Nr. 01/2010 vom 07.01.2010

Abschied vom Bürgertum

Am Beispiel des Journalisten rekonstruieren Markus Bürgi und Mario König ein Schweizer Leben voller Ambivalenzen. Ein Sammelband beleuchtet derweil den Umgang mit prominenten AusländerInnen im Kalten Krieg.

Von Stefan Howald

1933 entschied sich Harry Gmür für die richtige Seite. 1908 geboren und aus einer gutbürgerlichen Berner Familie stammend, hatte er in Bern, Paris, München und Leipzig Geschichte und Germanistik studiert, kehrte aber nach der Machtübernahme des Faschismus in die Schweiz zurück. An die Stelle des bisherigen bildungsbürgerlichen Kulturlebens traten gewerkschaftliche und sozialdemokratische Diskussionszirkel, er engagierte sich als Mitarbeiter für den «Plan der Arbeit» zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise. 1937 gründete er die kulturpolitische Wochenzeitschrift «ABC», antifaschistisch, links engagiert, die nur ein Jahr überlebte. In der Folge rückte Gmür weiter nach links.

Scheitern und neue Chance

Der Abschied vom Bürgertum war nicht so aussergewöhnlich. Die Welt schien säuberlich geschieden, in die Kräfte des Fortschritts gegen die der Reaktion. Zwar hatte es die Schauprozesse in der Sowjetunion gegeben und dann den Hitler-Stalin-Pakt. Doch mit dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion waren die klaren Fronten wieder hergestellt. Dafür ergaben sich in der Schweiz Verwerfungen. 1942 wurde Gmür, der sich in der sozialdemokratischen Opposition betätigte und zugleich klandestin der 1940 verbotenen Kommunistischen Partei der Schweiz angehörte, aus der SPS ausgeschlossen. 1944 gehörte er zu den Mitgründern der Partei der Arbeit, sass für diese im Zürcher Gemeinderat, leitete die Parteizeitung «Vorwärts». Nach innerparteilichen Auseinandersetzungen 1947 ins Abseits geraten, gründete er den Universum-Verlag, versuchte sich als Filmverleiher. Die Versuche schlugen fehl, Gmür gab sich dem Alkohol hin. Nur seine Frau Gena hielt die Familie über Wasser.

1958 bekam er eine neue Chance. Für die ostdeutsche «Weltbühne» schrieb er unter Pseudonym als Afrika-Korrespondent, veröffentlichte als Stefan Miller in der DDR auch mehrere politische Reisebücher. 1979 starb er, in der Schweiz als soignierter Präsident der linken Kulturorganisation Kultur und Volk bekannt, doch auf beiden Seiten der Berliner Mauer in sein Pseudonym eingehüllt.

Im unlängst erschienenen Buch «Harry Gmür. Bürger, Kommunist, Journalist. Biographie, Reportagen, politische Kommentare» machen Markus Bürgi und Mario König die Brüche und Ambivalenzen dieses Lebens deutlich. Ihre biografische Erkundung ist breit recherchiert, gängig geschrieben, präzis in der Einordnung und Einschätzung.

So wird nachvollziehbar, wie Gmürs Herkunft dazu führt, dass er sehr freizügig mit Geld umgeht und so seine publizistischen Projekte belastet. Beim «Vorwärts» war er administrativ überfordert, verwickelte sich in Politintrigen gegen Mitredaktoren wie Peter Surava. Seinen «Klassenverrat» kompensierte er zuweilen mit dogmatischer Linientreue. Gerade damit ist er eine zeitgenössische Figur. Über das rein historische Interesse hinaus bleibt vieles, was heute noch beeindruckt. Die Kulturzeitschrift «ABC» ist beispielhaft in der Breite der Mitwirkenden und im Bemühen um Qualität. Der Universum-Verlag publizierte bemerkenswerte AutorInnen in deutschen Erstübersetzungen, etwa Arthur Miller oder Erskine Caldwell.

Neben dem biografischen Teil enthält das Buch rund 130 Seiten mit Texten von Gmür, politische Kommentare und Reportagen. Aus den wirtschaftspolitischen Kommentaren ragen ein paar polemische Spitzen und Anregungen bis in die Gegenwart. Gewichtiger sind die Reportagen aus Afrika zwischen 1959 und 1966, die zuerst in der «Weltbühne» erschienen und weiter ausgearbeitet wurden. Die sind anschaulich geschrieben, mit trockenem Witz, der für in der DDR publizierte Texte eine erstaunlich offene politische Haltung ergab.

Öfter fand Gmür direkten Zugang zu führenden afrikanischen Politikern. So entstanden Porträts von Kwame Nkrumah (Ghana), Jomo Kenyatta (Kenia), oder Nnamdi Azikiwe (Nigeria). Die beginnende Entkolonialisierung beobachtete er mit Hoffnungen, aber auch Einwendungen etwa bezüglich der unversöhnlichen Differenzen der Landesteile in Nigeria, die später den blutigen Biafra-Konflikt auslösten, oder zur Ölförderung im Nigerdelta.

1976 kehrte Gmür ein letztes Mal nach Afrika zurück und schrieb ein Buch über Guinea nach achtzehn Jahren Unabhängigkeit. Da fällt er ins alte bipolare Denken zurück, will die Defizite und Rückschritte im Neuen nicht mehr sehen. Die Afrikaberichte aus den sechziger Jahren aber sind Augenzeugenberichte aus einem Kontinent im Umbruch, der längst nicht abgeschlossen ist.

Schweizer Spitzeleien

Gmürs Geschichte hat immer zwei Seiten. Jahrzehntelang sind er und seine Frau bespitzelt worden. «Die Datensammlung als solche produziert in der unüberprüfbaren Dubiosität ihrer Angaben unentwegt, was bewiesen werden soll: die Existenz undurchsichtiger Aktivitäten und verdächtiger Beziehungen», fassen Bürgi und König zusammen.

Dass das nicht nur Gmür so ging, zeigt ein Sammelband, der den institutionellen und ideologischen Aspekten des Kalten Kriegs in der Schweiz nachgeht. Zusammen mit vier weiteren AutorInnen (Silvia Höner, Christoph Kuhn, Emanuel La Roche, Konrad Rudolf Lienert) hat der Herausgeber Jürg Schoch Materialien im Bundesarchiv ausgewertet, die nach Ablauf von fünfzig Jahren einsehbar wurden. Entstanden sind zwölf Fallstudien vom Anfang der fünfziger Jahre, wie die Schweizer Behörden beim Umgang mit prominenten AusländerInnen rechts zumeist ein Auge zudrückten, während links flächendeckend spioniert wurde: vom deutschen Geheimdienstler Reinhold Gehlen zum kommunistischen Nobelpreisträger Frédéric Joliot-Curie, vom Nazigeneral Heinz Guderian zum Sowjetschriftsteller Ilja Ehrenburg, vom gräflichen Ehepaar Batthyány-Thyssen zum streitbaren Pastoren Martin Niemöller.

Wie von jüngeren Fichen her bekannt, verbindet sich eine intensive Überwachung mit krassem Dilettantismus. Gegen Kulturschaffende wurden auch schreibgewandte Kulturbeflissene und AkademikerInnen als informelle MitarbeiterInnen beschäftigt. Der Antikommunismus ist die ideologisch treibende Kraft, öfter, wie auch im Falle Gmür, mit Antisemitismus versetzt. Zugleich, beinahe wichtiger, wird der Opportunismus als Schweizer Markenzeichen sichtbar. Was gelegentlich zu bemerkenswerten Konflikten innerhalb der Bundesbehörden geführt hat: So war die Bundesanwaltschaft weniger schnell bereit, kompromittierte Figuren der Nazizeit zu rehabilitieren, während die politischen Behörden die meisten Fälle danach beurteilten, ob sich damit ein paar Pluspunkte bei den westlichen Alliierten schinden liessen. Womit sich der Opportunismus zumeist als institutioneller Antikommunismus durchsetzte. Ebenso instruktiv wie beelendend.

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