Nr. 15/2010 vom 15.04.2010

Im Kieselreich der Omya

Kalziumkarbonat steckt in vielen Produkten – und kaum irgendwo ist es so rein wie im Marmor. Eine Schweizer Firma holt jährlich 800000 Tonnen aus den Apuanischen Alpen. Doch die Kritik wächst.

Von Pepo Hofstetter

«Michelangelo ist nicht der einzige Grund, weshalb der Marmor aus Carrara in aller Welt gepriesen wird. Unser Werk in Avenza verarbeitet hochreines, weisses Kalziumkarbonatgestein aus Carrara in massgeschneiderte Produkte für Papierproduzenten.»
Aus einem Prospekt der Firma Omya

Putzen wir morgens die Zähne, ist es gut möglich, dass wir das mit einem Zusatz aus pulverisiertem Marmor aus der Gegend um die Stadt Carrara tun. Weisses Kopierpapier besteht zu bis zu fünfzig Prozent aus Marmor. Und auch in Lacken und Leimen, Tabletten und Düngemitteln steckt oft ein Stück Apuanische Alpen, vielleicht sogar in dieser Zeitung. Oder genauer: Kalziumkarbonat, das aus Marmor gewonnen wird. Der hochreine, weisse Carrara-Marmor besteht zu über 98 Prozent aus Kalziumkarbonat, das sich hervorragend als Füll- und Pigmentstoff in Papier und Farben und als Wirkstoff in Pillen, Düngern oder der Zahnpasta eignet.

Carrara ist vor allem wegen der Marmorblöcke bekannt, die man aus den Bergen um die Stadt holt. Doch in den letzten zwanzig Jahren hat sich ein Geschäft entwickelt, das volumenmässig bedeutender ist: das Geschäft mit Geröll und Schutt. Auf jährlich rund eine Million Tonnen Marmorblöcke kommen vier Millionen Tonnen Geröll und Bruchsteine, die man zu Kalziumkarbonat pulverisiert oder zu Granulat zertrümmert, das vor allem im Strassenbau verwendet wird. Sie fallen beim Ausbruch der Marmorblöcke an oder werden den riesigen Geröllhalden (Ravaneti) entnommen, die die Landschaft seit Jahrzehnten prägen, aber immer mehr schwinden.

Füllstoff für Farben

Wie wichtig das Geschäft mit den Bruchsteinen geworden ist, zeigt eine Liste der Umweltorganisation Legambiente. Demnach förderten im Jahre 2005 8 der insgesamt 85 Steinbrüche von Carrara überhaupt keine Blöcke, sondern nur Bruchsteine. Bei 72 Steinbrüchen betrug der Blockabbau weniger als dreissig Prozent. «Das zeigt», sagt Mariapaola Antonioli, Präsidentin von Legambiente Carrara, «dass es nicht die Ausnahme ist, wenn unsere Berge zertrümmert werden, um Kalziumkarbonat zu gewinnen. Es ist heute ein strukturelles Merkmal des Bergbaus und vor allem der grossen und mittleren Betriebe.»

Der wichtigste Kalziumkarbonatproduzent in Carrara ist ein Schweizer Multi. Die Firma Omya entdeckte als erste, wie gut sich das Material als Füllstoff für Papier und Farben eignet. Beim Papier ersetzt es die Zellulose und verleiht ihm einen hochweissen, warmen Glanz.

Omya, ein 1884 gegründetes, wenig bekanntes Familienunternehmen, hiess früher Plüss-Stauffer und ist der weltweit grösste Produzent von kalziumhaltigen Füllstoffen und Pigmenten. Es hat seinen Sitz in Oftringen im Kanton Aargau und beschäftigte 2008 an hundert Standorten in fünfzig Ländern über 6000 Personen. Der Umsatz beträgt nach eigenen Angaben «mehr als 2,5 Milliarden Franken» (die inzwischen eingestellte Wirtschaftszeitung «Cash» bezifferte 2005 den Umsatz auf 3,4 Milliarden).

Das hochmoderne Werk in Avenza bei Carrara gehört zu den fünf wichtigsten Produktionsstätten des Konzerns, erzählt Direktor Luca Pappalardo, als er uns die Anlagen zeigt. Pro Jahr produzieren die rund siebzig Beschäftigten bis zu 800 000 Tonnen Kalziumkarbonat. Der Rohstoff stammt vor allem aus den Steinbrüchen des Ravaccione-Tals bei Torano. Sie haben sich tief in die Ausläufer des Monte Sagro hineingefressen. «Das ist das Reich von Omya und Barattini», erläutert uns ein paar Tage später der Marmorunternehmer Franco Barattini nicht ohne Stolz, als er uns die Bergwerke zeigt. Aber nicht alle sind über die Aktivitäten in diesem Reich glücklich.

Trockenpulver und Kalkmilch

Im Ravaccione-Tal hält Omya die Konzessionen für fünf Steinbrüche. Einer davon ist der berühmte Polvaccio, in dem Michelangelo den Block für seine Pietà fand. Omya hat die Brüche an Franco Barattini weiterverpachtet. Der Selfmademan, der von seinem zwölften Lebensjahr an in den Brüchen arbeitete, ist heute einer der erfolgreichsten Marmorunternehmer Carraras. Barattini baut hochreine Blöcke für Kunden in aller Welt ab (für den Vatikan, das thailändische Königshaus oder die Post der Ukraine) und liefert das anfallende Geröll den Schweizern. Im Omya-Werk La Piastra oberhalb von Torano werden die bis zu acht Meter grossen Ausschusssteine zu Kieseln zertrümmert. Dann fahren täglich bis zu hundert Laster das Material durch Carrara nach Avenza, wo es zu feinstem Trockenpulver und Slurry (Kalkmilch) gemahlen wird. Die Milch braucht man für Papier, das Pulver für Kunststoffe, Farben, Leim, Zahnpasta.

Das Geschäft ist attraktiv, trotz der hohen Transport- und Energiekosten. Eine Tonne Bruchsteine kostet 1 bis 2 Euro, hinzu kommt pro Tonne Stein eine Marmortaxe von 3,50 Euro. Auf dem Markt verkauft sich eine Tonne hochwertiges Kalziumkarbonat für bis zu 600 Euro. Zum Vergleich: Ein hochwertiger Marmorblock kostet pro Tonne rund 400 Euro, eine Tonne Granulat für den Strassenbau 40 Euro.

Doch die ökologischen Kosten für die Allgemeinheit sind massiv. Omya und das ebenfalls im Kalziumgeschäft tätige, französisch-belgische Unternehmen Imerys haben in Carrara keinen guten Ruf. Viele werfen den Firmen vor, sie heizten den Raubbau an den Bergen weiter an. Viele Steinbrüche seien bloss noch aktiv, weil sie Geröll verkaufen könnten. «Sie sagen uns, die Steinbrüche würden gesetzeskonform betrieben», hiess es vor ein paar Jahren auf einem Protestplakat des Alpenklubs CAI Carrara, das die ausgeweideten Flanken des Sagro-Massivs zeigte. «Aber die Hänge des Monte Sagro werden unerbittlich zerstört. Und wozu? Um Geröll zu produzieren? Für die Verdoppelung der Kalziumkarbonatproduktion? Um den Weltrekord im Lastwagenverkehr aufzustellen?» Andere warnen, die Abtragung alter Geröllhalden destabilisiere die Hänge und führe zu Erdrutschen und Überschwemmungen.

Omya-Direktor Luca Pappalardo weist die Vorwürfe zurück. Seine Firma verwerte bloss den Ausschuss. Es würden keine Berge zerstört, um Kalziumkarbonat zu gewinnen. Zudem achte Omya peinlich genau auf die Einhaltung hoher, selbst gesetzter Umweltstandards. Das bestätigt auch Legambiente. Die Umweltorganisation ist nicht grundsätzlich gegen die Verwertung von Ausschuss und den Abbau alter Geröllhalden. Aber das müsse fachmännisch, von oben nach unten erfolgen, was aus Kostengründen oft nicht geschehe. Alte Halden enthielten darüber hinaus viele Altlasten wie Schweröl, das die Trinkwasserquellen verschmutzen kann. Aber auch Legambiente findet es problematisch, dass dank des Geschäfts mit dem Schutt Steinbrüche weiterproduzieren, die sonst längst geschlossen hätten.

Das Problem mit dem Feinstaub

Das Geschäft mit dem Abfall ist nicht nur für die Berge fatal, sondern für die Lebensqualität in Carrara überhaupt. Es hat den Lkw-Verkehr massiv anschwellen lassen, der heute zu den vordringlichsten Problemen der Stadt gehört. Bei guter Wirtschaftskonjunktur donnern täglich bis zu tausend Lastwagen durch die Stadt – vier von fünf befördern Geröll. Das bringt nicht nur viel Lärm und Gestank, sondern auch eine massive Belastung mit Feinstaub (PM10). Dieser stammt aus dem feinen Marmorstaub, der an den schmutzigen Lastern klebt und von den Ladebrücken fällt.

Legambiente und Bürgerinitiativen fordern seit Jahren griffige Massnahmen, um den Verkehr einzudämmen und den Feinstaub zu vermindern. Doch die Stadtregierung tut sich schwer. Sie verweist auf die neue Strada dei Marmi. Weitgehend in Tunneln führt sie von den Steinbrüchen zur Industriezone und zum Hafen. 2011 soll sie fertig werden. Viele zweifeln, ob der Termin eingehalten werden kann – zu oft schon wurde die Eröffnung vertagt. «Bis die Strasse fertig ist, gibt es hier keinen Marmor mehr», spottet Unternehmer Barattini. Legambiente befürchtet, die Umfahrung werde die Probleme nur verlagern und das Geschäft mit den Bruchsteinen sogar noch beflügeln. Weil dann niemand mehr gegen den Lkw-Verkehr protestiere. Omya jedenfalls hat vorgesorgt: Die Firma hat sich in Avenza ein umfangreiches Gelände gesichert, um bei Bedarf die Produktionskapazität zu verdoppeln.

Der Marmor und die AnarchistInnen

Der obenstehende Text ist dem gerade erschienenen Wanderbuch «Marmor, Meer und Maultierpfade» entnommen. Über zwei Jahre hinweg haben Pepo Hofstetter und Marta Arnold die Apuanischen Alpen erkundet – und herausgekommen ist ein sehr schönes Buch: exakte Beschreibung der Wanderwege, genaue Karten, viele Fotos und natürlich die politischen und historischen Begleittexte, die die Rotpunkt-Wanderführer seit jeher auszeichnen.

Die Apuanischen Alpen – ein wilder und teilweise steiler Gebirgszug – ragen fast übergangslos 2000 Meter aus dem Tyrrhenischen Meer. Bekannt sind sie vor allem durch den Marmorabbau, der bereits im Römischen Reich begonnen hatte. Noch immer gilt die Gegend als grösstes Marmorbecken der Welt. Michelangelo Buonarotti wählte hier seine Blöcke aus. Marmor aus den Apuanischen Alpen ist auf der ganzen Welt zu finden: am indischen Tadsch Mahal, an der brasilianischen Oper von Manaus, am Grande Arche in Paris und an vielen weiteren Palästen und Kirchen, Tempeln und Moscheen, Hotels und Supermärkten. Heute hingegen prägt die Kalziumkarbonatherstellung das Bild der Landschaft um Carrara.

Carrara gilt nicht nur als Welthauptstadt des Marmors – sie war auch bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg ein Weltzentrum des Anarchismus. Die Steinbrüche und die kleinen Dörfer in den Bergen waren anarchistische Hochburgen, in denen die ArbeiterInnen für menschlichere Arbeitsbedingungen kämpften und sich dem Faschismus widersetzten; das Erbe dieser Bewegung ist bis heute präsent.

Mitten durch die Apuanischen Alpen und den Apennin verlief gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die «Linea Gotica». An dieser Front hatte die deutsche Wehrmacht über einen langen Zeitraum hinweg den Vormarsch der alliierten Truppen stoppen können – weil sich alle Energien auf die Landung in der Normandie konzentrierten. In dieser Zeit des Stillstandes verübten deutsche Soldaten und italienische Faschisten zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung; kaum ein Dorf wurde verschont. Am schlimmsten traf es den Ort Santa Anna di Stazzema, wo im August 1944 rund 560 Menschen massakriert wurden – noch mehr Opfer forderten lediglich die deutschen Schlächtereien bei Marzabotto (siehe auch den Text zur WOZ-Reise «Avanti Cooperative!»). Den Kampf der PartisanInnen konnten die Besatzungstruppen dennoch nicht unterbinden.

An diese Geschichte erinnert Hofstetter in seinem Buch. Er schildert, wie ein Aufstand der Frauen von Carrara die Deportation der Stadtbevölkerung verhinderte, er beschreibt den Kampf der PartisanInnen, würdigt Kulturgeschichte und kulinarische Gegenwart und entwirft ein soziales Porträt des Marmorbergbaus.

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