Nr. 06/2010 vom 11.02.2010

Zwischen Afghanistans Kriegen

Von Daniel Schwartz

Gegossen in Milch und Blei der Abendhimmel. Der dunkle Punkt, plötzlich da und sogleich schon ansteigender Pfeil, der abdreht und, während der Sufi im weissen Kaftan für den Fahrer und seine fremden Gäste betet, todesstill wegschält, spezifische Erkennungsmerkmale zeigend, das Gesicht des Krieges, in der tadellosen Metamorphose zum Kampfbomber, einer F-15 Strike Eagle oder einer A-10 Thunderbolt. Treffliche Bezeichnungen der Natur der Verheerung, welche die Apparate säen werden nur Minuten später hinter den fernen Bergen Nuristans, im Luftraum über dem Kunar-Tal hart an Pakistans Grenze oder südlich von Dschalalabad in Paktia. Über jenen Teilen des afghanischen Theaters mit der höchsten kinetischen Aktivität, wie der Abwurf einer Bombenlast auf das Ziel im militärischen Jargon heisst.

Jedenfalls hinter der Raststätte, wo die lokalen Gäste der Schall kaum noch bekümmert, der umgehend ankommt aus der Richtung Bagrams, der Air Base, hinter der Geländeverwerfung gelegen, auf deren brauner Kruppe der Donner sich überschlägt und am diesseitigen Ufer des stahlgrauen Sayad die dunkelroten Tücher vibrieren lässt, welche schilfbedachte Kabäuschen verhüllen. Unmittelbar am Fluss auf hölzernen Stelzen stehende, jetzt, Ende Dezember, von den Gästen der Raststätte gemiedene Gehäuse. Selbst auf den Zementrampen hockt nebst Schirrins, des Fahrers «Corolla» nur noch ein weiteres zerschrammtes Auto, sodass die über dem dünnen shalwaar kamez nichts Warmes, bloss geflickte Jacken tragenden Knaben, ihre Hände und Füsse zerschabt und schwärzlich wie die im Sayad eisbesetzte Inseln bildenden Kiesel, gut nachkommen mit Waschen und Nabenpolieren.


Man nimmt also, auf der getünchten Zementstufe lagernd, in dem nach oben hin von gebleichten, am Blechdach befestigten Tuchstücken des Baldachins, am Boden hingegen von Teppichen und Kissen begrenzten Ausschnitt, sowohl den Krieg wahr als auch den Frieden. Sieht die abgestossene gelbe Eistruhe aus Plastik mit dem Fang des Tages, woraus man gewählt hat, die Gasflasche und die schwarze Schalenpfanne, absolutes Zentrum der Ordnung der einfach gebauten Kochstelle. Man schaut auf zu dem von der Schule heimgekehrten und sogleich dem Vater zugehenden Kind, wie es das Zinkbecken bringt mit dem breiten, flachen Rand, auf dem ein Stück hartkantige Seife und das gefaltete Tuch liegen, die Schnabelkanne, aus der es das gewärmte Wasser in kleinen Güssen spendet über die Hände, welche man, nun selbst Gegenstand der Beobachtung und deshalb etwas verzagt, reinigt, so sorgsam es geht. Schaut dann, wie das Kind auf der zuvor ausgerollten rostbraunen Plastikbahn Teegläser und Fladenbrote, das Tellerchen mit blass-violetten Zwiebelringen sowie roten und grünen Pfefferschoten abstellt und schliesslich das ovale Tablett, dessen Schnörkeldekor passt zu den im heissen Öl verzückt erstarrten kleinen Forellen, die man mit Kopf und Schwanz verspeist, während die Kampfbomber ihre Mission erfüllen, ohne Feindberührung (1), oder vielleicht schon erfüllt haben.


Wir waren in den Norden der Schomali-Ebene gekommen wegen Alexandria-ad-Caucasum (2), wo das Heer des Makedonen ruhte vor der Überschreitung des Hindukusch im Frühjahr 329 vor unserer Zeitrechnung. Die Landschaft niedergestreckt vom Winterschlaf. Lehmstaub auf allem. In den Scheinweferkegeln der MRAP, minen- und sprengfallenresistente, hinterhaltgeschützte Monster der US-Army, die Silhouetten in den patou gehüllter Radfahrer und gleichgültiger, mit Wasserkanistern beladener Esel. Weiter weg von der Air Base, unterwegs zwischen den Dörfern, Trupps von Kindern, das aufgeraffte, von Tuchballen zusammengehaltene Brennholz auf den Köpfen, oder mit Baumwolle beladene Schubkarren stossend. Zuweilen mitten in einem der alten Gesichter eine feuerrote Kaugummiblase.

Auf dem letzten Basar hatte Schirrin nicht mehr nach Überresten von Iskanders Stadt gefragt, sondern nach Kapisa, mutmasslicher zweiter Name der Lokalität. Einer war vom Teehaus herübergekommen, hatte sich vorgebeugt. Er sei über sechzig – Alhamdullilah! So alt sei Kapisa und alles andere hier auch. Wir hatten dann das neue Kapisa gefunden, bestehend aus einer Strasse mit versetzt aufgestellten Betonblöcken vor den Baracken der Armee und Polizei. Waren etwas unterhalb des Ortes an zwei ins Erdreich der Böschung abgesunkenen russischen T-54 vorbeigekommen. Ihre Rohre zeigten in die nackte Krone eines Maulbeerbaums. Davor wies ein Schild zur Notklinik. Die Strasse führte entlang der Vorberge in den Distrikt Nidschrab hinaus, der bei einem bizarr geformten Felssporn beginnt. Hinter diesem lägen die Taliban, hatte ein Alter gewarnt, der mit zwei Flinten aus den britisch-afghanischen Kriegen auf Vogeljagd ging. Aus der Richtung des Fels war ein Konvoi mit Bändern dekorierter Taxis herangeprescht, eine Hochzeit. Wir hatten überlegt und schliesslich gewendet auf der Strasse, die in die Arme der Taliban oder anderer Geiselnehmer führt, aber auch, sollte es nicht kommen zum Malheur, welches Sport geworden ist im heutigen Afghanistan, ins Tal des Tagab hinüber.

Vor einem Jahrzehnt, der Weg nordwärts Reisender durch dieses Tal umging damals die Gefechte in der Schomali-Ebene, hatte es sich gefügt, beim Ort Tagab mit einer Einheit der Taliban an die Front zu gehen. Dass die nachgerückte radikalisierte zweite Generation der Bewegung nun auch in diesem Segment des enger werdenden Rings um Kabul operiert, ist keine Überraschung. Aber auch wenn der Widerstand nicht mit Panzern vorrückt, sondern an jedem helllichten Tag, vorzugsweise morgens, Attentäter vorschicken kann mitten in das politische Herz des Landes, künstlich animiert von der Weltgemeinde hinter geröllgefüllten Hesco-Boxen, Natodraht und haushohen Sprengwällen, bedeutet es doch, dass die einzige aus der Hauptstadt herausführende noch halbwegs sichere Strasse jene nach Norden ist. Über den von den Sowjets gebauten und in den Weihnachtstagen vor exakt dreissig Jahren als Invasionsroute benützten Salang-Pass.


Anfang Januar fahren wir hinüber, um uns umzusehen in Masar und Sufis zu besuchen in Balch. An den Eingängen der langen, vermauerten Lawinengalerien und vor dem Scheiteltunnel Kinder mit Pickeln schmutziges Eis aufhakend für ein paar Afghani. Hunderte von Tanklastwagen mit brüllenden Motoren verkeilt in der kohlenmonoxydverseuchten Finsternis. Ein paar Tage später, auf dem Rückweg, ein aus Kundus gekommener Isaf-Konvoi bundesdeutscher Fuchs-Transportpanzer im Weg. Verdammt hinter Pul-e-Chumri den gesamten vom Basar heimdrängenden Verkehr zum Marschtempo einer Karawane baktrischer Kamele. Genervt arbeitet sich ein Tanklastwagen, deren Fahrer gelten als notorische Kiffer, da anders als im Rauschzustand die Akkordtransporte zwischen dem Gas- und Ölterminal in Hayratan an der usbekischen Grenze und Kabul nicht zu schaffen sind, an den Konvoi heran.

Gefangen in ihren fleckgetarnten Allradsärgen, muss den Soldaten das Blut stillgestanden sein, als die potenzielle Autobombe (3) plötzlich ausschert in einen flachen Graben unterhalb der Strasse und vorbeirast, nur kurz bevor der Konvoi, in dessen Mitte ein offenbar defekter Fuchs an der Schleppstange hängt, abbiegt und endlich die Bahn freigibt hinaus aus der Zone der gemäss Schildern von USAID entwickelten Siedlungen, wo, anders als bei nichtentwickelten, zwischen Steinhaufen am Strassenrand jeweils die Bettlerin in der Burka eine Abgabe erwartet. Nach der letzten Tankstelle frostumflort die Hänge der Steilkehren; das Nebelmeer tief in den Hindukusch hineinleckend und darüber an den höchsten Firnen noch etwas Abendrot. Der Satz «Islam be there for ever», mit schnellem Finger geschrieben in den russigen Schnee am Portal der blinden Röhre; aus dieser hinaus in den lachsfarbenen südlichen Himmel. Die Nacht, in der man nicht unterwegs sein sollte, kommt rasch und in der letzten Kehre am Fuss des Passes die lasche Kontrolle durch vermummtes Militär.


Verlassen Charikars Basarstrasse, wo man tagsüber Schneeketten besorgt und die bauchigen versiegelten Lehmbehälter feilgeboten werden, die seit Baburs Tagen den süssen Trauben ihre Frische erhalten. Ein Kind kauert am Eisentor, die Hände über brennenden Hölzchen. Was würde man ihm antworten, sollte es fragen nach dem Lichtwunder, dem gigantischen flachen Dom, der über der Ebene schwebt wie der Widerschein einer Kolonie Ausserirdischer in einem Science-Fiction-Film. In den 1950er Jahren mit Unterstützung der Sowjets gebaut und während der kommunistischen Okkupation wichtigster Stützpunkt, ist Bagram seit Ende 2001 der terrestrische Flugzeugträger des amerikanischen Regionalkommandos Central Command. Heimstatt von 20 000 Menschen, zumeist Militärpersonal, welche, die Basis kaum jemals verlassend, in beheiztem oder gekühltem Containerambiente warm bodies suchen in den von Aufklärungsflügen hereinkommenden, sensorproduzierten Bildern, Power-Point-Präsentationen richten, foltern, CI-manuals – Handbücher zur integralen Widerstandsbekämpfung – studieren, bloggen und bei all diesen Tätigkeiten kilometerweit sichtbar sind unter dem irrealen Lichtschild. Metapher nicht nur der Angst vor den Dingen ausserhalb des Perimeters, die weder berührt werden noch verstanden werden sollen, wie auch eklatanter Verschwendung von Energie. Denn nicht einmal Kabuls fünf Millionen zählende Bewohnerschaft vermag, was in dieser klaren Nacht die gemäss einem afghanischen Wort «von Gott Geschickten», seien sie nun im Land als Befreier oder Besatzer, schaffen – über der Schomali-Ebene die Sternbilder auszulöschen.

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