Nr. 04/2010 vom 28.01.2010

«Nostalgia»

Von Karin E. Yesilada

Wenn ein Debütant das literarische Rad mal wieder neu erfindet und Stars der Weltliteratur herbetet, möchte man ihm für seinen Erstling viel Erfolg wünschen und klammheimlich hinter seinem Rücken zu einem anderen Buch greifen.

Ein Verriss jedoch wäre ungerecht. Immerhin handelt es sich bei Mircea Cartarescu, 1956 in Bukarest geboren, um einen der interessantesten Autoren der rumänischen Gegenwartsliteratur. Eigentlich Lyriker, schuf er nach mehreren Erzählungen in zwei Jahrzehnten eine 1500 Seiten starke Romantrilogie, deren erster Band 2007 unter dem Titel «Die Wissenden» erschien. Für den dritten erhielt Cartarescu 2008 den Rumänischen Staatspreis. Grund genug, sich dem nun auf Deutsch erschienenen Prosadebüt aus dem Jahr 1993 zuzuwenden.

Drei Erzählungen bilden den Kern eines Panoramas auf das Bukarest der sechziger und siebziger Jahre. Die Ich-ErzählerInnen sind lebensmüde Existenzen, die schon in jungen Jahren an den Rand des Unerträglichen gelangt sind. Etwa jener Schriftsteller, der die Geschichte eines Roulettespielers erzählt, der es vom Niemand bis an die Spitze der Unterwelt geschafft hat – und schliesslich aus Angst an Herzversagen stirbt.

Metamorphosen bestimmen das Leben der Figuren, doch immer schieben sich überraschende Ebenen dazwischen. Sexualität wird zu einem Monster, nicht nur in der jugendlichen Fantasie. Als Andrei und Gina endlich Liebe machen, im Hinterzimmer eines Naturkundemuseums, erwachen nicht nur die Exponate zum Leben – die beiden Seelen tauschen dabei gleich auch noch die Körper aus ...

Mit an Salvador Dalí orientierten Bildern zeichnet Cartarescu Phantasielandschaften zwischen realem Sozialismus und magischem Realismus. In den Hinterhöfen heruntergekommener Mietblocks erheben sich Einhörner und Ungeheuer. In den sozialistischen Wohnungen «Komfortstufe 3» fressen Monsterspinnen Liebende nach deren Geschlechtsakt auf. Was für eine Subversion des sozialistischen Menschenbilds, was für eine Mischung aus Horror, Mystik und Surrealismus!

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