Nr. 08/2010 vom 25.02.2010

Zwischen Verlust und Hinnahme

Antonio Dal Masetto hat einen Schlüsselroman über die Veränderungen im modernen Italien geschrieben – und vor allem über das Immigrationsland Argentinien.

Von Valentin Schönherr

«Bei jedem Schritt drehte ich mich um, um zu unserem Haus hinaufzublicken, bis es verschwunden war und man nur noch die Krone des Walnussbaums sah, bis auch sie schliesslich verschwand. Dann gab es einen Bus, einen Zug, noch einen Zug, den Hafen von Genua, ein Schiff und Südamerika.»

So beendet der argentinische Schriftsteller Antonio Dal Masetto seinen Roman «Als wäre alles erst gestern gewesen» (2008). Darin erzählt eine gewisse Agata, wie sie am Lago Maggiore aufwächst, zwischen See, Bergen und Fabrikarbeit, zwischen selbstbewusstem Vater und aufkommendem Faschismus, zwischen PartisanInnen und deutschen Besatzern. Ein Roman voller autobiografischer Anklänge. Dal Masetto ist 1938 im norditalienischen Intra geboren – im Roman heisst der Ort Tarni –, seine Mutter wanderte mit ihm 1950 nach Argentinien aus.

In seinem neuen Buch «Als wärs ein fremdes Land» ist Agata soeben achtzig Jahre alt geworden. Längst hat sie in Argentinien Wurzeln geschlagen. Von Italien sind Erinnerungen geblieben – aber auch eine Sehnsucht, das Haus, den Walnussbaum und all die vertrauten Orte wieder aufzusuchen. Eine kleine Rente macht es ihr möglich, dem Verlust nicht das letzte Wort zu überlassen.

Als sie endlich in Tarni eintrifft, empfängt sie ein menschenleerer Bahnsteig. Als kalt und leer nimmt Agata das gegenwärtige Italien wahr: Die Verwandten, mit denen sie längst statt Briefen nur noch Weihnachtsgrüsse ausgetauscht hatte, stellen sich als ignorant und grobschlächtig heraus. Die Gärten sind zugebaut, die Fusswege asphaltiert, der Walnussbaum wurde gefällt, und die Leute singen nicht mehr, sondern schauen fern.

Zeugin der Gewalt

Allerdings ist für Agata die Vergangenheit auch keine heile Welt. Sie hat die Brutalität nicht vergessen, mit der ihr Vater von Faschisten zusammengeschlagen wurde, nicht die Lebensfeindlichkeit der Nonnen im Kinderheim. Und als Zeitzeugin der argentinischen Militärdiktatur ist sie hellhörig, wenn hilflosen Menschen Gewalt angetan wird. Dal Masetto spricht mehrmals Gewaltereignisse an – rechtsradikale Übergriffe, ein überfülltes somalisches Flüchtlingsschiff, dem in europäischen Häfen das Anlegen verweigert wird, oder die Flucht eines afrikanischen Strassenhändlers vor den PassantInnen, die ihn vertreiben. All diese Erfahrungen kondensieren, als Agata ein Museum besucht, in dem Folterinstrumente gezeigt werden: «Da waren sie, nur ein paar Zentimeter entfernt, nicht wie Dinge aus der Vergangenheit, sondern eingebettet in die Gegenwart, vollkommen intakt, bereit, eingesetzt zu werden.»

Und dann taucht mit Silvana eine junge Frau auf, die ihr fast zu einer Freundin wird. Anfangs unterstützt sie Agata auf den Wegen durch den Ort, dann interessiert sie sich aber immer stärker für ihre Geschichten, den abwesenden Vater, die verkorkste Beziehung oder einfach ihre Sicht auf die Welt. Eine raffinierte Konstruktion, diese einfühlsamen Dialoge über die Lebensalter hinweg: in einem Ort, der für jede der beiden Heimat ist, ohne dass es dieselbe Heimat wäre.

Gradlinig erzählen

Drei grosse Geschichten verwebt Dal Masetto in diesem Roman: die vom Verlust der Hoffnung, noch einmal in die Vergangenheit eintauchen zu können. Die vom Entsetzen darüber, dass die Erfahrung von Gewalt nicht das Ende derselben bewirkt hat. Und schliesslich die Geschichte von der Einsicht, dass einem auch auf der Suche nach der Vergangenheit gelebte Gegenwart passieren kann.

Trotz der komplexen Struktur wirkt der Text in sich stimmig und im Grunde ganz einfach. Darin zeigt sich Dal Masettos Könnerschaft: Er zieht seine LeserInnen in Bann, gerade weil er auf Tricks wie Cliffhanger, gebrochene Satzstrukturen oder multiperspektivische Verfahren verzichtet und so geradlinig erzählt, als könnte alles gar nicht anders sein. Zugleich wird sichtbar, wie bewusst er mit der Sprache umgeht, wie feinfühlig er Sinneseindrücke, Rededauer oder Assoziationen einsetzt, wie genau er komponiert. Ein Schlüsselroman nicht nur für die Veränderungen im modernen Italien, sondern vor allem auch für die biografische Sicht argentinischer ImmigrantInnen. Ihren Erfahrungen zwischen Verlust und Hinnahme wird hier eine gültige Form verliehen.

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