Nr. 04/2010 vom 28.01.2010

Man spricht nicht gern darüber

Es gibt Arme in der Schweiz, aber wie viele es sind, ist umstritten. Denn es gibt noch immer keine verbindliche Definition von Armut, und es mangelt an brauchbaren Statistiken.

Von Andreas Fagetti

Weltweit leben 1,4 Milliarden Menschen in bitterer Armut. Sie müssen mit weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag auskommen. Das reicht selbst in den ärmsten Ländern kaum zum Überleben. Die Wirtschaftskrise wird die globale Armut noch verschärfen. Gemessen an diesen Verhältnissen erscheint die reiche Schweiz immer noch als eine Insel der Glückseligen. Denn einen Kampf ums unmittelbare Überleben muss hier niemand führen. Und doch reichen die 1,25 US-Dollar in der Schweiz nicht einmal für eine Nacht in der Notschlafstelle.

Armut ist ein relatives Problem. Der Rat der Europäischen Union definiert sie so: «Personen, Familien und Gruppen sind arm, wenn sie über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in ihrer Gesellschaft als Minimum annehmbar ist.» Armut bezieht sich in diesem Sinn also auf eine Referenzgruppe, in der Regel auf die Bevölkerung eines Landes.

Keine exakten Zahlen

Mit zunehmender Entwicklung ändern sich auch die Referenzgrössen. Anders gesagt: Wer in der Schweiz als arm gilt, wäre im Niger ein Krösus. Aber Armut ist eben mehr als eine rein ökonomische Angelegenheit. Wer keinen Zugang zu Bildung, Kultur und sozialen Netzen hat, ist selbst dann arm dran, wenn er ein Dach über dem Kopf, Kleidung und genug zu essen hat. Gerade in der reichen Schweiz sprechen PolitikerInnen, Wirtschaftsleute und Behörden nicht gerne über Armut. Mit Armen lässt sich kaum Politik und kein grosses Geschäft machen. Zwar hat der Bund einen Armutsbericht verfassen lassen, aber die Verantwortlichen der Caritas befürchten, dass er folgenlos bleibt und in den Schubladen verschwindet. Das liegt auch daran, dass die Bekämpfung der Armut Sache der Gemeinden und Kantone ist. Eine schweizweit koordinierte Vorgehensweise ist daher schwierig. Zumal in einer Wirtschaftskrise, in welcher der Druck neoliberaler Politik auf die öffentlichen Haushalte noch zunimmt. Dabei haben sich die Einrichtungen des Sozialstaates in der Krise als mindestens ebenso systemrelevant erwiesen wie die Grossbanken.

Und so verwundert es nicht, dass Armut nicht ein breit diskutiertes Thema ist und statistisch bloss unzulänglich erhoben wird. Es gibt zwar eine Armutsquote, aber diese erfasst bloss die 20- bis 59-Jährigen. Demnach gelten 8,8 Prozent der Bevölkerung beziehungsweise 380 000 Menschen als arm. Bezieht man alle anderen mit ein – Kinder, Jugendliche und Alte – verändert sich das Bild schlagartig. Es sind nicht staatliche Stellen, welche das Phänomen ausleuchten und eine angemessene Strategie zur Bekämpfung von Armut entwickeln. Das bleibt privaten Organisationen wie der Caritas überlassen. Diese rechnet im Sozialalmanach 2010 vor, dass zu den von der offiziellen Armutsquote erfassten Menschen schätzungsweise 260 000 Kinder kommen, ausserdem 160 000 ältere Menschen, denen ihre AHV nicht reicht, die aber dennoch keine Ergänzungsleistungen beziehen. Das ergibt zusammen die Zahl von 900 000 Armen. Je nach Datenquelle schwanken die Schätzungen zwischen 700 000 und 1,2 Millionen Personen.

Wie viel braucht man zum Leben?

Gemäss den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz der SozialdirektorInnen (Skos) liegt die Armutsgrenze für eine Person bei 2200 Franken, für ein Paar mit zwei Kindern bei 4650 Franken. Allerdings ist auch entscheidend, in welcher Region man lebt. Neben den Skos-Richtlinien gibt es andere Definitionen von einkommensabhängiger Armut. Die verbreitetste relative Armutsdefinition besagt, dass arm ist, wer über weniger als die Hälfte des nationalen medianen Äquivalenzeinkommens verfügt. Das ist ein statistisches Mittel: Die eine Hälfte der Haushalte verfügt über mehr, die andere über weniger als diesen Wert, der die Haushaltsgrösse berücksichtigt. 2006 lag er bei 5405 Franken. Da die Spitzeneinkommen hier weniger stark ins Gewicht fallen, liegt das mediane Äquivalenzeinkommen unter dem Durchschnittslohn. Gemäss dieser Definition gilt als arm, wer über weniger als 2700 Franken verfügt.

Der grosse Überblick

Der Sozialalmanach bietet einen vielschichtigen Einblick in das Thema Armut. Besonders hilfreich für eine politische Einordnung der sozialen Entwicklungen seit Beginn der neunziger Jahre ist der erste Teil des Almanachs mit dem Titel «Sozialpolitische Trends». Er behandelt die grosse Rezession und ihre Folgen, zeichnet die Auswirkungen der neoliberalen Politik nach und zeigt auf, wie die Folgen der noch immer anhaltenden Rezession in den Griff zu bekommen wären. Zum Beispiel mit dem Ansatz des gewerkschaftlichen Thinktanks «Denknetz», der eine allgemeine Erwerbsversicherung fordert, welche dem reformerischen Flickwerk der Sozialversicherungen, ihren Doppelspurigkeiten und ihrer Ineffizienz ein Ende setzen und bei gleichbleibenden Kosten die soziale Sicherheit spürbar erhöhen würde. An einer sozial stabilen Schweiz müssten gerade die Wirtschaft und ihre LobbyistInnen in Bern interessiert sein.

Allerdings hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren selbst in Phasen wirtschaftlichen Aufschwungs die Armut kaum verringert, die Zahl der SozialhilfebezügerInnen ist sogar leicht gestiegen. Wenn hier nicht Gegensteuer gegeben wird – darum die Anfang Januar gestartete Caritas-Kampagne zur Halbierung der Armut – werden die sozialen Verwerfungen die Schweiz vor grosse Probleme stellen, so ein Fazit des Berichts.

Bildung ist entscheidend

Was in fast allen Beiträgen des Almanachs als eine der Hauptursachen für Armut aufscheint, ist mangelnde Bildung und Ausbildung. Die Schweiz hat neben Deutschland und Belgien das sozial undurchlässigste Bildungssystem Europas. Mangelnde Bildung wird vererbt, wie auch Armut als Folge davon vererbt wird. Wer in einer bildungsnahen Familie aufwächst, hat ungleich höhere Chancen auf eine gesicherte Zukunft.

Der rasche wirtschaftliche Strukturwandel in Zeiten der Globalisierung hat eine kapitalintensive und wissensbasierte Produktionsweise zur Folge. Entsprechend werden die Belegschaften «umgeschichtet». Aus einer Analyse des Bundesamts für Statistik geht hervor, dass auf dem Schweizer Arbeitsmarkt bei Hochkonjunktur die Nachfrage der Firmen nach gut ausgebildeten Menschen grösser ist als diejenige nach weniger qualifizierten. Im Abschwung sind die niedrig qualifizierten ArbeiterInnen im Vergleich zu den gut ausgebildeten stärker von Entlassungen und Arbeitslosigkeit betroffen. Die Schere öffnet sich immer weiter. Daher fordert der Sozialalmanach Berufsabschlüsse für alle, unabhängig vom Alter. Denn das rechnet sich in mehrfacher Hinsicht. Ausbildung schützt eher vor Entlassung und Arbeitslosigkeit und senkt so die Sozialausgaben, sie ermöglicht höhere Löhne und spült damit via Steuern und Abgaben auch mehr Mittel in die Staatskassen. Wer gegenüber der Armut und den Armen in diesem Land nicht blind bleiben möchte, muss dieses anregende Buch lesen.

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