Nr. 09/2010 vom 04.03.2010

Am warmen Fels

Von Alfons Ummenhofer

Wer in Italien klettern will, kommt bis auf wenige Ausnahmen – das Gebiet um Finale Ligure oder die Felsen Sardiniens – nicht mehr um die Kletterführer von Versante Sud herum. Diese bieten alle wesentlichen Informationen über die Klettergebiete, liefern geschichtliche Hintergründe und beschreiben detailliert die Routen. Der Mailänder Verlag hat nun etliche seiner Werke auch in deutscher Sprache aufgelegt.

Der Kletterführer «Di Roccia di Sole», der Fels der Sonne, umfasst 68 Gebiete in ganz Sizilien. Schwerpunkt bilden die Regionen um Siracusa, Messina und die Felsen bei Palermo und Trapani.

Goethe auf dem Monte Pellegrino

Wir waren Anfang Dezember auf Sizilien und jeden Tag im T-Shirt unterwegs. Im Sommer ist es oft zu heiss und häufig noch erdrückend schwül. Um genügend Programm bei schlechtem Wetter zu haben, quartierten wir uns in der Nähe von Palermo ein. Die Stadt mit ihrem morbiden Charme ist allein schon eine Reise wert. Zwischen Palermo und Mondello, dem mondänen Badeort, erhebt sich der Monte Pellegrino. Auch Goethe war schon dort oben und hat ihn als das schönste Vorgebirge der Welt beschrieben. Der 600 Meter hohe Gebirgsstock liegt praktisch mitten in der Stadt. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig war dies für uns schon: Fuhren wir doch diesmal in die Stadt hinein und nicht aus ihr hinaus.

Die Sportkletterrouten am Pellegrino teilen sich in neun Sektoren und sind meistens nur eine Seillänge lang. Eine Ausnahme bildet jedoch «Lo Schiavo», die eindrückliche Kalkwand mit Klettereien bis zu 220 Meter Länge. Die Schwierigkeiten konzentrieren sich auf die Grade 6a bis 7a. Man parkt bei der Trabrennbahn neben dem Fussballstadion, geht durch den Parco della Favorita und ist in wenigen Minuten am Einstieg. Wenn dann noch die Rosaneros vom lokalen Fussballclub US Palermo ein Heimspiel haben, steigt man im Jubel von 37 000 Fans durch die Wand.

Gegenüber erhebt sich der Monte Gallo. Der Sektor Bauso Rosso – ein zirka einen Kilometer langer überhängender roter Felsriegel mit unzähligen Sinterfahnen – wird viel begangen. Das Klettern an den mineralischen Ablagerungen ist populär; nirgendwo trafen wir so viele Kletterbegeisterte wie hier. Den Zustieg zu diesem Bereich säumen unzählige Bauruinen. Angeblich, so erzählt man uns, habe hier die Mafia in Immobilien spekuliert, um ihr Vermögen zu waschen; seit die Justiz jedoch mit mehr Verve gegen die organisierte Kriminalität vorgehe, fehle der Mafia das Geld. Oder sie investiert es lieber anderswo.

Für Naturjunkies wie uns, die wir in den Alpen jahrelang Bergeinsamkeit suchten, war der Blick auf die halbfertigen Wohnblocks unter uns jedenfalls gewöhnungsbedürftig. Aber Fels ist super.

Ganz anders die Aussicht aus den Routen bei San Vito lo Capo. Zu Recht werden die Felsen an der Küste Richtung Trapani im Führer zu den schönsten auf ganz Sizilien gezählt. Ebenfalls neun Sektoren bieten unterschiedlichste Kletterei mit mehreren Seillängen am Monte Monaco und über 150 Sportkletterrouten entlang der Scogliera di Salinella. Die Klippen bilden einen vier Kilometer langen, etwa fünfzig Meter hohen Felsriegel, der nur wenige Meter vom Meer entfernt aufragt.

Alle wichtigen Details

Massimo Cappuccio, der seit Jahren als Wander- und Trekkingführer in den Naturschutzgebieten Siziliens unterwegs ist, und Giuseppe Gallo, einer der erfahrensten Kletterlehrer des italienischen Alpenclubs CAI auf der Insel, haben mit «Di Roccia di Sole» einen Kletterführer verfasst, der alle wichtigen Details enthält: Zugänge, Routenskizzen, Schwierigkeitsgrade und Piktogramme. Vor allem diese Informationen machen das in den längeren Textbeiträgen etwas unbeholfen (aber verständlich) ins Deutsche übersetzte Buch zu einer Fundgrube für alle, die jetzt schon, im Winter, warme Felsen suchen. Und die gesellschaftliche Widersprüche nicht scheuen. Momentan jedenfalls ist Sizilien die lange Anfahrt wert.

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