Nr. 06/2010 vom 11.02.2010

Weitwandern für Feiglinge

2010 ist ein heiliges Jakobsjahr. Da werden sie in noch grösseren Horden nach Santiago de Compostela aufbrechen, die PilgerInnen. Was hat es mit den Verheissungen auf sich? Ein Selbstversuch.

Von Esther Banz

«Überleg dir das noch mal!», beschwor sie mich eindringlich, «so ganz allein, nur mit dem Hund!» Dass ausgerechnet meine Mutter, praktizierende Katholikin, mich davon abhalten wollte, einen Monat auf dem Jakobsweg zu wandern, erstaunte mich sehr. Aber jetzt war es schon zu spät, die Wanderschuhe eingefettet, der spezielle Frauenrucksack gepackt, die Karten studiert, die Vorfreude gross. Tschüss Computer, ade dauernde Erreichbarkeit. Ich melde mich dann irgendwann neu geboren zurück.

Auf dem Jakobsweg würden kleine Wunder passieren, heisst es, und seit der brasilianische Soft-Esoterik-Autor Paulo Coelho über dessen Spiritualität geschrieben hat und der deutsche Komiker Hape Kerkeling von lustigen Begegnungen zu berichten wusste, zieht es immer mehr Menschen auf diesen Weg, der nach Santiago de Compostela in Nordwestspanien führt. Oder besser: Auf diese Wege – denn Jakobswege gibt es verschiedenste, auch durch die Schweiz und Frankreich. Ich startete am Ausgangspunkt der Via Gebennensis, in Genf.

Am 6. Mai des letzten Jahres stieg ich dort aus einem überfüllten Tram. Der Entscheid, zum mehrwöchigen Wandern ausgerechnet den Jakobsweg zu wählen, war rein pragmatischer Natur: Lust auf Abenteuer, aber nicht zu heftig bitte. Und nach Möglichkeit keine bösen Überraschungen («Im Wanderbuch von 2005 steht doch, hier gebe es eine Pension!»), dafür bequeme Betten, Nachtessen, Dusche und so. Und die Wahrscheinlichkeit, hin und wieder einem Menschen zu begegnen.

«I bin der Franz»

Die erste Etappe sollte kurz sein, erst mal sachte einsteigen, sechzehn Kilometer sinds bis Beaumont, also rund vier Stunden. Die einzige Herberge im Dorf war schnell ausgemacht, vor dem Haus stand ein Paar Wanderschuhe zum Auslüften in der Sonne, an einem Plastiktisch sassen zwei Männer, jeder ein Bier vor sich, gerötete Gesichter. Der sich mit einem Taschentuch den Schweiss von der Brille wischte, stellte sich als Hubert vor, sein Kumpan – «grüss di, i bin der Franz» – schaute kurz auf und widmete sich gleich wieder seinem Tagebuch. Drinnen eine junge Frau, die ihren Schlafsack auf einer der dicht nebeneinanderliegenden Matratzen ausbreitete – eine Schweizerin. Nach wenigen Sätzen war klar: Kleine Welt, wir haben gemeinsame Bekannte. Sie schaute jetzt ganz ernst und sagte schliesslich entschieden: «In dem Fall ist es für mich okay, den Weg gemeinsam mit dir zu gehen.»

Ich schlief schlecht in dieser Nacht, wachte früh auf, packte hastig alles in den Rucksack und war weg, ohne auch nur eine Scheibe vom Brot abgeschnitten zu haben, das uns die Hausherrin neben Käse und anderem bereitgestellt hatte. Das sollte sich noch rächen, denn während der nächsten sieben Stunden gab es weder Einkaufs- noch Einkehrmöglichkeiten am Weg. Ausserdem drückte das Gepäck auf Schultern und Hüften, die achtzehn Kilo waren etwa das Doppelte dessen, was empfohlen wird. Es sollte ein paar Tage dauern, bis ich mich dazu durchringen konnte, in einer Poststelle jedes einzelne Objekt auf seine absolute Notwendigkeit hin zu überprüfen und schliesslich ein grosses Paket nach Hause zu schicken.

«Ballast abstossen» ging mir dabei durch den Kopf – und mein Gemüt freute sich ob dieses bedeutungsschwangeren Sinnbildes. Es sollte nicht das letzte sein. «Der Weg ist das Ziel», pflegte jeder zweite Pilger zu sagen, wenn der Schuh auf den Hallux drückte und die nächste Herberge erst eine Sehnsucht war. Am zweithäufigsten hörte man den Spruch: «Wenn nichts mehr geht, dann gehe.» Auf Hubert wirkte dieser Satz wie ein Kraft spendendes Mantra. Er und Franz hatten mich plötzlich eingeholt, schon am zweiten Tag, und weil es mit ihnen irgendwie so nett war, wars das vorerst auch schon mit meinem selbst gewählten Allein-Unterwegssein-Dogma, und ich waltete fortan als Deutsch-Französisch-Übersetzerin, Hotel-Bookerin und offenes Ohr.

Franz und Hubert waren, jeder für sich, zu Hause losgepilgert, der eine in der Nähe von München, der andere aus der Region Stuttgart – beide mit dem Ziel, nach rund hundert Tagen in Santiago de Compostela anzukommen. Kennengelernt hatten sie sich auf der Via Jacobi in der Schweiz, seither waren sie die meiste Zeit zusammen unterwegs. Franz war bis zur Pensionierung Vorgesetzter in der Autozulieferungsbranche, Hubert arbeitete beim Schweizer Agrochemiekonzern Syngenta.

Beide hatten gute Gründe, einfach mal auszubrechen. Hubert redete viel darüber, Franz sprach kaum über Persönliches, und trotzdem überkommt mich auch Monate nach der Wanderung noch ein warmes Gefühl, wenn ich an ihn denke. Mit Hubert geht es mir genauso, obwohl ich ihm gegen Ende der Wanderung Riesenblasen an beide Füsse wünschte. In Golinhac war das, auf einem Campingplatz. Hubert hatte sich frühmorgens geputzt und gestriegelt zum Frühstücksraum geschlichen und Franz und mir kommentarlos das Saubermachen von Schlafstätte und Klo überlassen. Was folgte, war keine schöne Szene – vor allen anderen frühstückenden PilgerInnen.

Winzige Wunder

Aber wenigstens weiss ich seither: Wochenlang zu Fuss unterwegs sein, mag die perfekte Meditation sein für Leute, die keine zehn Minuten im Schneidersitz aushalten. Aber ein besserer oder nur schon ausgeglichenerer Mensch? Nein, der wirst du nicht. Wenigstens ein bisschen weiser? Leider nein.

Die spirituell Beglückten unter den PilgerInnen werden dem jetzt entgegenhalten, das allessei doch einzig eine Frage der Einstellung und des Sich-öffnen-Könnens. Zahlreich sind die Geschichten von Eingebungen, Wundern gar, die PilgerInnen auf dem Jakobsweg überwältigen, und jeder halbwegs erfreuliche Zufall wird gerne als Beweis für das Magische entlang diesem Weg gedeutet. Ging sogar mir so. Tagebucheintrag vom 28. Mai: Mein Hund «Gina trank dreimal so viel wie sonst. Noch vor Mittag war das Wasser alle. Kein Brunnen in Sicht. Schlechte Markierung in einem Weiler. Gehe einfach mal geradeaus. Nach wenigen Metern, ein Brunnen! Fülle die Flasche auf und will weitergehen, aber nix da, Ende des Weges. Staun. Sackgasse gleich Rettung.»

Santiago-PilgerInnen sind Suchende, die nichts finden ausser eines Zielortes, der laut, überfüllt, unpersönlich ist, kurz: enttäuschend. Santiago de Compostela in Galizien – jener Ort, wo die Gebeine des Apostels Jakob begraben sein sollen (vgl. «Kritik am Jakobsweg», unten). Weil 2010 ein heiliges Jakobsjahr ist, werden heuer nichtsdestotrotz noch mehr PilgerInnen aufbrechen als je zuvor.

Eine unterschätzte Droge

Sie kommen von überall her, auch aus Brasilien, Südkorea und Australien. Selbst Jenna Bush, die Tochter des Ex-US-Präsidenten, ist den Weg schon gegangen. Die meisten pilgern zwar erst im fortgeschrittenen Alter Richtung Santiago, aber neuerdings entdecken auch immer mehr Junge diese Form des mehrwöchigen langsamen Unterwegsseins. Ich habe in Figeac mit zwei Frischverliebten den Schlafraum geteilt, beide um die 25, er aus Israel, sie Kanadierin. «Wir dachten, das sei ein grossartiger Weg, Europa zu entdecken», sagte sie, «da wir kein Geld haben.» Super-Budget-Backpacking sozusagen. Mit der Intimität in diesen Schlaflagern gestaltet es sich zwar etwas kompliziert, aber dafür entfallen jegliche Transportkosten, Übernachtung und Essen werden in vielen Herbergen auf Spendenbasis offeriert, Shopping tut sich in Gedanken an die körperlichen Strapazen des folgenden Tages niemand an, und Gehen ist gesund, Spiritualität hin oder her.

Pilgern ist im Prinzip nichts anderes als Weitwandern für AnfängerInnen. Und für Feiglinge, wie ich es bin. Die Wege sind praktisch ausnahmslos idiotensicher markiert, wer sich den Fuss verknackst, kann sicher sein, dass innert Minuten jemand um die Kurve biegt und rettend die Hand ausstreckt. Und selbst wenn das Wasser einmal knapp wird: Die Menschen, die entlang dem Jakobsweg leben, kennen sich mittlerweile auch in Gebärdensprache aus.

In der zweiten Woche schrieb ich eine Postkarte: «Liebe Mam, alles bestens, geniesse jeden Tag. Die Landschaft ist wunderschön. Es hat Herbergen zuhauf, alle günstig, das Essen auch. Gina bislang stets willkommen. Könnte süchtig machen, dieses Gehen. Liebe Grüsse, Esther»

Gehen macht süchtig. Es hat etwas zutiefst Befriedigendes, wenn ein dumpfbackener Gedanke nach dem andern vorbeihuscht. Und sonst nichts. Wenn du immer dieses «kuckuck, kuckuck» hörst, über Hunderte von Kilometern hinweg, egal ob du durch einen Wald mit hohen Nadelbäumen gehst oder der trägen Rhone entlang oder über Weiden mit Kuhfladen. Wenn du nach längerer Unsicherheit, ob du dich noch immer auf dem richtigen Weg befindest (DAS Pilger-Sinnbild überhaupt), plötzlich wieder eine dieser blau-gelben Markierungen erspähst – und dich kurios geborgen fühlst, fern von zu Hause auf einem Weg, der eigentlich ein Korridor ist. Wenn du weisst, dass morgen genauso unspektakulär sein wird wie heute. Wenn du so verschwitzt bist, dass du dich unter normalen Umständen sofort unter die Dusche stellen würdest, hier aber noch Stunden vor dir hast und dich kein bisschen für dein Aussehen schämst. Wenn du mit Menschen ganze Abende verbringst, obwohl ihr euch politisch nie finden werdet – und du für diese Menschen am nächsten Tag wieder ein Bett reservierst, da, wo auch du nächtigen wirst. Wenn du morgens um halb sieben von Fischern zu einem Glas Wein eingeladen wirst (und schweren Herzens Nein sagst). Wenn du jeden Tag die Kleider von Hand wäschst. Und wenn du mit dem wenigen in deinem Rucksack wochenlang leben kannst und dich fragst, wofür du all die Dinge, die zu Hause rumstehen, eigentlich angesammelt hast.

Es gibt Menschen, die behaupten, Pilgern sei die beste Medizin, für den Körper, aber auch für die Seele. Ich kann bestätigen: Weitwandern ist eine unterschätzte Droge. Die meisten wollen es wieder tun. Sie wandern deshalb jeden neuen Jakobsweg ab, den es gibt – und es gibt immer mehr von ihnen, seit kurzem beispielsweise auch einen durchs Bündnerland. Es stimmt auch nicht, dass die Menschen auf dem Jakobsweg nichts finden, wie weiter vorne behauptet. Sie finden Ruhe, Momente des Glücks, Selbstvertrauen und Erinnerungen, die ihr Herz wärmen, ihr ganzes weiteres Leben lang. Das alles können sie freilich auf einem normalen Weitwanderweg genauso finden, aber auch ich werde dieses Jahr lieber nochmals auf dem Jakobsweg gehen.

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