Nr. 07/2010 vom 18.02.2010

Wie das Gewitter nützlich wurde

Wie sahen die Menschen im Europa der Frühen Neuzeit die Natur? Ein Sammelband beschäftigt sich mit Mistsorten, Maschinentieren und einer Welt voller Wunder.

Von Bettina Dyttrich

Wenig wissen wir von der Zeit vor unserer Zeit. Das wenige gerinnt zu Schlagworten: Eroberungen, Reformation, Aufklärung. Rückblickend lässt sich die Epoche zwischen 1500 und 1800 als eine einzige grosse Fortschrittsgeschichte erzählen: vom Aberglauben zur Vernunft, vom Handwerk zur Fabrik, von der Ständegesellschaft zu den demokratischen Bewegungen.

Aus der Nähe betrachtet ist es allerdings komplizierter. Sehr schön zeigt das ein Sammelband, der die Beziehung der frühneuzeitlichen Europäer (und einiger Europäerinnen) zur Natur untersucht. Es geht um Hundehaltung und Rinderseuchen, die Donau und den Donner, Botanik und die Pest. Das Spannende dabei ist, dass sich Natur und Kultur nicht sauber trennen lassen – darum handelt das Buch von Landschaften, Ackerbau und Heilverfahren genauso wie von Weltbildern und religiösen Fragen.

Verehrung für jedes Äderlein

Für die Menschen der Frühen Neuzeit waren Religion und Wissenschaft keine Gegensätze. Im Gegenteil: «Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Natur ist vom 16. bis zum frühen 18. Jahrhundert in den meisten Fällen auch eine Form von Gottessuche», schreibt Kaspar von Greyerz in seinem Beitrag «Religion und Natur in der Frühen Neuzeit». Es war kein kalter, reduzierender Blick, den die Forscher auf die Natur richteten. Begeisterung und Ehrfurcht sind in ihren Texten spürbar, etwa beim Zürcher Arzt Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733): «Hertz, Auge, Ohr, Hirn, ja eine Drüse, ein jedes Aederlein ist eine Welt voll Wunder.»

Die Vorstellung, dass Gott mit Unwettern oder Seuchen die Menschen strafen wolle, wurde abgelöst vom Glauben an eine grundsätzlich positive Schöpfung. Jan-Friedrich Missfelder zeigt das am Beispiel des Gewitters: Es galt nun nicht mehr als Ausdruck von Gottes Zorn, sondern als sinnvolles Naturphänomen, das die Luft vor schädlichen Dünsten reinige. Dabei werde, so Doktor Scheuchzer, «der Nehr-Safft mit grösseren Kräfften, und höher getrieben in den Röhrgen der Gewächsen».

Wenn auch das Christentum und die antike Philosophie eine klare Hierarchie zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen betonten, gab es doch immer wieder Forschende, die die Ähnlichkeit der Lebewesen hervorhoben. So haben die Bäume in der Beschreibung des sächsischen Gelehrten Julius Bernhard von Rohr (1688–1742) fast etwas Menschliches: «Die alten Stämme, die Mütter, opffern ihr Leben auf, damit die jungen Stämme und Pflantzen, als ihre Kinder, zu desto bessern und nützlicherm Wachsthum gelangen können.»

Es gibt viele solcher Texte über die Kreisläufe der Natur, und manches davon klingt fast wie im modernen Biolandbau. Hier beginnt die Vorstellung, dass es immer nur aufwärts ging, zu bröckeln: Offensichtlich besassen die Menschen am Ausgang des Mittelalters ökologisches Wissen, das auf dem Weg ins technikgläubige 19. Jahrhundert verloren ging und erst vor wenigen Jahrzehnten, als die Schäden unübersehbar waren, wiederentdeckt wurde.

Hunde hauen? Kein Problem!

Doch den kalten Blick auf die Welt gab es bereits früher. Sein bekanntester Vertreter war der Philosoph René Descartes (1596–1650), der Tiere für Maschinen hielt. Paul Münch beschreibt in seinem Text über «Menschen und andere Tiere in der Vormoderne», wie Descartes’ Anhänger seine Lehre noch radikalisierten und behaupteten, Tiere hätten keinerlei Empfindung: «Wenn ein Tier schreie, dann bedeute das nichts anderes, als wenn eine Orgel zu tönen beginne, deren Tasten man niederdrücke.» Man machte sich einen Spass daraus, Hunde zu schlagen. Allerdings weckte die Idee auch heftigen Widerspruch: Die Bauern seines Dorfes hätten darüber nur gelacht, schrieb ein Pfarrer, und Elisabeth Charlotte von Orléans (1676–1744) drehte das Argument um: «Einem eifersüchtigen Bischof sagte sie ins Gesicht, es sei unsicher, ob er eine Maschine oder ein Mensch sei, dann an ihren eifersüchtigen Hunden sehe sie, dass Eifersucht nicht notwendigerweise ‹une passion de l’âme› sei, sondern sich auch als Bewegung einer Maschine deuten lasse.»

Während gelehrte Männer haarsträubende Theorien entwickelten, die «den Weibern» alle Vernunft absprachen, sah die Realität der Frauen offenbar vielschichtiger aus, als ihre schlechte rechtliche Stellung vermuten liesse. Spannend ist in diesem Zusammenhang Ursula Schludes Beitrag über die Kurfürstin Anna von Sachsen (1532–1585). Diese kümmerte sich mit ihrem Mann zusammen um ausgedehnte Landgüter, hatte ein grosses landwirtschaftliches Wissen und liess ihre Verwalter Versuche anstellen, etwa über die Qualitäten verschiedener Mistsorten. «Hinter den zumeist nur ‹männlich› ausgewiesenen Amtsbezeichnungen verbirgt sich oft ein Expertenehepaar. Die Hofgärtner arbeiteten nicht ohne ihre Frauen und Verwandten. Die Frau eines Dresdner Hofarzts leitete Annas Destillierhaus.»

Schlude wendet sich gegen den Glauben, vor der Verwissenschaftlichung der Agrarforschung habe es keine systematische Beschäftigung mit Landwirtschaft gegeben: «Wissen über die Natur in seiner instrumentell-technischen Ausprägung (...) ist Grundlage für jegliche landwirtschaftliche Praxis. Es kann auch ohne Schriftlichkeit auskommen.»

«Nas-weise Sterngucker»

Respekt für die PraktikerInnen hatten auch viele frühneuzeitliche Gelehrte. Scheuchzer ging etwa der Legende nach, dass sofort ein schweres Unwetter losbreche, wenn man einen Stein in das Seelein auf dem Pilatus werfe. Er stieg auf den Berg und erfuhr, dass die dortigen Sennen über diese Geschichte nur lachten. Sein Fazit: «In dieser Wissenschaft werden die nas-weisen Sterngucker von unsern gemeinsten Bauren weit übertroffen.»

Am Ende bleibt das Bild einer vielschichtigen, widersprüchlichen Epoche. Wären andere Wege in die Gegenwart möglich gewesen?

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