Nr. 09/2010 vom 04.03.2010

Der Hund lebt viel kürzer und schneller

Am 7. März kommt die Tierschutzanwalt-Initiative zur Abstimmung. Wer immer noch zweifelt, dass Tiere eine Seele haben, lese «Hundeherz» der schwedischen Autorin Kerstin Ekman, der nun auf Deutsch vorliegt.

Von Anna Wegelin

Kerstin Ekman, 76 Jahre alt, gehört zu den bekanntesten schwedischen SchriftstellerInnen ihrer Generation und wird seit vielen Jahren auch im deutschsprachigen Raum gelesen. Zu Recht, denn sie schreibt ausgesprochen schön und präzise über fundamentale Dinge im Leben.

Ekman begann in den sechziger Jahren mit intelligenten Krimis, die ihre vielen skandinavischen Genre-Nachkommen in den Schatten stellen. Sie hat in monumentalen Romanen schwedische Frauenleben im Zeitalter der Industrialisierung beschrieben und die Abholzung des Waldes in ihrem Land festgehalten. Und sie schreibt grossartige Bücher über Natur und Kreatur.

2008 erschien auf Deutsch «Der Wald» («Herrarna i Skogen», 2007). Die «literarische Wanderung» ist eine ausladende «Enzyklopädie des Waldes», die das Wissen eines ganzen Menschenlebens enthält. Jetzt ist endlich auch der – um einiges ältere – Roman «Hundeherz» («Hunden», 1986) übersetzt. In den Worten der Basler Schriftstellerin und Nordistin Verena Stössinger handelt es sich dabei um eine «kleine, ausgeführte Miniatur; wie bei den alten Handschriften die Bilder am Seitenrand».

Überleben dank des Elchkadavers

«Der Hund lebt viel kürzer und schneller als wir, der Wald viel länger und langsamer», sagt Kerstin Ekman in einer schwedischen Zeitung. Ihr Roman «Hundeherz» erzählt von einem «Ereignis», das den Lauf der Zeit beendet und alles von Grund auf neu auslegt.

Ein Hundewelpe verliert seine Mutter und seinen Halter im Schnee. Er flüchtet unter den Wurzelstock einer Fichte, vergräbt seine Schnauze unter der Schwanzwurzel und wartet. Den grimmigen Winter im schwedischen Landesteil Norrland überlebt er nur dank eines Elchkadavers – und seines Überlebenswillens.

«Der Graue» hungert und friert. Er verlangt nach Leben, wie sein Herz, das «wie ein Vogelflügel gegen die Kälte und Nässe flatterte. Unregelmässig und emsig zuckte es, hungrig nach Leben und Wärme, nach guten Stimmen, nach Milch und Sonne, nach Zungen, Fell, Pfoten und Bäuchen und Läufen flatterte es.»

Als die Tage länger werden, tankt er Sonne und leckt Schmelzwasser, frisst Fuchsköttel und Fischreste, saugt Vogeleier aus und zermanscht Multbeeren, knackt Wühlmäuse und Waldmäuse. Er lauscht dem Gesang der Weidenmeise und dem Gurgeln im Sumpf. Er wittert die Füchsin und meidet den Fjällwind. Menschenstimmen und Motorengeräusche, die dann und wann an sein Ohr dringen, hält er instinktiv auf Abstand. «Er war gezwungen, auf eigene Faust zu lernen, was er wissen musste», so die Erzählstimme. «Hinter ihm war nichts mehr, woran er sich erinnerte.»

Im nächsten Herbst finden der Hund und sein Herr durch Zufall wieder zueinander. Das Tier geht fortan für die Menschen auf die Jagd, der Kreis schliesst sich. Doch der Graue bleibt in Wartestellung – der Roman endet mit dem Satz: «Niemand weiss, ob es für das, worauf er wartet, überhaupt ein Wort gibt.»

Im Duell und Duett mit der Natur

«Hundeherz» ist eine ungemein einfühlsame Annäherung an das Innere eines Geschöpfs im Duell, aber auch im Duett mit der Natur. Dabei erkundet Ekman, die während über zwanzig Jahren in der nordschwedischen Provinz Jämtland lebte, die ihr vertraute Pflanzen- und Tierwelt wie eine romantische Biologin nach dem Vorbild des schwedischen Naturwissenschaftlers Carl von Linné (1707–1778), dem Wegbereiter der modernen botanischen Nomenklatur. Wir erleben die Jahreszeiten in einer Wildnis aus Moor, Weide, Wald, See und Fjäll hautnah. Und begegnen der lebendigen Flora und Fauna auf Schritt und Tritt: Eberesche, Knorrbirke, Eisenhut, Adlerfarnstaude, Mädesüss, Milchlattichstaude, Gebirgsfrauenfaun, Zittergras, Sternmiere; Birkhahn, Sumpfohreule, Raufussbussard, Unglückshäher, Schellente, Kriebelmücke, Gnitze ...

Am Schluss geht es uns wie der Erzählung selbst: «Wann endet ein Ereignis? Es endet vielleicht nie.»

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