Nr. 05/2010 vom 04.02.2010

Meilensammler

Von Michael Saager

Wenn man im Bett ein Buch verschlungen hat, einschlummert, anschliessend davon träumt und morgens nach dem Aufwachen immer noch daran denkt, muss es sich um ein verdammt gutes Buch handeln. Walter Kirns «Up in the Air» ist so eines. Die US-amerikanische Presse war verzückt, doch als 2003 die Übersetzung erschien, war dem Roman im deutschsprachigen Raum kaum Erfolg beschieden. Was nicht zuletzt am wenig verkaufsfördernden Titel «Mr. Bingham sammelt Meilen» gelegen haben mag. Anlässlich der Verfilmung durch Jason Reitman («Juno») mit George Clooney in der Hauptrolle, die ab dieser Woche in Schweizer Kinos zu sehen ist, wagt der Verlag einen weiteren Versuch – diesmal mit dem Originaltitel.

Ryan Bingham ist ein ausgesprochener Vielflieger, ein gut situierter Yuppie, der von Termin zu Termin jagt. Er ist der Mann, der frisch wegrationalisierten MitarbeiterInnen grösserer Firmen Mut spenden soll. Für diese Motivationsspritzen bezahlt ihn die jeweilige Geschäftsleitung. Dafür darf sie sich etwas besser fühlen, so ihr das Schicksal der Gefeuerten überhaupt etwas bedeutet. Vor allem verringert die positive Gehirnwäsche das Risiko einer Klage. Das also ist Binghams Job. Es wundert wenig, dass er ihn hasst.

Einerseits. Andererseits schätzt er das Leben auf der Überholspur in dieser hochdynamischen Airworld flüchtigster Kontakte, lakonischer Unverbindlichkeiten und stinkreicher Arschgeigen. Möglicherweise ist es die Zerrissenheit des eloquenten, fast schwatzhaften, dabei aber immer hochreflektierten Ich-Erzählers, die beim Lesen emotionale Nähe zu ihm entstehen lässt, obwohl er selbst kaum jemanden an sich heranlässt.

Der Autor verstrickt seine Hauptfigur in immer grössere Schwierigkeiten, wobei der Verdacht besteht, dass diese hausgemacht sind, eher paranoider Art. Oder ist da wirklich eine hundsgemeine Verschwörung gegen ihn im Gang? Ist gar sein Meilenkonto in Gefahr? Kirn lässt seinen Helden lange zappeln und den Roman – was sehr schön ist – gerade nicht auf ein spektakuläres Finale hinauslaufen.

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