Nr. 15/2010 vom 15.04.2010

Das Wissen um einen Donnerhall

In ihrem neuen Roman führt uns die Nobelpreisträgerin Amerika zur Zeit der frühen Kolonialisierung vor Augen und zeigt verschiedene Formen der Unfreiheit.

Von Eva Pfister

Nordamerika im 17. Jahrhundert. Vier Frauen arbeiten auf der Farm von Jacob Vaark: Rebekka, seine Ehefrau aus England, die Indianerin Lina, die rothaarige Sorrow und das Sklavenmädchen Florens, das Vaark als Teilzahlung akzeptiert hatte, weil ein Tabakfarmer seine Schulden nicht tilgen konnte.

Aber nicht nur Florens, deren Mutter aus Angola stammt, ist unfrei. Auch Rebekka wurde gekauft. Als der Pelz- und Tabakhändler Vaark ein Landgut erbte, bestellte er sich eine geeignete Frau aus Europa. Rebekka war bereit, das düstere London hinter sich zu lassen und die mühselige Überfahrt – die der unbekannte Künftige bezahlte – in die Neue Welt zu wagen. Dort wird sie ebenso sein Eigentum wie Lina, die Jacob Vaark den WiedertäuferInnen im nahen Dorf abkaufte. Denen war die junge Indianerin unheimlich geworden: Eine, die nackt im Fluss badet, muss mit dem Teufel im Bunde sein.

Toni Morrison, die grosse alte Dame der afroamerikanischen Literatur, die nächstes Jahr ihren achtzigsten Geburtstag feiern kann, erzählt abwechselnd aus der Perspektive dieser Personen, die allesamt entwurzelt sind und eine mehr oder weniger traumatische Vergangenheit haben. Lina musste als eine der wenigen Überlebenden mitansehen, wie ihr Dorf von einer Seuche ausgerottet wurde. Nur in der Verbundenheit mit der Natur findet sie eine Art Geborgenheit, und nach anfänglicher Rivalität entwickeln sie und Rebekka eine solidarische Form der Zusammenarbeit. Sorrow hatte als Einzige ihrer Familie einen Schiffbruch überlebt.

Wie ein entfernter Erdsturz

Aber auch der Herr selbst, der Farmer und Händler Jacob Vaark ist ein Waisenkind. Darum hat er Mitleid mit den Verstossenen und besitzt eine ungewöhnliche Sensibilität. Er bringt es nicht fertig, mit SklavInnen zu handeln (wohl aber mit Zuckerrohrschnaps, denn das ArbeiterInnenheer in Barbados ist fern genug, ihn nicht zu belasten). Als ihm eine Reihe schwarzer Arbeiter vorgeführt wird, wird ihm mulmig «inmitten dieses Rings von Sklaven, deren Schweigen ihn an einen Erdsturz denken liess, den man aus grosser Ferne sah. Kein Laut, aber das Wissen um einen Donnerhall, den er nicht hören konnte».

Sechs Jahre zuvor hatte sich das Gewitter schon einmal entladen: Die Besitzlosen – schwarze Sklaven, Freigelassene und Verschuldete – lehnten sich gegen ihre Herren auf. «Bacon’s Rebellion» hiess der Aufstand in Virginia im Jahr 1676, der für die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison zum Kern ihres neuen Romans wurde. Es geschah in jenem Moment, so entdeckte sie, dass sich die Sklaverei mit Rassismus verbunden hatte und ihre spezielle nordamerikanische Ausprägung entwickelte. Nach der Niederschlagung jener Rebellion zementierten neue Gesetze die rechtlose Stellung der Schwarzen: «Indem sie jedem Weissen das Recht einräumten, jeden Schwarzen aus jedem beliebigen Grund zu töten; indem sie den Besitzern verkrüppelter oder totgeschlagener Sklaven Entschädigung zusicherten, schieden sie die Weissen für alle Zeit von allen anderen, schotteten sie von ihnen ab.»

Die Fesseln der Liebe

«Gnade» (Originaltitel «A Mercy») führt uns Amerika zur Zeit der frühen Kolonialisierung vor Augen. Toni Morrison schildert die Landschaft ebenso anschaulich wie den Alltag der Frauen und Landarbeiter. Die polyphone Erzählweise ist manchmal verwirrend, die Handlung setzt sich beim Lesen erst allmählich zusammen. Nur Florens, das Sklavenmädchen, das erleben musste, wie es von seiner Mutter zum Verkauf angepriesen wurde, erzählt in der Ichform: von ihrer ersten grossen Liebe zu einem freien Schwarzen. Bei ihm fühlt sie sich erlöst vom Makel des Ausgestossenseins, nimmt dafür aber die Fesseln der Liebe in Kauf. «To be at someones mercy» heisst: jemandem ausgeliefert sein. Die Gnade der Herren macht nicht frei.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch