Nr. 14/2010 vom 08.04.2010

Stützlisex und Buebechrieg

Bevor der schon längst zum Kult gemachte Stadtteil dereinst nur noch im Heimatmuseum zu besichtigen sein wird, ist nun ein dicker Band mit verschiedensten Beiträgen erschienen.

Von Fredi Bosshard

«Die Sprachverarbeitung mag sich etwas ruppiger ausgestalten, doch möglicherweise artikuliert sich ihre Direktheit redlicher», schreibt der Galerist und Künstler Silvio R. Baviera im Beiwort zum Buch «kult zürich ausser sihl – Das andere Gesicht». Im Buch, das dieser Tage erscheint, kommen 87 Autoren, Musikerinnen, Journalisten, Künstlerinnen, Architekten und Theaterleute auf ihre persönliche Weise zu Wort. Sie sind mit Zürich Aussersihl auf unterschiedliche Weise verbunden, leben seit Jahrzehnten im Quartier, haben nur kurz dort gewohnt oder es auf der Durchreise gestreift.

Aussersihl, die proletarische Gegenwelt zum Zürichberg, ist seit den frühen siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts auf dem Weg, Kult zu werden. Wenn man dem Historiker Hannes Lindenmeyer, einem profunden Kenner des Quartiers und seiner Geschichte glauben will, ist dieser Kult allerdings eine «Mythologisierung als wahre urbane Welt», die eines fernen Tages in den Vitrinen des Heimatmuseums Aussersihl zu besichtigen sein wird. Kult geht meistens mit einer zunehmenden Gentrifizierung einher, wie sie seit einigen Jahren auch in Aussersihl festzustellen ist.

Lindenmeyer hat einen historischen Abriss für das Buch verfasst, der die wichtigsten Eckdaten liefert, die Hinter- und Innenhöfe ausleuchtet und so eine Einordnung der vielen kurzen Beiträge, Geschichten und Episoden im Buch ermöglicht. Das Quartier ist durch Filme wie «Hinter den sieben Gleisen» (1959) von Kurt Früh schweizweit zum Begriff geworden, und in den engen Strassen rechts und links der Langstrasse haben seit Mitte des 19. Jahrhunderts unzählige MigrantInnen eine neue Heimat gefunden. Namen wie Chreis Cheib oder Scherbenviertel deuten auf seine Verruchtheit hin, lassen aber auch etwas von der Faszination durchschimmern, die die unzähligen Beizen, die vielen kleinen Geschäfte, das Rotlichtmilieu, Gewalt und Drogen ausstrahlen.

«Häsch du Lämpe mit de Schmier, gasch ad Langstrass Nr. 4» war ein geflügeltes Wort in den siebziger Jahren, als linke RechtsanwältInnen an dieser Adresse eine Kanzlei eröffneten. Rechtsanwalt Kurt Meier beschreibt die Entwicklung einer Szene, bei der in den Anfängen die Inneneinrichtung des Büros «schlicht und fast lottrig wie der Deux Chevaux von Moritz Leuenberger» war, der zu den MitbegründerInnen gehörte. Ihr Motiv war klar und deutlich: «Vertreten werden nur die Schwachen gegen die Starken.» Etwas später folgten die Gründungen des Anwaltskollektivs, des Frauenbüros und anderer Organisationen, die sich für die Benachteiligten einsetzen.

Jitterbug im Kellerloch

Der Journalist und Autor Willi Wottreng beschreibt in «Jazzfieber im Stauffacherkeller», wie nach dem Zweiten Weltkrieg US-Soldaten auf Urlaub Kaugummis, Seidenstrümpfe und Jazzplatten nach Zürich brachten. So kam der Jazz auch nach Aussersihl und fand am Stauffacher in einem miesen Kellerloch eine erste Heimat. «Wagemutige Frauen trugen Hosen. Meist war Frau im Jupe von zu Hause weggegangen, darunter hatte sie den knielangen Zweibeiner, den sie nie in der Öffentlichkeit zu zeigen gewagt hätte ...». Dort wurde dann Jitterbug getanzt, geraucht und geschwoft. Von Wottreng stammt auch die Milieuskizze «Aufstieg und Fall des Stützlisex-Königs» Gody Müller, der zu schnellem Reichtum kam und ihn ebenso schnell wieder verspielte.

Eugen Rieser beschreibt in «Geburtsstätte von zwei Zeitungen» am Beispiel des «Tages-Anzeigers», der 1893 erstmals erschien, und des fünf Jahre später folgenden sozialdemokratischen «Volksrechts», welche Einflüsse von Aussersihl aus auf die Schweizer Zeitungslandschaft ausgingen. Neben diesen «grossen» Geschichten sind es vor allem die kleinen und wenig spektakulären Schilderungen, die den Charme des Buches ausmachen. Wenn etwa der Schriftsteller Paul Wehrli stimmungsvoll beschreibt, «wie 1905 der ‹Zürcher Buebechrieg› begann», erfährt man viel über die damalige Stimmung in der Stadt. Die armen Aussersihler Buben waren dabei, auf einem Abbruchgelände der Innenstadt Brennholz zu sammeln, um im Winter in den bescheidenen Wohnungen ihrer Eltern die Öfen einzuheizen. Als die Knaben aus dem ersten Stadtkreis sie am Abtransport des Holzes hindern wollten, kam es zu offenen Feindseligkeiten. An den folgenden Tagen gingen die Aussersihler mit Latten und Stangen bewaffnet über die Sihl, um ihr Recht einzufordern.

Diesen 1942 erstmals veröffentlichten Text stellte der Schriftsteller Peter K. Wehrli, Sohn von Paul Wehrli, im Rahmen der Ausstellung «kult zürich ausser sihl – Das andere Gesicht» 2008 im Museum Baviera vor. Die Ausstellung an der Zwinglistrasse mit Bildern, Vorträgen, Diskussionen und Konzerten bildete den Ausgangspunkt für das gleichnamige Buchprojekt, das die vielfältigen Aktivitäten im Quartier zu fassen sucht.

Die in «Geschichte, Leben» und «Kreatives» unterteilten Beiträge zeichnen ein Bild von der Vielfalt der Lebensentwürfe im Quartier – einzig die in den vergangenen Jahren neu zugezogenen Bevölkerungsgruppen sind im Buch wenig präsent. Das Subversive und Widerständige in der Folge von 1968 ist gut vertreten, das Avantgardistische steht neben dem Alltäglichen. Auch die historische Tiefe wird ausgelotet, gelegentlich verweilt eine Betrachtung aber auch an der Oberfläche eines Stammtischgesprächs.

Subversives Potenzial

Die Architekten erhalten etwas viel Raum, um ihre aktuellen Werke zu besingen. Sie tun das meistens in einem hölzern-fachspezifischen Jargon, der sich eher an ihre AuftraggeberInnen zu richten scheint als an die Lesenden. Dabei ist die Auswahl der vorgeführten Bauobjekte gar willkürlich – Aussersihl hat mehr und Interessanteres zu bieten. Zu häufig ist da die Rede von in Mehrfamilienhäusern eingebundenen «Stadtvillen», Luxuswohnungen oder Lofts in der Nähe der Langstrasse. Da fehlt die kritische Distanz und die Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation auf dem Zürcher Wohnungsmarkt, wo sich auch die Reichen die frisch gebauten «Stadtvillen» im Chreis Cheib nicht mehr leisten können. Aber vielleicht ist gerade diese eingangs von Baviera erwähnte Direktheit «redlicher» und hat ein gewisses subversives Potenzial.

«kult zürich ausser sihl – Das andere Gesicht» bietet auf 640 Seiten Lesestoff. Es bleiben genügend literarische Texte, Gedichte, Erzählungen, recherchierte Artikel, Fotos und Bildmaterial, um zu stöbern und zu verweilen. Da sind die etwas trocken geschriebenen, sich zu stark an Statistik und Chronologie orientierenden Beiträge verkraftbar. Der Wälzer lässt vom topfebenen Gebiet zwischen Sihl, Badenerstrasse und den Viaduktbögen jedenfalls ein farbenprächtiges Bild entstehen, das mit würzigen Details und Anekdoten gespickt ist.

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