Nr. 15/2010 vom 15.04.2010

Der vielseitig Begabte

Von Karin Hoffsten

Der Apothekersohn wuchs in Lübeck auf, flog wegen «sozialistischer Umtriebe» aus dem Gymnasium und absolvierte schliesslich eine Lehre als Apothekergehilfe. Es war nicht sein Traumberuf. Als freier Schriftsteller und Dichter liess er sich in Berlin nieder, was in der Familie wenig Anklang fand: «Schon bei der Suppe hatte mein Bruder, der ein wissenschaftlich ernst fundierter Arzt ist, ironisch bemerkt, dass ich in meiner üblen Gewohnheit zu dichten doch eigentlich eine recht verfehlte Lebenstendenz verfolge», was ihn möglicherweise zu folgendem Schüttelreim anregte: «Wer dichten will, der thäte gut, Er macht‘ es so, wie‘s Goethe thut.» Dank seiner vielfältigen Begabungen arbeitete der Gesuchte als Dramatiker, Kritiker, Kabarettist, Dichter, Zeichner und Redner; zu Letzterem reimte er: «Mit einem starken Schweden ringen, ist nicht so leicht wie Reden schwingen.»

Dem scharfen Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft war die SPD nicht radikal genug, im Gedicht «Der Revoluzzer (Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet)» heisst es: «Und er schrie: ‹Ich revolüzze!› Und die Revoluzzermütze schob er auf das linke Ohr, kam sich höchst gefährlich vor.» Zu Beginn des Ersten Weltkriegs versuchte er einen «internationalen Bund der Kriegsgegner» zu gründen, er war mit Gustav Landauer befreundet, schloss sich dem Sozialistischen Bund an und lebte mit Ehefrau Zenzi in München. Der Mitbegründer der Münchner Räterepublik wurde mehrmals inhaftiert und gilt als «markantester literarischer Vertreter des deutschen Anarchismus»: «Anarchie bedeutet Herrschaftslosigkeit. Wer den Begriff mit keinem Gedanken verbinden kann, ehe er ihn nicht zur Zügellosigkeit umgedeutet hat, beweist damit, dass er mit den Empfindungsnerven eines Pferdes ausgerüstet ist.» Wer war der frühe Warner vor dem Nationalsozialismus, der 1934 von der SS im KZ Oranienburg ermordet wurde?

Wir fragten nach dem 1878 in Berlin geborenen Dichter und Anarchisten Erich Mühsam. Schon früh veröffentlicht er in linken und satirischen Zeitschriften (zum Beispiel dem «Wahren Jacob») zahlreiche Aufsätze, Reden, Lieder und Gedichte. Aufgrund seiner politischen Aktivitäten wird Mühsam ständig polizeilich überwacht und häufig inhaftiert. Ab 1908 lebt er in München und heiratet dort 1915 Kreszentia Elfinger. 1918 ist Mühsam führend an der anarchistischen Münchner Räterepublik beteiligt, verbringt danach mehrere Jahre in Festungshaft. Während der Weimarer Republik kämpft Mühsam in der Roten Hilfe für die Freilassung politischer Gefangener. In der Nacht vom 9. zum 10. Juli 1934 wird Erich Mühsam von der bayerischen SS-Wachmannschaft des KZ Oranienburg ermordet.

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