Nr. 51/2009 vom 17.12.2009

Assistent der Sterne

Von Eva Pfister

Hannes Jensen, Ex-Polizist und frisch verliebt, macht alles falsch: Er kauft sich keine Lesebrille, also schmiert er sich die falsche – brennende – Salbe auf seine Wunde. Er lässt sein Auto nicht reparieren, also friert er sich durch den kalten Winter in Flandern. Er zerbricht sich den Kopf über physikalische Probleme, aber versäumt es, den Leuten die richtigen Fragen zu stellen. Es ist eine Pein, ihm zusehen zu müssen, wie er in sein Unglück rennt, aber es ist genau das Mittel, mit dem Linus Reichlin Spannung erzeugt.

Schon in seinem ersten Krimi «Die Sehnsucht der Atome», ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis 2009, liess Reichlin den Polizisten in Brügge über die Zusammensetzung der Materie grübeln. In «Der Assistent der Sterne» setzt er den physikalischen Theorien als Kontrapunkt nun einen Hellseher gegenüber. Dunkle Voraussagen gehen in Erfüllung und bringen Jensens Wissenschaftsgläubigkeit ins Wanken. Natürlich entpuppt sich einiges als durchaus irdische Strategie, allerdings lösen sich nicht alle Rätsel auf, offenbar will Reichlin die LeserInnen in denselben Konflikt stürzen.

So weit, so gut und irritierend. Aber die Personen, die Reichlin als Opfer und TäterInnen in die Verbrechen verwickelt, sind nicht nur unsympathisch, sondern auch etwas unglaubwürdig. Der Autor scheint sich für sie weniger zu interessieren, als für seinen Ex-Polizisten, sodass sich sein Buch oft weniger wie ein Krimi als ein Midlife-Crisis-Roman liest. 51 Jahre alt ist dieser Jensen, und – ach herrje – schon ergreift ihn die Panik angesichts seines fortgeschrittenen Alters! Der Kauf einer Lesebrille, zu dem er sich doch noch entschliesst, kommt für ihn einer Art Suizid gleich: Abschied vom Leben. Dass er in diesem «biblischen» Alter Vater wird, freut ihn sehr, lässt ihn aber auch nächtelang grübeln. Dass er darüber fast die Beziehung zur werdenden Mutter, der blinden O’Hara, vergeigt, ist auch so eine Sache, die man kaum mit ansehen kann. Ein Mann in den Wechseljahren bietet also reichlich Stoff für Spannung!

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