Nr. 11/2010 vom 18.03.2010

Wer arbeitet mit?

Das Interesse an der gemeinschaftlich organisierten Landwirtschaft wächst: Jetzt kann man auch in Zürich und Winterthur Gemüse aus solchen Initiativen im Abo kaufen.

Von Bettina Dyttrich

Langsam haben die Schneeglöckchen Erfolg. WOZ-LeserInnen erinnern sich noch an die gefrässigen Blumen des Illustrators Sämi Jordi, die kürzlich auf der letzten Seite der Zeitung den Schnee weggeschleckt und -geknabbert haben. Spechte, Biber, Apfelbäume und andere Tier- und Pflanzenwesen bevölkern Sämi Jordis Bilder fast immer. Kein Wunder: Dort, wo Jordi aufgewachsen ist, in Thalheim im Zürcher Weinland, geht es tatsächlich lebendig zu und her.

Zuerst war da ein grosser Garten, in dem die Eltern Christine und Walter Jordi Gemüse für den Eigenbedarf anpflanzten. Dann baute der Bruder Tobias die Scheune in eine Schreinerei um. Und jetzt entsteht in Thalheim auch noch ein Projekt der regionalen Vertragslandwirtschaft: Ab dem nächsten Donnerstag wird Tobias Jordi wöchentlich Gemüse an zwei Sammelstellen in Winterthur liefern. KonsumentInnen können Gemüsepakete in verschiedenen Grössen abonnieren, bezahlt wird im Voraus. Die verschiedenen Aktivitäten in Thalheim haben ein gemeinsames Dach: den Verein Holzlabor.

Schwein statt Düngersack

Noch liegen Schneereste auf dem flachen Grundstück mit den Hochstammbäumen unterhalb des Dorfes. Aber die Spatzen tschilpen schon laut, und der Knoblauch streckt erste grüne Spitzen aus der Erde. Daneben hat violetter Federkohl überwintert, und unter der Vliesabdeckung gedeiht Wintersalat. Nadin Bill, Landwirtin in Ausbildung, ist seit dem letzten Sommer daran, den Gemüseanbau auszudehnen. «Zum Glück konnten wir nebenan ein Gewächshaus pachten.» Die Biozertifizierung läuft.

Fünf junge Wollschweine und ihre Mutter wühlen im Dreck. Sie sehen sehr schlau aus. «Dank der Schweine müssen wir den Boden weniger bearbeiten, und sie liefern einen Teil des Düngers», erklärt Nadin Bill. Später werden sie als Plätzli und Würste in Thalheim auf dem Tisch landen. Denn inzwischen kocht Christine Jordi fast jeden Mittag für ein gutes Dutzend Menschen: Die MitarbeiterInnen der Holzwerkstatt essen hier, zurzeit auch einige Zimmerleute auf Wanderschaft, die in der Scheune einen Zirkuswagen bauen. Und die GemüseabonnentInnen sollen mindestens einen Tag im Jahr mitarbeiten. «Es ist uns sehr wichtig, Synergien zwischen den verschiedenen Arbeitsbereichen des Vereins zu nutzen», sagt Nadin Bill. So hat Tobias Jordi ein Treibhaus auf Rädern für die Anzucht von Setzlingen gebaut, in dem jetzt zarte Zwiebel- und Kohlpflänzchen keimen. Das Tomatenhaus stammt genauso aus der eigenen Werkstatt.

Auch in Zürich entsteht ein Vertragslandwirtschaftsprojekt: Anfang März wurde die Genossenschaft Ortoloco gegründet. Biobauer Samuel Spahn aus Dietikon hat Ortoloco ein Stück Land verpachtet, auf dem die Gemüsegärtnerin Anja Ineichen arbeitet. Gemüse gibts ab Juni – nur für GenossenschafterInnen: «Wir wollen, dass die Leute mitdenken und mitschaffen, nicht nur konsumieren», sagt Christian Müller, einer der GründerInnen.

Entstanden ist die Idee für Ortoloco letztes Jahr in der «Montagswerkstatt» im Zürcher Infoladen Kasama, einer Diskussionsreihe aus Anlass der Wirtschaftskrise. Christian Müller erinnert sich: «Sehr wichtig war die Frage: Wie können wir einen Teil unseres Alltags ausserhalb des Kapitalismus organisieren?» Ortoloco sei ein Anfang: «Wir träumen davon, diese Produktionsweise auf weitere Wirtschaftszweige und Lebensbereiche auszudehnen.»

Melken, mosten, Traktor fahren

Das Interesse an Landwirtschaft wächst – das spürt auch die Zürcher Landwirtschaftsschule Strickhof. Viele Interessierte ohne eigenen Hof besuchen die berufsbegleitende Zweitausbildung Biolandwirtschaft. Doch die LandwirtInnenausbildung steckt in einer Reform; bald wird es nur noch Vollzeitlehrgänge geben. Deshalb haben die auf Biolandwirtschaft spezialisierten Lehrkräfte am Strickhof einen neuen Biokurs entwickelt.

Bettina Springer, die Rindviehhaltung unterrichtet, sagt: «Wir möchten Menschen ohne landwirtschaftlichen Hintergrund ansprechen, die über so etwas Essenzielles wie die tägliche Nahrung mehr wissen wollen.» Der Kurs findet während eines Jahres jeweils freitags statt, dazu kommen zehn Samstage auf Biohöfen. Dort können die TeilnehmerInnen vieles selber ausprobieren: melken, mosten, Bäume schneiden oder Traktor fahren. «Natürlich reichen ein paar Tage nicht, um ein Profi zu werden», sagt Bettina Springer. «Aber sie geben einen Einblick in den Arbeitsalltag, der später etwa mit einem Praktikum vertieft werden kann.»

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