Nr. 46/2009 vom 12.11.2009

«Erklärt Pereira»

Von Martina Süess

Dass Antonio Tabucchis Roman «Erklärt Pereira» von1994 mit diversen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, erstaunt kaum. Erstens widmet er sich politisch korrekt dem Faschismus, zweitens geht es um die politische Sprengkraft von Literatur, und das lesen LiteraturjurorInnen natürlich gern. Doch trotz des Verdachts, dass hier ein bewährtes Erfolgsrezept angewendet wird, ist die Geschichte gerade in ihrer Einfachheit bestechend.

Tatort ist Lissabon um 1938. Die Salazar-Diktatur geht immer radikaler gegen KritikerInnen vor. Bespitzelung, Zensur und Antisemitismus beherrschen das Klima. Der Journalist Dr. Pereira versucht, dieser Realität zu entkommen, indem er sich in die Vergangenheit verkriecht: Er spricht mit dem Bild seiner verstorbenen Frau, übersetzt französische Literatur des 19. Jahrhunderts und schreibt Kolumnen über tote Dichter. Erst die Begegnung mit einem jungen Doktoranden, der sich mit halsbrecherischem Idealismus für die Revolution einsetzt, bringt einen Prozess in Gang, der Pereira langsam, aber unaufhaltsam in die Gegenwart befördert.

Doch wem und warum erklärt Pereira seine Wandlung vom stillen Duckmäuser zum Mithelfer des bewaffneten Widerstands? Zu befürchten ist, dass ihm die Flucht nach Frankreich, zu der er sich am Ende des Buches entscheidet, nicht gelang, dass sein gefälschter Pass aufflog und er sich vor der Polizei rechtfertigen muss. Das wäre eine bittere Wendung für einen Roman, der vorgibt, Pereiras Veränderung zu befürworten. Und es müsste ein sehr böser Autor sein, der seine Figur für ihre mustergültige Emanzipation den faschistischen Schergen ausliefert. Vielleicht versucht der Mann, sich selber zu verstehen? Oder ein Schriftsteller rechtfertigt die erstaunliche Entwicklung seiner Figur? Auf jeden Fall wird hier mehr verhandelt als auf einer Polizeistation, und gerade dass Pereira sein Verhalten meist selber nicht versteht, macht ihn so glaubwürdig.

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