Nr. 15/2010 vom 15.04.2010

Frankenstein

Von Martina Süess

Frankenstein ist kein Monster! Zwar ist der Name seit der Verfilmung mit Boris Karloff von 1931 zum Synonym für Ungeheuer geworden, doch dieses leichenblasse, menschenartige Wesen mit einer Schraube im Hals hat mit der Romanvorlage der englischen Autorin Mary Shelley von 1818 nur wenig gemein. Entstanden ist die literarische Urfassung während eines Urlaubs in den Schweizer Alpen, als Shelley und ihre Begleiter – ihr Ehemann Percy und Lord Byron – eine Wette abschlossen, wer die gruseligste Erzählung schreiben könne. Mary gewann und hat nicht nur eine unsterbliche Kultfigur, sondern überhaupt «die Mutter aller Horrorgeschichten» geschaffen. Die alpine Gletscherlandschaft bildet daher die Kulisse für die Gräueltaten des künstlich erschaffenen Monsters, das sich an seinem Schöpfer grausam rächt, bevor es mit ihm im arktischen Eis den Tod findet.

Shelley gelingt es, neben Ekel und Grauen auch Verständnis und Mitleid für diese tragische Kreatur zu erwecken. Aus Teilen verschiedener Leichen zusammengesetzt, ist das Monster derart hässlich, dass es von seinem Erzeuger verstossen wird. Allein in der Welt, die ihm ebenfalls feindlich gesinnt ist, richtet es ohne böse Absicht nur Unheil an. Schliesslich gelingt es ihm, im Versteckten zu leben, es lernt sprechen und lesen, entdeckt durch die Lektüre von Goethes «Werther» die Liebe und sucht daraufhin seinen Erzeuger auf, um ihn um die Herstellung einer Partnerin zu bitten.

Doch auch dieser Erzeuger ist eine tragische Figur. Er gehört wie Faust zu jenen Forschernaturen, die durch ihren masslosen Wissensdrang auf tödliche Abwege geraten. Anders als Faust bereut er sein anmassendes Experiment. Viel zu schnell hat er die Kontrolle über seine Kreatur verloren. Was würde erst geschehen, wenn sich diese fortpflanzen würde? Der Schöpfer und sein Werk sind sich in ihrer Tragik zum Verwechseln ähnlich. Das ist wohl der Grund, warum der Name des genialen Genfer Medizinstudenten Viktor Frankenstein – eigentlicher Protagonist des Romans – im Laufe des 20. Jahrhunderts auf das Monster überging.

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