Nr. 17/2010 vom 29.04.2010

«Möchtegern»

Von Eva Pfister

«Die Schweiz sucht den Schreibstar» – nachdem es sich als sicheres Erfolgsrezept erwiesen hat, die Sehnsucht der Menschen nach Ruhm auszubeuten, hat das Schweizer Fernsehen die Zielgruppe der Möchtegern-SchriftstellerInnen entdeckt. Davon gibt es erstaunlich viele. Weit über 10 000 Einsendungen verstopfen die Poststelle des Fernsehstudios, über hundert davon müssen die Jurorinnen lesen: ein Verleger, eine Literaturkritikerin und die Schriftstellerin Mimose Mein, die Ich-Erzählerin des neuen Romans von Milena Moser. Die Auserwählten, fünf Frauen und fünf Männer, ziehen schliesslich in eine Schreibfabrik ein, wo sie, wie bei «Big Brother» rundum von Kameras verfolgt, leben und schreiben, und nach jeder Folge müssen zwei «Möchtegerns» die Fabrik verlassen.

Als Satire auf die Praktiken des Fernsehens ist der Roman sehr vergnüglich zu lesen, auch wenn er mit Klischees nicht spart. Diese fehlen auch bei der Schilderung der «Möchtegerns» nicht, dennoch vermögen diese Menschen, die ihre Probleme mithilfe des Schreibens zu bewältigen versuchen, durchaus zu interessieren. Ausserdem spielt Milena Moser, die das Buch ihrem Vater Paul Pörtner, dem Erfinder des Mitspieltheaters, gewidmet hat, auch mit der Schreiblust der LeserInnen: Es ist ein Roman zum Mitschreiben, nach jedem Kapitel gibt es eine Aufgabe, etwa: «Beschreiben Sie eine schlaflose Nacht.»

«Möchtegern» wäre also ein witziger, gelungener Roman – wenn nur Mimose Mein nicht wäre! Sie ist so unglaublich sympathisch und als Ich-Erzählerin ja sowieso die Identifikationsfigur: Mit ihren Augen schauen wir auf die böse Fernsehwelt, auf die fiesen KojurorInnen, darunter eine ganz böse Hexe von Literaturkritikerin mit dem Totschlagnamen Michelle Schlüpfer. Nur Mimose Mein ist grossherzig, selbstlos und liebevoll. Ungebrochen verkörpert sie das Klischee des Künstlergenies: schlampig, zerstreut, spontan. Dann erlebt sie mitten in den Wechseljahren auch noch eine Wahnsinnsliebesgeschichte mit einem Schlagersänger ... Aber dazu sagen Literaturkritikerinnen lieber nichts.

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