Nr. 05/2010 vom 04.02.2010

Dynamik des Gewaltunternehmertums

Der kolumbianische Staat setzt seit drei Jahrzehnten seine Interessen auch mit paramilitärischen Todesschwadronen durch. Dadurch verstärkte sich die soziale Kontrolle der Bevölkerung. Viele Regionen wurden den Mechanismen des Weltmarkts unterworfen.

Von Werner Hörtner

Seit Ende der siebziger Jahre bekämpft der kolumbianische Staat systematisch und vehement staatskritische Regungen mit terroristischen Mitteln wie Attentaten, Bombenanschlägen und dem Verschwindenlassen von Personen. Die staatlichen Geheimdienste handelten dabei entweder selbstständig oder bildeten Todesschwadronen aus. Als dann ab Anfang der achtziger Jahre bewaffnete paramilitärische Kommandos zum Schutz vor Entführungen und anderen Aktivitäten der nationalen Guerillagruppen entstanden, dauerte es nicht lange, bis diese auch mit Aufstandsbekämpfung betraut wurden.

Diese Gruppen schlossen alsbald Allianzen mit Grossgrundbesitzerinnen, Drogenhändlern und Wirtschaftsunternehmen und wurden durch israelische und britische Söldner weiter ausgebildet. In den neunziger Jahren expandierten die sogenannten «Paras» weiter, schlossen sich landesweit unter einem gemeinsamen Oberkommando zusammen (Autodefensas de Colombia, AUC) und etablierten sich als nationale Kriegsakteure.

Der deutsche Politologe und WOZ-Autor Raul Zelik hat nun eine gründliche Analyse des Paramilitarismus in Kolumbien publiziert. Darin zeigt er, wie die Paras vom Staat aufgebaut und auch gegen soziale Bewegungen, MenschenrechtsaktivistInnen und andere «RegimefeindInnen» eingesetzt werden. Zudem zeigt Zelik, dass die Paras gleichzeitig eine starke Tendenz zur Autonomie gegenüber dem Staat aufweisen, die vor allem aus der ökonomischen Logik des Drogenhandels verständlich wird.

Kein schwacher Staat

Im Gegensatz zu anderen WissenschaftlerInnen betrachtet Zelik den Paramilitarismus in Kolumbien allerdings nicht als einen Ausdruck von Staatsschwäche, sondern als eine spezifische Form von Staatlichkeit, als eine vom Staat und von politisch-ökonomischen Machtgruppen initiierte informelle Repressionsstrategie. Um in Kolumbien eine Änderung herbeizuführen und einen funktionierenden Sozial- und Rechtsstaat aufzubauen, bedürfe es deshalb eines radikalen sozialen und politischen Bruchs, argumentiert der Autor.

Ein solcher Bruch scheint allerdings unter dem derzeitigen Präsidenten Álvaro Uribe Vélez unmöglich, ist dieser doch der beste Garant dafür, dass der Status quo gestärkt und aufrechterhalten wird. So sind die von paramilitärischen Gruppen verübten Massaker an DorfbewohnerInnen oft mit Unterstützung der Armee und mit dem Wissen der Behörden geschehen.

Zelik geht auch auf die noch wenig erforschten Zusammenhänge von Paramilitarismus und Wirtschaft ein. Der durch das Wirken der Paras verbreitete Schrecken führte zur Landflucht von Millionen KolumbianerInnen. In der Folge beschleunigte sich die Konzentration des Bodens in den Händen von GrossgrundbesitzerInnen und Unternehmen, welche besonders in der Förderung von Erdöl und Bodenschätzen sowie in der exportorientierten Agrarindustrie tätig sind.

Hinzu kommt, dass die Paramilitärs nicht nur im Interesse des Staates handeln, sondern auch für genau jene GrossgrundbesitzerInnen und häufig auch ausländischen Unternehmen arbeiten und beispielsweise bei der Ausschaltung der Gewerkschaftsbewegungen mitwirken.

Die «Mafiotisierung» des Landes

Der Autor beschäftigt sich auch mit der komplexen Frage, wie es dazu kommen konnte, dass die für die Guerillabekämpfung aufgebauten paramilitärischen Gruppen heute eng mit dem Drogenhandel verbunden sind. Allerdings sind die Aktivitäten von (Jugend-)Banden und Kleinkriminellen, bei denen in «Büros» Gewalttaten in Auftrag gegeben werden können, oft nur schwer zu unterscheiden von den paramilitärischen Machtstrukturen, die sich auf die Bekämpfung von «RegimefeindInnen», auf Unterwanderung der Institutionen und auf politische Agitation spezialisiert haben.

Im Hinblick auf die Verquickung von Staat, Unternehmertum und Gewaltkriminalität, die in vielen Teilen des Landes schon weit fortgeschritten ist, spricht Zelik zu Recht von einer «Mafiotisierung» Kolumbiens.

Zelik geht auch ausführlich auf die Debatte um «Neue Kriege» und «gescheiterte Staaten» ein. Dabei definiert er den kolumbianischen Paramilitarismus einerseits als ein repressives Instrument zur Durchsetzung staatlicher Interessen und andererseits als ein Instrument zur Durchsetzung eines weltmarktorientierten Wirtschaftssystems im Land. Ein neueres Beispiel dafür ist die Vertreibung von Hunderttausenden, deren Land mittlerweile grossen Ölpalmenplantagen zur Agrospritgewinnnung dient.

Zeliks Buch ist ein Standardwerk über den Paramilitarismus in Kolumbien – jene terroristische Form der Herrschaftssicherung, die mit dessen sogenannter Demobilisierung zwischen 2003 und 2005 keineswegs ein Ende gefunden hat.

Werner Hörtner ist Journalist bei «Südwind» und «lateinamerika anders». 2007 erschien im Rotpunktverlag sein Buch «Kolumbien verstehen. Geschichte und Gegenwart eines zerrissenen Landes».

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