Nr. 09/2010 vom 04.03.2010

Die Apfelernte

Von Silvia Süess

Die Frau liegt im grünen Bikini auf dem Rücken, in ihrem Bauch ist ein Loch mit Wasser, in dem ein Mann mit Sonnenbrille badet. Ihr grünes Haar hat sie kunstvoll nach oben gebunden. Hinter ihr liegen weitere Frauen mit badenden Männern im Bauch. «Der Badebauch» ist der Titel des Textes, der diese Illustration begleitet.

Zuerst war das Bild, dann kam der Text. Diesen Weg schlugen der Luzerner Illustrator Benedikt Notter und der in Zürich wohnhafte Journalist Claudio Zemp für ihr Buch «Die Apfelernte» ein. Das Buch versammelt «24 skurrile Bilder und Texte», die monatlich in der Satirezeitschrift «Nebelspalter» erschienen sind. Notter hat jeweils ein Bild gezeichnet, Zemp liess sich davon zu einem Text inspirieren. Das klingt bei der Frau im Bikini zum Beispiel so:

«Die Frau im Sommer ist kein offenes Buch, sondern eine offene Bauchwunde, in der ein Macho planscht. Im Gegensatz zum Kind im Manne lenkt das Männlein im Weibe die Aufmerksamkeit bedauerlicherweise von der Frisur ab. Sehr selten fällt der kunstvoll geflochtenen Haarpracht jenes Interesse zu, das ihr gebührt.»

Zemp schreibt im fliessenden Plauderton, spricht mit der Leserin, stellt ihr Fragen, die er zum Teil auch gleich beantwortet. Das ist manchmal lustig, manchmal auch etwas platt. Ganz und gar nicht platt hingegen sind Notters wunderschöne Bilder: Meist in Rot-Grün-Rosa-Tönen gemalt, sind sie von subtilem Humor und liebevoller Originalität. Da ist zum Beispiel die geknickte Sonnenblume, in deren Stempel sich kleine Gesichter befinden und neben der ganz viele leere Schuhpaare stehen. Oder das weisse Pferd mit Ankertattoo auf dem Po, einem Steuerrad auf dem Rücken und eingebautem Sitz, in dem ein Männlein sitzt.

«Die Apfelernte» ist sehr gut neben dem Bett aufgehoben. So können vor dem Einschlafen jeweils ein Bild studiert, ein Text gelesen – und dann das Raucherei, die Milchmaschine, das Himmelbett oder die Transfetten mit in die Träume genommen werden.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch