Nr. 52/2009 vom 24.12.2009

Das Essen kocht sich nicht selbst

Die feministische Zeitschrift «Olympe» widmet sich der Care-Ökonomie, der Wirtschaft, die sich um unser Wohlergehen sorgt – aber von den Mainstream-Ökonomen völlig ausgeblendet wird.

Von Susan Boos

Die Basler Ökonomin Mascha Madörin forscht seit Jahren engagiert zum Thema Care-Ökonomie. Eigentlich gebührte ihr dafür schon längst ein Lehrstuhl. Nun hat Mascha Madörin zusammen mit Susi Wiederkehr eine «Olympe» zur Care-Ökonomie zusammengestellt. «Olympe» ist eine feministische Zeitschrift, die sich Analysen und Debatten widmet. In der aktuellen Nummer beleuchtet ein gutes Dutzend Autorinnen das Thema Care-Ökonomie aus den unterschiedlichsten Perspektiven.

In einem einleitenden Kapitel versucht Mascha Madörin Care-Ökonomie zu definieren. Im englischen Sprachraum sei der Begriff lange Zeit für die unbezahlte Sorge- und Versorgungsökonomie verwendet worden, also haushalten, Kinder grossziehen oder Kranke pflegen.

Das «Herz des Kapitals»

Inzwischen hat sich der Begriff gewandelt und bezieht vermehrt die bezahlte Versorgungsökonomie mit ein. Oder wie es Madörin ausdrückt: «Wichtig ist, zu verstehen, dass feministische Ökonominnen von einem eigenen Wirtschaftsbereich reden, bei dem die Produktion und die Dienstleistungen, seien sie bezahlt oder nicht, primär und direkt auf das Wohlergehen von Menschen ausgerichtet sind und nicht auf die Produktion für einen anonymen Markt oder für Unternehmen.» Diese «andere Wirtschaft», die letztlich unseren Alltag bestimmt, kann «nicht mit denselben Kategorien analysiert werden wie die Produktion von Gütern in einer industrialisierten Welt».

Irrigerweise wird davon ausgegangen, dass nur im bezahlten Sektor Reichtum und Wohlfahrt erzeugt wird. Die realen Zahlen zeigen etwas anderes: Die Männer, die in der Schweiz in Industrie und Baugewerbe tätig sind, leisten pro Jahr 1500 Millionen Stunden bezahlte Arbeit – die Frauen leisten jedoch im selben Zeitraum über 4000 Millionen Stunden unbezahlten Arbeit im Haushalt. Mit dieser unbezahlten Arbeit produzieren sie Wohlergehen und Lebensstandard – vermutlich weit mehr als die sogenannte Wirtschaft.

Die Historikerin Barbara Duden zeichnet in ihrem Beitrag «Arbeit aus Liebe – Liebe aus Arbeit» nach, wie es überhaupt dazu kam, dass die Gesellschaft der Meinung ist, Hausfrauen würden nicht arbeiten. «Die moderne unbezahlte Hausarbeit entstand erst mit dem Industriesystem», schreibt Duden. Die Hausfrau gehörte zum Industriearbeiter, weil sie dafür verantwortlich war, seine Arbeitskraft zu erhalten. Zugleich band der Staat durch das Steuersystem die Frau an den Mann. Die Frau hatte gar keine Möglichkeit, ihre Dienstbotenrolle zu verlassen. Und so galten die Frauen nicht nur als «Herz der Familie», sie wurden auch zum «Herz des Kapitals».

Interessant auch der Beitrag der Ökonomin Ulrike Knobloch zur «Sorgeökonomie als allgemeine Wirtschaftstheorie». Knobloch stellt die zentrale Frage: «Was wird überhaupt unter Ökonomie verstanden?» In der Mainstream-Ökonomie gehe es um den effizienten Umgang mit knappen Mitteln, wobei als knapp vor allem Kapital, Arbeit und Boden gelten würden: «Wohingegen neben Natur und Umwelt auch die zum Grossteil von Frauen geleistete unbezahlte Arbeit als natürliche Ressource angesehen wird, das heisst, diese in Wirklichkeit knappen Mittel erscheinen als in beliebigem Ausmass frei verfügbar.»

Eine nur auf Erwerbswirtschaft bezogene Ökonomie unterliege der Tischlein-deck-dich-Vorstellung, konstatiert Knobloch: «Dass sich wie im Märchen der Tisch selbst deckt und entsprechend der Kühlschrank sich selbst füllt, das Essen sich selbst kocht, die Wäsche sich selbst wäscht.»

Das Ende der Lohngleichheit

Die Mainstream-Ökonomie glaubt also an Märchen. Doch auch auf der ganz praktischen Ebene hat sich in den vergangenen Jahren wenig getan, wie Susi Wiederkehr in ihrem Beitrag «Lohngleichheit – eine Farce!» darlegt. Wiederkehr ist «Olympe»-Redaktorin und Vorstandsmitglied der Aktion Gsundi Gsundheitspolitik (AGGP). Die Organisation kämpft seit Jahren für gerechte Löhne im Gesundheitswesen. Mitte der neunziger Jahre reichten mehrere Frauen im Kanton Zürich eine Lohngleichheitsklage ein. Dies vor allem, da zum Beispiel Polizisten willkürlich zwei Lohnklassen besser eingestuft waren als das Gesundheitspersonal.

2001 bekamen die Pflegefachfrauen vor dem Zürcher Verwaltungsgericht Recht. Der Kanton Zürich musste danach den KlägerInnen 280 Millionen Franken Lohn nachzahlen.

Die Stadt Zürich – die schon damals rot-grün regiert war – verweigerte jedoch Lohnnachzahlungen, weil angeblich in den städtischen Betrieben die Lohngleichheit bereits Realität sei.

Die städtischen Pflegefachfrauen mussten erneut klagen und erhielten durch alle Instanzen Recht. Die Stadtregierung versuchte dennoch jahrelang, sich mit allen Mitteln vor den Nachzahlungen zu drücken. Und das Drama ist bis heute noch nicht ausgestanden.

Wiederkehrs Anmerkungen zu den neuen Besoldungssystemen, die zunehmend individualisieren, machen hellhörig: «Die Flexibilisierung der Löhne verunmöglicht einen Lohnvergleich, eine Voraussetzung, um die Lohngleichstellung zu garantieren», schreibt Wiederkehr: «Die Lohngleichstellung für Frau und Mann wird so ausgehebelt und verhindert den Vollzug des Gleichstellungsgesetzes.»

Diese «Olympe»-Ausgabe macht auf leicht verständliche Art klar: Care-Ökonomie kritisiert nicht einfach nur, dass Frauen gratis arbeiten oder zu wenig verdienen – das Care-Problem ist viel existenzieller. Die Sorgeökonomie garantiert einer Gesellschaft ein anständiges Leben. Sobald niemand mehr diese Arbeiten erledigt, wird es prekär.

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