Nr. 08/2010 vom 25.02.2010

Faust im 20. Jahrhundert

Hédi Kaddours «Waltenberg» ist ein Spionage-, ein Liebes- und ein historischer Roman. Geschildert wird die Epoche vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Sowjetunion. Ein zentraler Schauplatz liegt in Graubünden.

Von Felix Schneider

Hédi Kaddour geht in seinem nun erstmals auf Deutsch erschienenen Roman «Waltenberg» den grossen Träumen des 20. Jahrhunderts nach: dem sozialistischen Traum von der Gesellschaftsveränderung, dem antikolonialistischen Traum von der Befreiung des Südens, dem französischen Traum von der Zivilisation, dem deutschen Traum von der Kultur, dem amerikanischen Traum vom Fortschritt, dem europäischen Traum von der Einigung des Kontinents. Das Zentrum der Romanhandlung liegt in Graubünden.

«Waltenberg» ist das Werk eines Poeta doctus, ein gelehrtes Buch, aber leicht und heiter zu lesen, eigenwillig in Stil und Komposition, reich an Denkanstössen, hervorragend aus dem Französischen übersetzt von Grete Osterwald.

Drei Musketiere im Zauberberg

Eine helle Neubauwohnung auf zwei Etagen mit einem Flügel an zentraler Stelle. Eine Katze streift umher. Kaddours Heim liegt ausgerechnet in Le Kremlin-Bicêtre – praktisch ein Teil von Paris. Der Autor bekennt seinen literarischen Ehrgeiz: Marcel Proust, Thomas Mann, André Gide, Hermann Broch, Virginia Woolf – darunter macht er es nicht. Und dass das nicht schiefging, liegt an seiner unerschöpflichen, aber nie überbordenden Fantasie. Er wollte, erzählt er, einen Abenteuerroman schreiben und «Die drei Musketiere» von Alexandre Dumas mit Thomas Manns «Zauberberg» zusammenkrachen lassen. Die zeitgenössische Form des Abenteuerromans sei aber der Spionageroman! Der habe zudem zwei Vorteile: Er ist spannend wie ein Krimi – wer verrät was an wen? –, und er verlangt die Darstellung der Zeitgeschichte.

Aber damit nicht genug. Kaddour lächelt genussvoll. «Mich interessiert, was aus dem Faust-Mythos im zwanzigsten Jahrhundert geworden ist. Mephisto, der Geist, der stets verneint, hatte einst eine göttliche Macht als Widersacher. Wenn nun aber im 20. Jahrhundert Gott tot ist, wie Friedrich Nietzsche sagt, wem kann Mephisto dann noch sein Nein entgegenschleudern?»

Mit «Waltenberg» debütierte anno 2005 ein Sechzigjähriger als Roman-cier. Der Publikation gingen sieben Jahre Recherche und Schreiben voraus. Geboren ist Kaddour 1945 in Tunesien, wo er seine Kindheit verbrachte. Nach dem Umzug der Familie in die Capitale wurde er ein reines Produkt der französischen Eliteschulen, zunächst des Lycée Henri IV. Er wurde Lehrer, übersetzte Gedichte vor allem aus dem Deutschen, publizierte regelmässig eigene Gedichtbände im renommierten Verlag Gallimard und ist, unter anderem als Theaterkritiker, Mitarbeiter der Zeitschrift «La Nouvelle Revue Française». Er wurde während des Algerienkriegs politisiert, arbeitete als Gewerkschafter und sympathisierte mit dem Trotzkismus, ohne je Mitglied einer Partei oder Organisation geworden zu sein. Sein zweiter Roman, «Savoir-vivre», eine andere Geschichte aus dem Universum von «Waltenberg», ist soeben auf Französisch erschienen.

Das erotische Zentrum von «Waltenberg» ist die Sängerin Lena Hellström alias Hotspur. Sie betritt den Roman im Jahre 1913, indem sie in einem Schweizer Hotel die Tür des Speisesaals zuschlägt – genau wie Clawdia Chauchat im «Zauberberg» von Thomas Mann. Wie diese verkörpert Lena Hellström das männliche Begehren. Ist sie zu Beginn eher eine Männerfantasie, so gewinnt ihr Charakter im Verlauf der Erzählung an Eigenschaften und Widersprüchen. Als Spionin informiert sie die US-Amerikaner über die Vernichtungslager der Nationalsozialisten, und als diese aus ihren Informationen keine Konsequenzen ziehen, das heisst die Gleise nach Auschwitz nicht bombardieren, verrät sie schliesslich die Geheimnisse der amerikanischen Atombombe an die Russen – in einer urkomischen Szene.

Lena und der Nein sagende Engel

Lena wird begehrt von drei verschiedenen Männern: Lilstein, Kappler und Goffard. Michael Lilstein lernen wir als brillanten blutjungen Revolutionär kennen: Mephisto im 20. Jahrhundert. «Er ist schön wie der nein sagende Engel.» Er kommt aus jüdisch-grossbürgerlichem, progressiv-marxistischem deutschem Elternhaus. Seine Entwicklung ist exemplarisch. Er wird Stalinist, überlebt Auschwitz und den Gulag, arbeitet schliesslich als Meisterspion im Dienst der DDR. Als solcher will er nicht mehr die Welt verändern, sondern den Atomkrieg vermeiden und die friedliche Koexistenz der beiden Systeme im Kalten Krieg sichern. Gegen Ende spielt er das Spiel noch weiter, ganz ohne Ziel. Vom Geist, der stets verneint, ist ihm noch die Psychologie geblieben: Sobald seine Vorgesetzten etwas von ihm verlangen, erwacht in ihm die Lust, das Gegenteil zu tun. Mephisto verwandelt sich im 20. Jahrhundert in einen Spion, sein Wissen ist, «was die Welt im Innersten zusammenhält».

Die beiden anderen Musketiere sind: Lilsteins väterlicher Freund, der Deutsche Hans Kappler, und der Franzose Max Goffard, ein «grand reporter», ein investigativer Journalist mit besten Beziehungen. Goffard erlebt als Soldat den Ersten Weltkrieg und als Berichterstatter den marokkanischen Rifkrieg – bei Kaddour ein Vorspiel zum Zweiten Weltkrieg und zu den antikolonialen Befreiungskriegen. Kappler, eine Art Stefan Zweig, kann sich wie viele deutsche Intellektuelle seiner Generation im Kalten Krieg zwischen Ost und West nicht recht entscheiden. Das Freundespaar Kappler-Goffard macht den Roman zu einem deutsch-französischen Roman, so wie das Jahrhundert in seiner ersten Hälfte ein deutsch-französisches war.

Den ganzen Roman hindurch bemüht sich Lilstein, den «Maulwurf», einen jungen Mann, dessen Identität erst ganz am Schluss des Buchs enthüllt wird, als Spion zu gewinnen, indem er ihn direkt anspricht, sodass die LeserInnen in die Rolle des künftigen Spions geraten und an sich überprüfen können, wie überzeugend Lilstein argumentiert – aus eigener Leseerfahrung kann ich sagen: sehr überzeugend. Ich glaube, ich wäre in seine Dienste getreten.

Europa im Bündnerland

Kaddour hat seinen historischen Roman aktualisiert mit zahlreichen Episoden und Aussprüchen aus dem Paris von heute. Er promeniert gerne durch die Stadt und zeichnet mit einem kleinen Diktiergerät auf, was er sieht und hört. Romanschreiben ist für Kaddour immer auch Reportage. Die sprachliche und stilistische Vielfalt seiner Erzählung ist enorm, die kompositorische Komplexität hinter der leicht lesbaren Oberfläche beeindruckend. Kaddour arbeitet mit Rückblenden, Vorausschauen, Parallelhandlungen. Er montiert Dokumente, Anekdoten, direkte Rede, Erzählungen, Anspielungen, Zitate. Zahlreich ist das fiktive und historische Personal. Wild ist der Ideenreichtum aus Politik, Ökonomie und Kunst, der da verhandelt wird.

Zusammengehalten wird die Fülle, die sich auf 710 Seiten ausbreitet, von der Einheit des Ortes: Waltenberg ist das verträumte Graubündner Dörfchen, das der kleine, an Schnee nicht gewöhnte Tunesier Hédi als staunender Schüler im Skilager in St. Antönien erlebt hat. Die Fantasie des Autors hat dort ein riesiges Hotel-Schloss aus der Zeit um 1900 hingestellt, in dem er nun die grossen europäischen Seminare der Zwischenkriegszeit stattfinden lässt, jene Treffen der Geistesgrössen, PolitikerInnen und Spione, die in Wirklichkeit im Davos der zwanziger Jahre stattgefunden haben und sich später zum Forum von Davos entwickelt haben.

«Waltenberg» ist ein geglückter historischer Roman, weil Fantasie und Wirklichkeit vollkommen ineinandergehen. Einerseits hat Kaddour Figuren und Situationen erfunden, die so glaubwürdig in die Zeitgeschichte passen, als wären sie historisch. Andererseits hat er historische Situationen gefunden, die zwar wahr sind, aber völlig unwahrscheinlich wirken. Beispiel: die grandiose Eröffnungsszene des Romans. Französische Dragoner, hoch zu Ross wie in den napoleonischen Kriegen, wollen beweisen, dass ihre Zeit nicht vorbei ist. Sie attackieren deutsche Flugzeuge und Maschinengewehrstellungen. Das Gemetzel ist fürchterlich. Diese unglaubliche Szene verdichtet den Charakter des Ersten Weltkriegs, in dem das 19. und das 20. Jahrhundert ebenso zusammentreffen wie Deutschland und Frankreich.

Abgesehen von wenigen löblichen Ausnahmen waren die deutschsprachigen LiteraturkritikerInnen zu faul und zu desinteressiert, um Kaddours «Waltenberg» wahrzunehmen. Wer wacher ist, bekommt Unterhaltung, Fantasie, geistige Anregung und historische Information in seltener Kombination.

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