Nr. 07/2010 vom 18.02.2010

Täglich eine Zeitung fressen

Der indische Autor Aravind Adiga erzählt in seinem neuen Roman von einer Stadt mit Menschen, die von der Mittelschicht ignoriert werden. Sein Blick hinter die Fassaden des Wirtschaftswachstums in Indien enthüllt eine brutale Kastengesellschaft.

Von Gerhard Klas

«Ich denke nicht, dass ein Schriftsteller nur über seine eigenen Erfahrungen schreiben sollte», sagt Aravind Adiga. Er stammt aus einer wohlhabenden indischen Familie, hat eine Jesuitenschule im indischen Mangalore besucht, später in New York englische Literatur studiert und lebt heute wieder in Indien, in der Megametropole Mumbai. Sein erster Roman «Der weisse Tiger», für den er 2008 den Man-Booker-Preis gewonnen hat, erzählt aus der Perspektive eines Dienstboten einer Mittelschichtfamilie, der wie die Mehrheit der indischen Bevölkerung nicht vom derzeitigen Wirtschaftswachstum profitiert. «Es ist wichtig, über den Alltag dieser Leute zu schreiben – und nicht nur über die fünf Prozent meiner Landsleute, denen es gut geht», so der 35-jährige Adiga. Dieser Verpflichtung ist er in seinem neuen Roman «Zwischen den Attentaten» treu geblieben.

Die Wahrheit auf der Strasse

Adiga erzählt Geschichten von Menschen, die von der Mittelschicht ignoriert und verachtet werden. Seine Kurzgeschichten sind Porträts von GrenzgängerInnen, die in der fiktiven Stadt Kittor leben: eine Stadt mit einigen Hunderttausend EinwohnerInnen aus unterschiedlichen Religionsgemeinschaften an der Westküste Indiens im Bundesstaat Karnataka, in dem auch Adiga aufgewachsen ist. In Kittor gibt es eine im Bau befindliche Kathedrale, einen Tempel für die niedere Kaste der «Hoykas», ein Pornokino, konkurrierende Busunternehmen und Rikschafahrer, ein muslimisches Geschäftsviertel und eine hinduistische Bevölkerungsmehrheit. Kurz: Kittor ist eine Stadt mit viel Konfliktpotenzial.

Die GrenzgängerInnen passen in kein Schema. Da wäre der zwölfjährige Zaiuddin, der versucht, ein Auskommen zu finden, und masslos ausgebeutet wird. Der versoffene muslimische Textilunternehmer Abbassi, der aus Mitleid mit seinen Näherinnen, von denen viele bei der Feinstickerei erblinden, die Fabrik schliesst, um sie Tage später wieder zu eröffnen, weil sonst sein Lebensstandard gefährdet ist. Xerox, der aus einer Kaste kommt, deren Angehörige mit blossen Händen die Exkremente höherkastiger Hindus abtransportieren, verkauft Raubkopien von Büchern; nicht wegen Hitlers «Mein Kampf», den er auch im Sortiment hat, sondern wegen Salman Rushdies «Satanischen Versen», deren Verkauf in Indien verboten ist, zertrümmern ihm ein Verleger und ein Polizeibeamter mit einer Eisenstange die Kniescheiben. D’Mello ist der übergewichtige, rotzende und schimpfende Ko-Rektor einer Jesuitenschule, der anstelle der Demokratie eine Militärdiktatur bevorzugen würde. Gurujay verliert seinen Job als Redaktor, als er auf der Strasse die Wahrheit findet und darüber schreiben will, und geht täglich in die Stadtbibliothek, wo er die aktuellen Ausgaben der Tageszeitungen auffrisst. Dann wären da noch die Tochter eines drogenabhängigen Bauarbeiters, die die Liebe ihres Vaters verliert, ein maoistischer Kader, der seine Überzeugung aufgibt – und viele mehr.

Die Oberarme eines Hilfsarbeiters

Adiga hat alle Porträts mit so viel Humor und menschlicher Wärme geschrieben, dass die Lektüre der grausamen Geschichten nicht zu Albträumen führt. Manchmal schimmert auch Verachtung durch, die er für die Ignoranz der Mittelschicht übrighat, die sich am liebsten mit sich selbst beschäftigt. Etwa wenn Ratuna, ein selbst ernannter Sexologe, am Stand eines Strassenhändlers im Touristenviertel vorbeigeht. Dort werden T-Shirts feilgeboten, die das Mekka der globalisierten Mittelschicht verhöhnen: «New York Fucking City» steht darauf geschrieben. Oder wenn er die «langen und sehnigen» Oberarme eines Hilfsarbeiters beschreibt: «Er hatte nicht diese schimmernden, hervorquellenden Muskeln, die man sich in teuren Fitnessstudios antrainiert.»

Die grösste Demokratie?

Auf die Geschichten ist Adiga als Journalist gestossen, unter anderem als Korrespondent für die «Financial Times» und das Magazin «Time»: «Ich habe viel Zeit an Bahnhöfen verbracht; dort habe ich oft mit Rikschafahrern gesprochen, deren Intelligenz mich beeindruckt hat; sie sind witzig, herb, sprachlich geschickt und hegen absolut keine Illusionen über ihre Machthaber.»

Aravind Adigas Bücher haben in Indien wegen ihrer aufsässigen Beschreibung der Schattenseiten des Wirtschaftswachstums auch negative Reaktionen hervorgerufen. Er wolle den wirtschaftlichen Erfolg seines Landes nicht kleinreden, entgegnete Adiga, aber SchriftstellerInnen sollten sich auch mit den brutalen Aspekten ihrer eigenen Gesellschaft beschäftigen: «Ich will die Vorstellung hinterfragen, dass Indien die grösste Demokratie der Welt ist. Das mag in einem objektiven Sinn so sein, aber die ganz unten – die Armen – haben nur ganz wenig Einfluss.»

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