Nr. 06/2010 vom 11.02.2010

Ein Schweizer namens Fürst

Jakob Fürst, ein Schweizer Nazi, spionierte 1942 als «Kanzleigehilfe» den US-Militärattaché aus und stürzte die alliierten Geheimdienste in eine Krise. Die USA mussten deshalb ihr Geheimdienstnetz an der «Schwelle des Deutschen Reichs» mitten im Krieg völlig neu aufbauen.

Von Peter Kamber

Eines der ungelösten Rätsel der geheimdienstlichen Seite des Zweiten Weltkriegs war bislang, warum der US-Geheimdienst 1942 Allen Dulles, seinen versiertesten Strategen – der von 1953 bis 1961 sogar CIA-Chef sein sollte – ausgerechnet nach Bern schickte und die Schweizer Bundeshauptstadt damit neben Madrid und London zu einem Hauptschauplatz im Geheimkrieg der Nachrichtendienste gegen Nazideutschland erhob.

Ebenso ungelöst war bisher die Frage, wie es 1942 der deutschen Funkabwehr gelingen konnte, den Chiffriercode der US-Gesandtschaft in Bern und des State Department zu knacken.

Im Lichte neu zugänglicher Quellen aus dem Schweizerischen Bundesarchiv stellt sich beides als direkte Folge des schwersten Schlages dar, den der US-Geheimdienst bis dahin auf dem Kontinent einstecken musste: Drei Monate lang, von Januar bis März 1942, las der militärische Geheimdienst der Nazis unter Admiral Wilhelm Canaris die Geheimberichte des US-Militärattachés in Bern mit. Ein Schweizer Bürogehilfe namens Jakob Fürst war ins Lager der Nazis übergetreten und lieferte einem deutschen Spionagering hochsensitives Material seines amerikanischen Chefs.

Die Arena der Spione

Der US-Militärattaché Barnwell Rhett Legge verfügte über ein geheimes Büro im Haus Nummer 36 an der viel befahrenen Thunstrasse. Legge, der zu jener Zeit den Rang eines Brigadegenerals einnahm, hatte das Army War College und die Ecole Supérieure de Guerre in Paris durchlaufen. Im Ersten Weltkrieg war er Truppenkommandant gewesen und nahm danach als Adjutant der First Division auch neun Monate an der Besetzung des Kaiserreichs teil. Von Bern aus leitete er seit September 1939 den US-Militärgeheimdienst gegen das Nazideutschland. Er stand im engsten Austausch mit seinem britischen Amtskollegen, Militärattaché Henry Cartwright. Die Schweiz war damals der «Warteraum Europas», ein «Jagdrevier für Spione aller Nationen», schrieb 1999 der Dulles-Biograf James Srodes.

Für den durch Reinhard Heydrich bedrängten Chef des deutschen militärischen Geheimdienstes «Ausland/Abwehr», Wilhelm Canaris, war der Schweizer Maulwurf bei den Amerikanern ein Glücksfall. Canaris war zwar gegen aussen regimetreu, duldete jedoch in seinem Berliner Dienstgebäude am Landwehrkanal die geheime «Gegenarbeit» eines zum Putsch gegen Hitler entschlossenen Widerstandskreises um Hans Oster und Hans von Dohnanyi. So befand er sich in der paradoxen Lage, gleichzeitig sabotieren und stets echte Geheimdienstarbeit leisten zu müssen, denn Heydrich, der Chef des Reichssicherheitshauptamts, setzte bereits alles daran, die aus seiner Sicht politisch unzuverlässige «Abwehr» zu übernehmen.

Der Schweizer Maulwurf

Der 1919 geborene Jakob Fürst, der verräterische Schweizer Bürodiener, galt für den US-Militärattaché, der ihn am 1. Oktober 1940 einstellte, als glaubwürdig. Fürst war durch den Hauswart der US-Gesandtschaft vermittelt worden, hatte früher, 1937, als Officebursche im Berner Hotel Bären etwas Englisch gelernt, ausserdem als Schweizer Soldat bis zu einem Sturz von einem Baum Militärdienst geleistet und war von zirka 1938 an etwa zwei Jahre «Hausbursche» im Bundeshaus gewesen. Unbeachtet blieb, dass Fürst, der infolge eines Militärunfalls im März 1939 an Dauerkopfschmerzen, zeitweise auch an epileptischen Störungen litt, «eine Auseinandersetzung» mit der Militärversicherung hatte: «was in mir eine Wut gegen unser Staatssystem hervorrief».

«Aus Neugierde» hörte sich Fürst am 12. November 1940, knapp sechs Wochen nach Arbeitsantritt bei Legge, eine Rede an, die der Anführer des «Bundes treuer Eidgenossen nationalsozialistischer Anschauung», Alfred Zander, im Berner Hotel Bristol hielt. «Ich liess mich von der nationalsozialistischen Sache begeistern, so dass ich in der Folge ein fanatischer Nationalsozialist wurde», erklärte Fürst später. Im Sommer 1941 liess er sich von der deutschen Gesandtschaft ein «Paket deutsches Propagandamaterial» schicken. Den Brief an die Gesandtschaft hatte seine Mutter gelesen und Fürst deshalb zu Hause rausgeworfen. Daraufhin wurde er vom 1. September 1941 an Untermieter eines reichsdeutschen Friseurs in Bern namens Karl Napravnik. Dieser gehörte einem deutschen Spionagering an und rekrutierte Fürst «kurz vor Weihnachten 1941» (Bericht der Schweizer Bundespolizei vom 20. April 1942).

Ein deutscher Agent namens Emil Knüttel, der in der Schweiz aufgewachsen war und als ehemaliger Kaffeevertreter mit sauber gezogenem Mittelscheitel eher darauf bedacht schien, nicht zur Wehrmacht einberufen zu werden, übernahm Fürst und brachte ihn mit Barzahlungen und salbungsvollen Worten dazu, den US-Militärattaché Legge zu hintergehen.

Die Lockspitzelin

Im Bemühen, verwertbare Ergebnisse zu liefern, hatte Canaris schon im Oktober 1941 seinen für militärische Gegenspionage zuständigen Amerikaspezialisten Wolfgang Loeff nach Bern geschickt. Loeff riss die Leitung der Operation Fürst an sich – und beging dadurch einen schweren Fehler: Knüttel wurde beauftragt, sein Geschick anderweitig unter Beweis zu stellen und in Zürich eine neue Agentin anzuwerben, die als Lockvogel gegen einen lateinamerikanischen Diplomaten eingesetzt werden sollte. Damit verletzte Loeff die eiserne Geheimdienstregel, keine gut gehenden Operationen durch weniger wichtige zu überlagern, die schiefgehen und erstere gefährden könnten.

Knüttel fand zwar in Zürich eine geeignete junge Frau, Adèle Cupelin. Sie war Kellnerin, dann Vertreterin gewesen und verfügte dank eines Liebhabers noch über ein Zimmer. In Bern wurde sie in einem kleinen Hotel beim Bahnhof mit behördlich abgehörter Telefonleitung einquartiert und erhielt sofort reichlich Geld, um sich teure Garderobe anschaffen und im vornehmsten Hotel Bellevue dem Zielobjekt den Kopf verdrehen zu können. Aber schon bald verplapperte sie sich, als sie mit einer Freundin telefonierte: «Ich erledige eine Arbeit, aber ich arbeite nicht.» Die Berner Polizei, die sie daraufhin überprüfte, schaffte es, sie «umzudrehen», und fortan berichtete sie den Schweizern heimlich von Knüttels Plänen.

Unterdessen hatte der Bürodiener Jakob Fürst einen Abdruck der Stempel und Siegel des US-Militärattachés Legge genommen. Den Inhalt der Papierkörbe sowie ausgediente Schreibmaschinen-Karbonblätter, die er hätte verbrennen sollen, übergab er dem Deutschen Napravnik. Auch Legges Briefe, die Fürst einzuwerfen hatte, sowie beim Militärattaché eingehende Postsendungen gingen immer häufiger zuerst in die deutsche Gesandtschaft, wo sie mit ekopiert und wieder verschlossen wurden.

Als der deutsche Spionagering der mit der Schweizer Polizei kooperierenden Adèle Cupelin ein Narkosemittel überreichte und ihr befahl, den uruguayischen Diplomaten Ernesto Benavides in dessen Wohnung in Tiefschlaf zu versetzen, um alle Dokumente an einer Schnur zum draussen wartenden Wagen herunterzulassen, schritt die Bundespolizei ein, bevor die Aktion durchgeführt werden konnte, und nahm am 27. März 1942 um zwölf Uhr mittags an der Thunstrasse auch den Schweizer Maulwurf Jakob Fürst fest: «(...) bin aber schon nach zwei Minuten ausgerissen, aber nach längerer Hetzjagd durch die Stadt wieder eingefangen worden», schrieb Fürst später in einem abgefangenen Kassiber an Knüttel.

Das OSS-Büro Bern

Unvorstellbar, wie sich der Fall entwickelt hätte, wenn Fürst den ganzen Krieg über geheimer Informant der Nazis geblieben wäre. Dank ihm waren die Deutschen in den Besitz des Klartexts der chiffriert in die USA gefunkten Meldungen gekommen. So gelang es der Funkabwehr, den Chiffriercode zu entschlüsseln und über die entdeckten geheimen Kanäle die Alliierten gezielt mit Desinformation zu versehen.

Die Reaktion der Amerikaner erfolgte schnell. Bereits am 21. April 1942 wurde Bern über einen «Vorausmann» in Kenntnis gesetzt. Der frühere NBC-Reporter Gerald Mayer war als «Spezialassistent» des US-Gesandten vorgesehen. Am 26. Mai erhielt Bern Bescheid, der eingetroffene Mayer wohne vorübergehend im Hotel Bellevue-Palace und sei «Chief of the Switzerland Division, Foreign Information Service of the Office of the Coordinator of Information, Washington D.C.». Nun war aber Office of Coordinator of Information (COI) genau der Name des neuen US-Geheimdienstes unter William Joseph Donovan, der am 13. Juni 1942 noch einmal neu organisiert und in Office of Strategic Services (OSS) umgetauft werden sollte. Am 27. Mai 1942 hatte Donovan Präsident Franklin Delano Roosevelt ausserdem in einem Memorandum darüber orientiert, dass die Schweiz zu einem Schlüsselposten zur Durchdringung Hitlerdeutschlands ausgebaut würde.

Der OSS-Geheimagent Allen Dulles hatte bis Ende Oktober 1942 auf ein spanischen Durchreisevisums zu warten. Am 2. November flog er über die Azoren nach Lissabon und traf schliesslich am 9. November in Genf ein. Beinahe wäre er nicht mehr durchgekommen, denn die angloamerikanischen Truppen waren tags zuvor in Nordafrika gelandet, und das Reich besetzte darauf auch das mit Nazideutschland kollaborierende Vichy-Frankreich den schmalen «freien» Korridor bei Annemasse, der zur Schweiz führte.

Der Berner Spionagefall muss zu den gravierendsten Rückschlägen für die alliierten Geheimdienste gezählt werden. Über Legge wurden auch die Verbindungen des britischen Militärattachés Henry Cartwright sowie geheime alliierte Kontakte zu Schweizer Nachrichtendienststellen kompromittiert. In einer von General Henri Guisan am 24. Mai 1942 angeordneten «Administrativuntersuchung» dementierten 1942 die Verantwortlichen zwar jeden Kontakt, doch die heute zugänglichen Akten in Bern und Berlin belegen diesen eindeutig.

Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet dieser Berner Spionagefall der Berliner Gruppe um Hans Oster und Hans von Dohnanyi ermöglichte, den 1939 abgerissenen Kontakt zu den Alliierten wieder anzuknüpfen. Der Mitverschwörer Hans Bernd Gisevius – seit 1940 getarnt als «Sonderführer der Abwehr» in Zürich tätig – fand nämlich erst bei Dulles Gehör, und auch nur, weil er diesem bereits beim zweiten Besuch im Februar 1943 eröffnete, dass der US-Code entschlüsselt worden war. «Er zog sein kleines schwarzes Notizbuch aus der Tasche und setzte den Hauptinhalt einer ganzen Reihe von Telegrammen zusammen, die von Bern nach Washington geschickt worden waren», erinnerte sich Allen Dulles 1948 in seinem Buch «Verschwörung in Deutschland».

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