Nr. 11/2010 vom 18.03.2010

Eine Flasche Tequila zum Abschied

Kunstausstellungen, Opern, Tennisturniere – die UBS ging jahrelang unter reichen Leuten auf Kundenfang. Dabei missachtete sie US-Gesetze. Ein Blick hinter die Kulissen.

Von Carlos Hanimann

«Business or pleasure on this trip? – Business. Always business.»
The Greek in der US-amerikanischen Fernsehserie «The Wire»

Art Basel? Da denkt man: Kunst, Bilder, Installationen. Vielleicht sogar: Hauptsponsor UBS. Aber woran die wenigsten denken: geheime Bankkonten, Briefkastenfirmen, illegale Bankgeschäfte. Aber genau darum ging es in den Jahren 2002 bis 2008 an der Art Basel Miami Beach, der amerikanischen Schwesterveranstaltung der Schweizer Kunstmesse. Das heisst: nicht direkt.

«Sei vorsichtig. Du darfst meinen Namen nicht nennen. Sonst bekomme ich Probleme.» Das heisst es gleich zu Beginn, wenn man mit ehemaligen UBS-Angestellten spricht. Das sagt auch einer, mit dem sich die WOZ in einem Zürcher Café zum Gespräch trifft. Er kommt spät, ist in Eile, hat sich verfahren. Aber dann zieht er seine Handschuhe aus, legt die Sonnenbrille auf den Tisch und nimmt sich Zeit. Der Mann im dunklen Anzug mit aufgeknöpftem Hemd bestellt Kaffee, trommelt mit seiner Lippenpomade auf den Tisch und erklärt, was die Art Basel Miami Beach mit der UBS verbindet: «Kunstausstellung, Tennisturnier, Orchester oder Oper – der Anlass spielte keine Rolle. Das Ziel war, mit reichen Leuten ins Gespräch zu kommen, die das Potenzial hatten, Private-Banking-Kunden der UBS zu werden.» Er erzählt, was sich in den USA abspielte; wie rund um die Art Basel Miami Beach Partys und Dinners stattfanden, an denen die Bank Kunden anlockte, die später verbotenerweise von Schweizer Kundenberatern angegangen wurden und ein geheimes UBS-Konto in der Schweiz eröffneten; wie die verantwortlichen Manager mitzogen, die Berater gar mit hohen Boni dazu anspornten und ihnen in Workshops beibrachten, wie sie sich bei diesen illegalen Geschäften nicht vom FBI erwischen lassen.

Vom Fall UBS zum Fall Schweiz

Obwohl das Schurkenstück UBS ein politisches Drama ist, geht es dabei vor allem um die Handlungen der UBS – der Kundenberater, der Manager und der obersten Chefs. «Folgst du der Spur des Geldes, dann weisst du nicht, wo zur Hölle es dich hinführt», sagt der Polizist im Fernsehen. Und im Fall UBS führt die Spur in die USA, an die Wall Street und nach Miami. Denn erst die US-Geschäfte der Grossbank verwandelten den Fall UBS in einen Fall Schweiz.

Einerseits das Investmentbanking: Marcel Ospels Ziel, die UBS zu einer der grössten Investmentbanken an der Wall Street zu machen, führte dazu, dass die Bank auf ihrem Weg nach oben sämtliche Warnungen in den Wind schlug und sich stark im US-Hypothekenmarkt exponierte. Die Folge: Zusammenbruch, Krise, 68-Milliarden-Rettungspaket.

Andererseits das Private Banking: Die UBS kaufte 2000 die US-Bank Paine Webber und stieg zur weltweit grössten Vermögensverwalterin auf. Über 3000 Milliarden Franken verwaltete sie Ende 2007. Die zum Teil illegale grenzüberschreitende Vermögensverwaltung bot der UBS einen entscheidenden Vorteil. Sie war laut dem Journalisten und UBS-Kenner Lukas Hässig eine günstige Refinanzierungsquelle: «Wäre die UBS nicht die Nummer eins im Privatkundengeschäft gewesen, hätte sie auch niemals eines der grössten Finanzwettbüros zimmern können.»

Zelt oder Villa?

Am 7. November 2000 unterzeichnet Kaspar Villiger, damals FDP-Finanzminister, heute UBS-Präsident, den Antrag der Bankiervereinigung, dem sogenannten Qualified-Intermediary-System der USA beizutreten. In der Folge schliesst die UBS ein Abkommen mit den USA: Die Bank darf neu US-Wertpapiere für Nicht-US-KundInnen handeln. Im Gegenzug muss die Bank die Vermögen ihrer US-KundInnen offenlegen.

Das QI-Abkommen sorgt unter UBS-JuristInnen für Stirnrunzeln. In einem internen Schreiben weist der US-Teamleiter Ende 2001 auf mögliche Probleme hin. Das QI-Abkommen mache die Bank «in den USA angreifbar» und berge die Gefahr, «dass die Art und das Ausmass unseres Offshoregeschäfts aufgedeckt werden».

Die Kundenberater dürfen auf amerikanischem Boden ohne Bewilligung keine Bankgeschäfte mit ihren US-Kunden mehr ausführen. Noch nicht mal besprechen. Das trifft vor allem die Schweizer Kundenberater, bei denen reiche US-KundInnen ihr Geld vor der Steuerbehörde IRS verstecken. Keine Telefonate, keine E-Mails, keine Treffen in den USA. Doch die UBS umgeht dieses Verbot. Sie schickt ihre rund sechzig Kundenberater aus Genf, Zürich und Lugano immer wieder in die USA. Sie reisen mehrmals im Jahr in die USA, verbringen ein bis zwei Wochen in einem Hotel, führen täglich zahlreiche Kundengespräche im Hotelzimmer, nehmen Aufträge entgegen, gehen an Partys, pflegen Kontakte – und akquirieren neue KundInnen.

Hier führt die Spur des Geldes nach Miami: Die UBS ist seit 2002 Hauptsponsor der Art Basel Miami Beach. Vor dem Luxushotel Delano baut sie 2004 ein Zelt für 500 Gäste auf. Nebenbei lädt sie zu privaten Partys und Dinners. Die Bank bezahlt und organisiert sie, aber ihr Name taucht nirgends auf. Keine UBS-Fahnen, keine Firmenlogos. Die Leute an diesen Partys sind kunstinteressiert, begehrt, erhalten zehn, fünfzehn Einladungen pro Abend für verschiedene Partys, vor allem aber sind sie eines: verdammt reich. Und jetzt mal ehrlich: Wo würdest du hingehen? In ein offizielles UBS-Zelt, wo du beim Ausgang eine Bankbroschüre erhältst, oder in eine Villa, wo sie dir zum Abschied eine Flasche Tequila in die Hand drücken?

Die UBS stellt Leute ein, die nur dafür da sind, ihre Kontakte spielen zu lassen, die richtigen Partys zu schmeissen und die wichtigen Leute einzuladen. Und dann bringen sie sie mit Kundenberatern ins Gespräch. Ein ehemaliger UBS-Mann sagt: «Diese Leute kümmerten sich um das Netzwerk: Wo sind reiche Leute? Wie kommen sie an die ran? Welche Kundenberater dürfen mit? Und dann stellten sie Berater und potenzielle Kunden einander vor und sahen zu, dass sie sich noch einmal treffen können. Das war ihr Job.»

Eines muss man an dieser Stelle wissen: Das oberste Ziel einer Bank ist Wachstum. Und dafür überschreitet die UBS die Grenze zur Illegalität. Die Schweizer Kundenberater reden mit den Gästen nicht nur über Kunst, Golf und Jachten, sondern auch über Steuervehikel und Geheimkonten in der Schweiz. Dafür werden die Banker fürstlich entlöhnt, Boni über 100 000 sind die Regel. Und sie verstehen ihr Geschäft. Im Jahr 2004 bringt jeder im Schnitt rund 4 Millionen Franken Neugeld, die wichtigste Grösse in der Vermögensverwaltung. 2006 sind es 17 Millionen. Ihr Chef, Martin Liechti, ein Westschweizer Banker, der sich vom Lehrling beim Bankverein zum Chef der Vermögensverwaltung in Nord- und Südamerika hochgearbeitet hat, treibt sie an, noch mehr Geld für die Bank zu sammeln, denn auch sein Bonus wächst. Anfang 2007 schreibt er in einer Mail: «Um unsere Zukunft zu sichern, brauchen wir WACHSTUM!» Sein Ziel: 60 Millionen Franken pro Kundenberater. Jährlich.

Das einzige Problem dabei: Die Schweizer Banker dürfen laut US-Gesetz in den USA gar keine neuen KundInnen akquirieren.

Einer, der das merkt, ist der Kundenberater Bradley Birkenfeld, ein hochgewachsener und lauter Amerikaner mit Schnauzbart, der in Genf arbeitet. Martin Liechti hat ihn zur UBS geholt, obwohl er unter den sechzig Kundenberatern ein relativ kleiner Fisch ist. Er ist jung, nicht lange dabei. Aber er hat den einen wichtigen Kunden: Igor Olenicoff, ein russischer 200-Millionen-Dollar-Mann, der viel Wert auf Diskretion, aber wenig auf eine ehrliche Steuererklärung legt. Er ist Birkenfelds Kapital. Olenicoffs Vermögen bringt der Bank jährlich rund vier Millionen Dollar an Gebühren. Aber weil Birkenfeld kaum Neugeld bringt, nicht mit Liechtis Wachstumsforderungen Schritt halten kann, gerät er unter Druck. Bis er ein Schreiben entdeckt, auf dem deutlich steht, dass seine tägliche Arbeit – die Ausflüge in die USA, die Jagd auf Neugeld, die Treffen mit KundInnen – illegal ist. «Paradoxer kann ein System nicht sein: Du musst unter pekuniärer Strafandrohung – kein Neugeld, kein Bonus – in die USA reisen, um Kundengespräche zu führen, und die Reisen jeweils von deinem Vorgesetzten absegnen lassen. Aber gleichzeitig heisst es, das sei alles verboten.»

Birkenfeld wird zum Whistleblower, meldet sich bei der Konzernleitung und weist sie auf den Widerspruch hin. Die UBS leitet eine Untersuchung ein, die nach kurzem versandet. Massnahmen ergreift die Bank nicht.

Schliesslich überwirft sich Birkenfeld mit Liechti, angeblich weil Liechti keinen Bonus zahlen wollte. Einem Freund soll Birkenfeld gesagt haben: «I will take this fucker down.» Birkenfeld meldet sich bei den US-Behörden, liefert ihnen Dokumente, erläutert die kriminelle Geschäftspraxis der UBS: mit komplizierter Verschlüsselungstechnik gesicherte Laptops, in Zahnpastatuben geschmuggelte Diamanten, Workshops, in denen die Banker lernen, wie man sich bei Beschattungen durch das FBI verhält ... «Paranoia», schrieb ein amerikanischer Reporter einmal, «ist nur ein anderes Wort für Ignoranz.» Die UBS hat sich daran gehalten.

Die US-Behörden ermitteln gegen die UBS, Liechti wird als Kronzeuge festgehalten. Wenig später lassen ihn die USA in die Schweiz ausreisen – als freien Mann. Warum, ist bis heute unklar. Weder Liechtis Anwälte noch das US-Justizministerium wollen sich dazu äussern. Klar ist nur, dass bald darauf ein anderer ins Fadenkreuz der US-Behörden gerät: Raoul Weil, weltweiter Chef der UBS-Vermögensverwaltung und Nummer drei der Bank. Die USA zielen auf eine Klage gegen die UBS. Aber im Februar 2009 schafft die Grossbank die Klage aus der Welt. Sie zahlt 800 Millionen Franken Busse, damit sie nicht vor Gericht muss. Die Finma liefert gleichzeitig auf Geheiss des Bundesrates rechtswidrig 285 Kundendossiers an die USA und lüftet das Bankgeheimnis. Im Sommer 2009 muss die Schweiz 4450 Kundendossiers an die USA übermitteln. Die Prüfung der Herausgabe kostet den Bund vierzig Millionen Franken.

«Auf höchster Managementstufe»

In der Klageschrift gegen Raoul Weil heisst es, das grenzüberschreitende Geschäft der UBS habe 20 000 Kunden mit zwanzig Milliarden Dollar Vermögen betreut. 17 000 hätten ihre Identität verschleiert und ihre Konten vor den US-Behörden versteckt. Wer wusste in der UBS über diese illegalen Geschäfte Bescheid? Seit wann? Und warum gingen die Topmanager nicht dagegen vor, als sich Birkenfeld bei ihnen meldete?

Bis jetzt ist das nicht geklärt. In der Klageschrift ist von «nicht angeklagten Mitverschwörern» die Rede, die «Positionen auf höchster Managementstufe besetzten». Sie beaufsichtigten rechtliche, steuerliche und regulatorische Belange im grenzüberschreitenden Geschäft der UBS. Die namentlich nicht genannten «Mitverschwörer» mussten bis heute vor keinem Gericht erscheinen. Die Staatsanwalt Zürich lehnt eine Untersuchung gegen sie ab. Und von der parlamentarischen Geschäftsprüfungskommission, die den Fall UBS untersuchen soll, wurden sie noch nicht einmal einvernommen.


Martin Liechti wurde kürzlich lächelnd mit einem Glas Wein in der Hand im Hotel Dolder Grand gesehen. Er war an der Preisverleihung des «Champagne de Perle». Raoul Weil ist von den USA nach wie vor als «flüchtig» ausgeschrieben. Er lebt in der Schweiz.

Bradley Birkenfeld ist der einzige der sechzig Kundenberater, der gegen die UBS ausgesagt hat. Er sitzt in den USA eine vierzigmonatige Haftstrafe ab. Die anderen Kundenberater wurden entlassen oder versetzt. Die UBS verweigert genaue Angaben über einzelne Angestellte.

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