Nr. 12/2010 vom 25.03.2010

Mieterwechsel

Von Stephan Pörtner

Im dritten Stock ging es hoch zu und her. Nicht weniger als siebenundneunzig Personen hatten sich eingefunden, weil ein ebenso gelangweilter wie schalkhafter Nachbar das Gerücht gestreut hatte, die Mieter gedächten in absehbarer Zeit auszuziehen. Das bis dahin in einträchtiger Belanglosigkeit vor sich hin stubenhockende Ehepaar erlebte einen in ihrer Existenz unwiederholbaren Popularitätsaufschwung. Verloren geglaubte Verwandtschaft, weit entfernte Bekannte und aus den Augen verlorene Freunde schellten mit vorgetäuschtem menschlichem Interesse und abgebrühter Zuneigung an der Tür und traten ein, ohne lang zu fragen. Wer keinen Rotwein brachte, brachte Blumen. Das aus dieser Kombination resultierende Übergleichgewicht liess das Haus punktgenau einstürzen.

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