Nr. 11/2010 vom 18.03.2010

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Während im Parlament die SVP zeitweilig linker tönt als die SP, stehen im täglichen Leben immer mehr Linke auf dem Acker: Die Idee der regionalen Vertragslandwirtschaft ist in der Deutschschweiz angekommen.

Von Bettina Dyttrich

In der Agrarpolitik ist die Welt verkehrt. Auch letzte Woche wieder, im Ständerat. Da wurde ausführlich die globale KleinbäuerInnenbewegung Via Campesina zitiert: «Ja, dort steht es: ‹Ernährungssouveränität ist das Recht jeder Nation, ihre eigene Kapazität zu erhalten und zu entwickeln, um Nahrungsmittel zu produzieren, die wichtig für die nationale und kommunale Ernährungssicherheit sind, und die kulturelle Vielfalt und die Vielfalt von Produktionsmethoden zu respektieren.› Ich weiss nicht, was man dagegen haben kann, das muss ich Ihnen ehrlich sagen.» Und wer sagte das? SVP-Ständerat Hannes Germann.

Die kleine Kammer stritt über Ernährungssouveränität und Selbstversorgung, unter anderem über eine parlamentarische Initiative von Bauernverband-Vize Jacques Bourgeois und eine Motion des grünen Zuger Nationalrats Jo Lang. Für die SP sprach die Konsumentenschützerin Simonetta Sommaruga. Und wie so oft, wenn sich die SP zur Landwirtschaft äussert, brachte Sommaruga richtige und wichtige Einwände: Die Selbstversorgung der Schweiz sei viel tiefer als die offiziell genannten sechzig Prozent, wenn man die Futtermittelimporte einrechne, sagte sie. Und auch für die Energieselbstversorgung sollte dringend mehr getan werden. Stimmt alles. Aber sind das Gründe, um die Ernährungssouveränität abzulehnen?

Der Freihandel wirds regeln

Nein. Was Sommaruga wohl vor allem am «Symbolbegriff» Ernährungssouveränität stört, ist seine implizite Kritik an Globalisierung und Freihandel. Denn das geplante Agrarfreihandelsabkommen mit der EU «wäre das wichtigste Instrument, damit die Schweiz in Krisenzeiten nicht von der Nahrungsmittelversorgung abgekoppelt werden kann», ist sie überzeugt. Dass freie Warenflüsse das beste Mittel gegen Versorgungsengpässe seien, ist liberale Theorie. Auch WTO-Direktor Pascal Lamy, ein französischer Sozialdemokrat – der kürzlich bei der SP-Fraktion zu Besuch war –, glaubt daran. In der Praxis gehen die Waren im Freihandel aber nicht dorthin, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Sondern dorthin, wo das Geld ist. Und davon gibts bei uns ja genug. Aber ist das fair, nachhaltig und links gedacht?

Nach Sommarugas Plädoyer gegen die Initiative Bourgeois wirkte es seltsam, dass sie die Ernährungssouveränitäts-Motion von Jo Lang befürwortete. Ihre Begründung: «Wenn der Zugang zu den natürlichen Ressourcen eingeschränkt wird, wenn Handelsregeln einseitig die reichen Länder bevorzugen, wenn Umweltabkommen zu wenig Rücksicht nehmen auf die Bedürfnisse des Südens – immer dann soll sich die Schweiz für das Ziel der Ernährungssouveränität einsetzen.» Für die SP ist Letztere also immer noch ein Drittweltthema.

Die Grünen sind einen Schritt weiter. Das zeigt sich nicht nur daran, dass sie im Gegensatz zur SP überhaupt Motionen zum Thema einreichen, sondern auch am Plädoyer des Genfer Ständerats Robert Cramer: «Es geht darum, eine bäuerliche Kultur zu bewahren, also die bestehenden Höfe zu erhalten, sich gegen das Bodenhamstern zu wehren und direkte Kontakte zwischen Produzenten und Konsumenten, zwischen Stadt und Land zu fördern. Dazu braucht es anständige Löhne in der Landwirtschaft.»

Genau das sind die Anliegen von Via Campesina und ihrer Schweizer Vertreterin, der Westschweizer BäuerInnengewerkschaft Uniterre. Sie finden Zustimmung bei immer mehr Menschen, die sich über die Globalisierung der Landwirtschaft Sorgen machen. Wie der Waadtländer Linksaussen-Nationalrat Joseph Zisyadis: «Wir haben immer dafür gekämpft, dass alle Menschen genug zu essen haben – nicht dafür, dass in den Haushalten am Schluss mehr Geld für Mobiltelefone als für Nahrungsmittel ausgegeben wird.» Wer immer tiefere Preise fordere, müsse sich überlegen, «wo das hinführt, wenn einige Multis am Ende die Welt mit billigen Nahrungsmitteln versorgen», sagte Zisyadis letzten Herbst dem «DLZ-Agrarmagazin».

Die Gefahr der Grösse

Das wachsende Interesse an der Landwirtschaft hat nicht nur mit Sorgen, sondern auch mit Wünschen zu tun: nach einem Bezug zum eigenen Essen, einer sinnvollen Arbeit, Dreck an den Händen. Die regionale Vertragslandwirtschaft, die mit fairen Verträgen geregelte, direkte Zusammenarbeit zwischen Bäuerinnen und Konsumenten, boomt in der Westschweiz schon lange. Nun beginnt sie auch bei uns Fuss zu fassen: Letzten Herbst gründeten BernerInnen das Projekt Soliterre, jetzt starten Gemüseabo-Initiativen in Zürich und Winterthur (vgl. «Wer arbeitet mit?»).

Regionale Vertragslandwirtschaft ist vermutlich das ökologischste und sozialste Modell der Lebensmittelversorgung, das sich denken lässt. Die beteiligten Bäuerinnen und Gärtner müssen dank eines ausreichenden Einkommens nicht am Rand des Zusammenbruchs krampfen wie viele ihrer Berufskolleginnen. Und die Konsumenten verlassen ihre passive Rolle und werden mitverantwortlich, mitbeteiligt. Gemeinsam mit der Vertragslandwirtschaft ist auch Uniterre auf dem Sprung in die Deutschschweiz: «In der Region Basel und im Kanton Zürich haben bereits Treffen stattgefunden», sagt Uniterre-Mitarbeiter Reto Sonderegger. «Wir hoffen, dass bald die ersten Deutschschweizer Sektionen gegründet werden.»

Mit ähnlichen Zielen – regionale Kreisläufe, kurze Transportwege, sinnvolle Arbeit – traten vor dreissig, vierzig Jahren die BiopionierInnen an. Heute ist Bio zum Business geworden, mit allen damit verbundenen Problemen: Verlust persönlicher Kontakte, wachsende Lohnunterschiede, fragwürdige Produkte (UHT-Milch, Erdbeeren im März) und weite Wege. Die Vertragslandwirtschaft ist ein neuer Versuch, sich nicht vom Kapitalismus verbiegen zu lassen. Viele Projekte haben bewusst eine Grössenbeschränkung – die Beteiligten wissen, dass Quantität immer auch Qualität verändert. Nicht nur die Qualität der Produkte, sondern auch der Arbeit und der Beziehungen.

Und wenn einige doch geschäftstüchtig, gross und gestresst werden? Wenn dann noch Gemüse wächst, werden andere kommen und neu anfangen.

Nachtrag vom 26. Januar 2012

Gemüse aus dem Kollektiv

WOZ-Artikel sorgen für Freude oder Ärger – und manchmal für Gemüse. Der Artikel «Ein kleines Stück Antwort auf die grossen Fragen» stellte Bauern und Gärtnerinnen aus Genf vor, die eine bestechende Idee verwirklichen: direkte, vertraglich geregelte Zusammenarbeit zwischen Produzentinnen und Konsumenten. Bald sprang der Funke über den Röstigraben: Inzwischen gibt es auch in der Deutschschweiz rund zehn Vertragslandwirtschaftsprojekte.

Etwa die Genossenschaft Ortoloco in Dietikon ZH (www.ortoloco.ch), deren Gründung vor zwei Jahren auch vom WOZ-Artikel inspiriert war. Nun hat man beschlossen, den Betrieb zu verdoppeln: Auf 14000 Quadratmetern werden zwei Gärtnerinnen, unterstützt von GenossenschafterInnen, Gemüse für rund 200 Haushalte anbauen. «Es geht uns nicht darum, immer weiter zu wachsen», sagt Mitgründer Christian Müller. Die Verdoppelung wurde beschlossen, um der zweiten Fachkraft ein angemessenes Pensum bieten zu können. Gute Bedingungen für die Angestellten sind ein wichtiger Grundsatz der Vertragslandwirtschaftsbewegung.

Konkurrenzieren solche Projekte nicht einfach die Bioläden? «Ich glaube nicht», sagt Müller. «Wir vergrössern den Kreis der Leute, die anders wirtschaften wollen.» Sie hätten guten Kontakt zu Zürcher Bioläden – einer dient sogar als Depot für Ortoloco-Gemüse. «Wir verkaufen kein Gemüse, wir organisieren den Anbau und alles andere gemeinsam.» Neue GenossenschafterInnen sind willkommen.

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