Nr. 13/2010 vom 01.04.2010

Die kochenden Nilpferde

Von Alfred Hackensberger

Es gibt wenige Bücher, die über sechzig Jahre brauchen, um veröffentlicht zu werden. Im Oktober 1944 hatten William S. Burroughs und Jack Kerouac mit «Und die Nilpferde kochten in ihren Becken» begonnen, im Februar 1945 waren sie fertig. Damals waren beide noch unbekannt. «Naked Lunch» (1959) und «On The Road» (1957), heutige Klassiker der US-Literatur, folgten Jahre später.

An den «Nilpferden» zeigte jahrelang kein Verlag Interesse. «Das Buch war völlig unkommerziell und literarisch nicht gut oder interessant genug», erzählte Burroughs später seinem Biografen Ted Morgan. Er und Kerouac schrieben die Kapitel abwechselnd aus den Perspektiven von zwei Figuren. Burroughs ist Will Dennison, ein Barmann, Kerouac der Matrose Mike Ryko. Während Burroughs seine Faszination für Junk zum Ausdruck bringt, lässt sich Kerouac erstmals erzählerisch aus und legt «die Stadt unter ein Leichentuch aus heissem grauem Rauch». Der Titel geht auf eine Radioreportage über einen Zirkusbrand zurück. «Und die Nilpferde kochten in ihren Becken zu Tode. Wir wünschen allen eine gute Nacht», soll der Sprecher laut Kerouac gesagt haben.

Auf realen Begebenheiten beruht auch die Story. Am 14. August 1944 ersticht Lucian Carr im New Yorker Riverside Park Dave Kammerer, der seit Jahren in ihn verliebt ist. Als Erstes vertraut sich der Täter vom «Typ Junge, dem dichtende Schwuchteln Sonette widmen» Burroughs an, wenig später Kerouac. Der «Typ Junge» wird zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, kommt aber nach zwei Jahren frei. Von alten Freunden und dem Bohemienleben will er nichts mehr wissen. Er nimmt eine Stelle bei der United Press International an, bei der er bis zu seinem Tod 2005 bleiben sollte. «Aus Respekt vor seinen Gefühlen», schreibt James Grauerholz, Burroughs’ Nachlassverwalter, habe er Carr versprochen, «keiner Veröffentlichung der Nilpferde zuzustimmen, solange er am Leben war».

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