Nr. 12/2010 vom 25.03.2010

Henriette Bimmelbahn

Von Raphael Zehnder

Kinder lieben Züge, und auch in Zeiten von ICE, ICN und S1 bis S35 brauchen sie dafür das schöne, klangvolle Wort «Eisenbahn». Weil die Bahn den Kleinen gefällt, ist die Zahl der Kinderbücher, in denen es «rattert, knattert, dampft und faucht, ruckelt, zuckelt, klappert, plappert, bebt und bibbert, rollt und raucht», sehr gross. Von «Globi und die Bahn» über «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer» bis zu «Henriette Bimmelbahn», unserem Favoriten des Genres, aus dem obiges Zitat stammt.

Die eigenwillige Dampflok Henriette, die noch nie nach einem Plan fuhr und so lange auf dem Bahnhof steht, wie sie mag, fährt mit Waggons voller Kinder über Land, vorbei an einem Fischteich, an Hasen, an einer Kuh bis zu Blumenwiesen, auf denen die Kinder Klee für die Kaninchen und für Oma einen Strauss pflücken. Nachdem die Kleinen auf dem Land bei den Grosseltern abgeliefert sind, endet die Geschichte auf eine Weise, die das elterliche Bemühen ums Schlafengehen der Kinder wirksam befördert: «Doch die alte Henriette ruckelt müde, zuckelt matt, / bimmelt leise ihre Weise und rollt heimwärts in die Stadt.» Da raucht die Lok zwar noch, doch sie hat die Augen geschlossen, am Himmel stehen Sterne, und einige Fenster der Häuser sind schon dunkel.

Dieses charmante Bilderbuch erschien erstmals 1958. Die rhythmischen Verse schrieb James Krüss (1926–1997), einer der Grossen unter den JugendbuchschriftstellerInnen, und mit «Henriette Bimmelbahn» gab Lisl Stich ihr Debüt als Bilderbuchillustratorin: verspielte, freundliche Zeichnungen und Bilder voller Farben und hübscher Details – ein Reh hinter einem Baum, eine Marronitüte neben dem Abfalleimer, Sommersprossen auf Henriettes Nase. «Henriette Bimmelbahn» macht hungrig auf weitere Bücher desselben Autorengespanns, zum Beispiel «Wer rief denn bloss die Feuerwehr?» (1970) und «Die ganz besonders nette Strassenbahn» (1965). Die Welt ist nicht immer garstig. Sie birgt auch zahllose kleine Wunder.

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