Nr. 12/2010 vom 25.03.2010

Zürich von unten

Aus Agendanotizen, die ihre Tätigkeit als Zürcher Stadträtin begleiteten, hat Monika Stocker ein Buch gemacht. In kurzen Geschichten erzählt sie von Begegnungen an den Rändern der Gesellschaft.

Von Paul L. Walser

«Dann sprach er eine halbe Stunde ohne Pause. Ich hätte ein ganz falsches Bild von ihm und überhaupt. Es war eine Geschichte, die traurig war und traurig stimmte. Eine Kindheit voller Schläge und unguter Worte. Eine Jugend ohne Ermutigung und doch, er hatte es geschafft, beinahe, wenn da nicht der Absturz gewesen wäre, der Alkohol. Und er schilderte mir diese Phase, wie sie kein Lehrbuch anschaulicher darstellen könnte. Schliesslich war da seine grosse Kraft, die ihn herausholte, ihn heilte, ihm ein Leben in Normalität und sogar mit Erfolg ermöglichte.»

Das ist eine Passage eines neuen Buchs mit 56 ganz kurzen Geschichten, die als «Agendanotizen» präsentiert werden. Früher hätte man wohl von Tagebucheinträgen gesprochen. Heute ist das Tagebuch ein Phänomen von gestern und daher nicht mehr beliebt und zumindest zu belächeln. Der Begriff «Agendanotiz» hat ausserdem den Vorteil, dass die Form noch knapper und salopper sein kann als beim Tagebuch – ja nichts Ausgefeiltes bitte, alles soll möglichst spontan wirken, möglichst nicht überarbeitet, einfach so hingeworfen. Wenn zum Beispiel das Partizip von «schimpfen» sehr helvetisch als «geschumpfen» daherkommt, darf das nicht stören. Und doch besteht zwischen der ursprünglichen Version in der Alltagsagenda und der gedruckten Fassung wohl immer ein Unterschied – nur schon wegen des Lektorenfilters.

Ohne Berührungsängste

Die Autorin dieser «Agendanotizen» heisst Monika Stocker. 1968 begann sie das Abenteuer ihres politischen Engagements, in der linken feministischen Szene. Damals war sie zwanzig. Von 1987 bis 1991 war sie Nationalrätin der Grünen und von 1994 bis 2008 als Zürcher Stadträtin Vorsteherin des schwierigen Sozialdepartements – in der historischen Epoche, die Zürich als Pionierstadt in Sachen Drogenszenenbewältigung auswies. Als Stichwörter seien Lettenräumung und kontrollierte Heroinabgabe erwähnt. Da brauchte es viel Beharrungsvermögen und eine klare Linie.

Aus dem Erfahrungsschatz ihrer vierzehn Stadtratsjahre hat Monika Stocker jetzt ihre Agendanotizensammlung gemacht. Der mundartlich gefärbte Titel – «He, dich kenne ich doch» – gibt den Ton an. Es sind alltägliche Begegnungen einer engagierten Politikerin und Insiderin mit dem «Zürich von unten», mit Randständigen, Drogenabhängigen, Asylsuchenden, fremden Papierlosen und einheimischen Arbeitslosen. Stocker erzählt nüchtern, aber nicht ohne Humor, mit ebenso viel Sachkenntnis wie Einfühlungsvermögen.

Wer diese «Agendanotizen» gelesen hat, ist überzeugt, dass die Autorin keine Berührungsängste hat – eine Fähigkeit, die im heiklen Labyrinth, das «Sozialarbeit» heisst, unerlässlich ist. Dass sie «die Chefin» war, eine von oben, und als solche auch auftrat, gelegentlich resolut und eigenmächtig, verleugnet Stocker nicht. Aber an der Seite der prominenten Politikerin steht immer auch die Sozialarbeiterin Stocker. Sie bekennt sich nach wie vor zum Beruf, den sie gelernt hat, und wenn sie aufgrund ihrer Erfahrung etwas weiss, dann dies: «Sozialarbeit ist nicht allmächtig, aber manchmal ohnmächtig.» Ihre «Agendanotizen» liefern hiefür den Beweis.

Dokumentarisch wertvoll

Das Buch klammert den Wirbel um Stockers Amtsführung und die Kampagne aus, die das Ende ihrer Tätigkeit im Stadtrat beschleunigt hat. Das ist einerseits verständlich, anderseits bedauerlich. Vielleicht hat sie noch zu wenig Distanz zu diesem Kapitel der eigenen Lebensgeschichte. Nach ihrem Abschied von der aktiven Politik und einer Erholungsphase wirkt sie nun als Dozentin an Fachhochschulen, als Beraterin und Koredaktorin des sozial-religiösen Monatshefts «Neue Wege».

«He, dich kenne ich doch» ist trotz der einstigen Agendaaktualität ein bunter Rückblickstrauss. Die Geschichten sind nicht chronologisch geordnet. Nur bei einigen wird das Datum – zumindest das Jahr – erwähnt. Eine Datierung wäre nützlich und würde die «Agendanotizen» noch authentischer erscheinen lassen, weil so der dokumentarische Wert klarer gegenüber dem anekdotischen Reiz den Vorrang hätte.

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