philippe Sauvin. «Die Grundhaltung der meisten Bauern gegenüber ihren Angestellten ist katastrophal, ein Meister-Knecht-Denken.» L'Autre Syndicat fordert, dass die Landwirtschaft dem Arbeitsgesetz unterstellt wird. Das würde klare Regelungen zu Nachtarbeit, Überstunden und Höchstarbeitszeit bringen. Heute liegt die Wochenarbeitszeit je nach Kanton zwischen 48 und 60 Stunden, auch bei den Löhnen gibt es grosse kantonale Unterschiede.

«Der Schweizerische Bauernverband weigert sich, überhaupt eine Diskussion anzufangen», so Sauvin. «Dabei wären faire Arbeitsbedingungen auch ein gutes Verkaufsargument für die Bauern.»

Doch diese stehen heute selber stark unter Druck. Falls das WTO-Landwirtschaftsabkommen oder das Agrarfreihandelsabkommen mit der EU zustande kommt, werden die Produzentenpreise dramatisch sinken. Damit werden sich die Arbeitsbedingungen der Angestellten sicher nicht verbessern. Die Zustände in den Gewächshäusern Spaniens oder Süditaliens könnten auch bei uns Realität werden. «Wir wollen keine spanischen Verhältnisse», betont denn auch Daniel Lampart, Chefökonom des Gewerkschaftsbundes. «Wir werden eine Öffnung der Grenzen nicht unterstützen, wenn klar wird, dass damit die Arbeitsverhältnisse der landwirtschaftlichen Angestellten noch stärker unter Druck kommen.»

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