Nr. 10/2010 vom 11.03.2010

Für die Julia von morgen

In ihrem neuen Roman inszeniert Isolde Schaad einen sprühenden Tanz der Geschlechter. Vor allem aber befreit sie verbrauchte Ideengestalten und erweckt sie zu neuem Leben.

Von Anna Wegelin

Mann und Frau (Hure und Madonna), Nord und Süd, Reich und Arm, Alt und Jung: Isolde Schaad (65), mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin, Publizistin und langjährige WOZ-Autorin aus Zürich mit Schaffhauser Wurzeln, liebt es, Gegensätze unserer Gesellschaft auseinanderzubeineln.

Auch in ihrem neuen Roman «Robinson und Julia» seziert Schaad genüsslich die abendländisch-christliche Ordnungskultur in einem hellwachen, scharfzüngigen Tanz der Geschlechter mit stetig wechselnden Perspektiven – auf dass wir uns ja nicht in ihre Figuren verlieben und dazu angetrieben werden, zu hinterfragen, was scheinbar Norm auf alle Ewigkeit ist. Der ebenso dichte wie intelligente Text kommentiert aber auch das aktuelle Zeitgeschehen – ob Rentenklau, Bonischweinerei, Tschador-Debatte oder «Südschneiser»-Protest – und teilt bekannten Schweizer Profitmaximierern der Bankenwelt kleinere und grössere Seitenhiebe aus.

Zwischen Altbau und Konzernglas

Die drei wichtigen Eckpfeiler von Schaads Gender-Anthropologie in Spiegelsaalmanier sind William Shakespeares Tragödie «Romeo und Julia», Daniel Defoes Roman «Robinson Crusoe» und eine Simone-de-Beauvoir-Biografie). Zu den «wichtigen Statisten und Handlungsbefugten» gehören unter anderen der Renaissance-Maler Lukas Cranach der Ältere und die feministische Philosophin Judith Butler: Sie die Autorin der wegweisenden Schrift «Das Unbehagen der Geschlechter», er der Schöpfer des biblischen «Sündenfalls» im Bild, in Schaads Roman «der Meister des Durchblicks» genannt.

Ort, Zeit und Raum wechseln frisch, frei und boshaft zwischen Zürich und Chiapas, heute und gestern, Altbauwohnung und Konzernglaskasten. Fünf «Bücher», Kapitel beziehungsweise Akte, halten das Ganze zusammen. Wobei dieses Ganze durch ein geschlechterspezifisches Namensverzeichnis zusammengehalten wird, das womöglich eine Art Vernetzung herstellt zwischen beweglichen Frauen- und statischen Männerfiguren: Eva, Julia, «Claps», Simone und wie sie alle heissen; Adam, Robinson, Josef, Jean-Paul und andere mehr. Eine zusammenhängende, abschliessende Geschichte wird nicht erzählt. Aber eine unmöglich-mögliche Dreiecksbeziehung. Es dominiert eine «Quadratur des Dreiecks» zwischen zwei Frauen und einem Mann: Sie räumt nicht nur mit dem Mythos der freien Liebe (für Männer, bitte schön!) auf, sondern stellt auch die Freundschaft (unter Frauen) auf den Prüfstand: «Es ist eine bittere Erkenntnis gewesen, dass zwei nicht in Frieden leben können, wenn die Dritte in diesem Frieden enthalten sein will, mit Haut, Haar und Hormonen.» Und: «Man behandelt Freundschaften wie Zimmerpflanzen, ohne einen grünen Daumen zu haben, sie werden besprüht, abgestaubt, aber nicht ausreichend genährt.»

Die Ménage-à-trois sind Eva, Adam und Carla Lou Salomé Freifrau von Fonté (eine Anspielung auf die Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Lou-Andreas Salomé), genannt Claps. Eva, die erste Frau, ist mal Gastgeberin, mal Restauratorin mit Teilzeitjob in einem koreanischen Takeaway, mal Künstlerin. Adam, der erste Mann, wird irgendwann Möbeldesigner. Und Claps, «die Geliebte des Mannes der besten Freundin», war und ist Entwicklungshelferin in Chiapas, 1,80 Meter gross und grundgefährlich.

Copyright der Unglücksfälle

Wenn es nur so einfach wäre! Dann ist da nämlich noch die bedrängte, bewegte Julia (Kapulett), die sich in Rio und São Paulo selbst findet und zurück in «Z.» (Zürich) zur Forschungsassistentin eines Viscose-Imperiums avanciert – beim Wirtschaftsmagnaten Bauer Josef, Spitzname Clever. Der wiederum Eva – inzwischen Künstlerin – Kunst am Bau machen lässt. Während Julia einem Fachmann für Labors für Umweltverträglichkeit namens Derek Surrey Winston Robinson wieder begegnet, der sich als ein primitiver «Dr. Halbgott» entpuppt ...

Dankbar um Evas Bemerkung, «meine Identität sollte für jede Epoche reichen, das bin ich der Genesis schuldig», heftet sich die Leserin an ihre Fersen. Eva, «die Initialzündung des Weibes», besitzt schliesslich «das Copyright an der Urgeschichte der Unglücksfälle und Verbrechen» – oder, mit Adams müden Worten, gibt gerne die «Urfeministin». Keine schlechte Idee, denn am Ende wird Eva eine ganz normal gestörte Frau mit ur-romantischen Vorstellungen von Liebe und Gleichstellung.

«Robinson und Julia» ist der unorthodoxe Kommentar einer Schriftstellerin der Achtundsechzigergeneration zu «elendiglich missbrauchten Ideengestalten», die trotz Frauenbewegung, Dekonstruktivismus und Gendermainstreaming nach wie vor ihr Unwesen treiben. Das «Opus für Dreiecks Geschädigte ebenso wie für Insel Gebeutelte», so Isolde Schaad gegenüber der WOZ, ist witzig und böse. Es gibt Sätze, die in jede persönliche Agenda gehören: «Gott ist ein Mann. Das heisst, er muss kompensieren»; «Die Einwanderer wussten noch nicht, dass hier jede Form von Sarkasmus in den Wind gesprochen war und die angesagte Tonart Neutralität war»; «Das Ganze nennt sich Corporate Governance, setzt sich aus vielen nutzlosen Sitzungen zusammen und wird sprachlich neutralisiert mit einer Sprühdose namens Wording, die durch und durch positiv sprüht. Und dann».

Brillantes Figurenskizzenkabinett

Doch Isolde Schaads intensiver Text geht über die originelle Gesellschaftskritik mit dem deprimierenden Fazit hinaus, dass der Geschlechterkrieg nicht auszurotten und die Frauen ewige Verliererinnen sind. Das sperrige, brillante Figurenskizzenkabinett einer eckigen und kantigen Autorin, deren göttliches Werkzeug eine im deutschsprachigen Raum einzigartige Sprache mit einmaligem Tonfall ist, mündet in eine totale Hingabe zum Leben, eine Robinsonade für die Julia von morgen. Weshalb die Autorin auch das Motto für ihren Roman vom Altmeister der tragischen Liebe, William Shakespeare, um ein alles verwandelndes Wort in sein Gegenteil kehrt: «Most detestable death / By cruel thee, quite overthrown! / O love! O life! / Not death, but love IN LIFE» (in der Übersetzung nach Schlegel: Fluchwürd’ger, arger Tod, durch dich berückt / Durch dich so grausam, grausam hingestürzt! / O Lieb’! o Leben! nein, nur Lieb’ IM LEBEN)

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