Nr. 17/2010 vom 29.04.2010

Gross sind die Worte ...

Eine neue Zeitschrift für Politik und Kultur aus der Schweiz – und erst noch eine mit marxistischem Anspruch. Wo soll das bloss enden?

Von Stefan Howald

Das Unterfangen ist schon beinahe tollkühn: In Krisenzeiten des gedruckten Worts wird eine anspruchsvolle Zeitschrift lanciert, die an linker Theorie und Kritik festhalten will, sich sogar auf den Marxismus beruft.

Das Redaktionskollektiv in Zürich besteht aus vier Leuten – Lukas Germann, Nicole Peter, Herr R. und Frau T. Alle zwischen dreissig und vierzig, kulturwissenschaftlich ausgebildet und tätig. Zustande gekommen ist die erste Nummer mit viel Gratisarbeit und dank des Vorschusses, den das Redaktionskollektiv für den Druck aufgebracht hat. Tausend Exemplare hofft man in allen drei deutschsprachigen Ländern zu vertreiben; entsprechend sind in der ersten Nummer BeiträgerInnen aus den drei Ländern vertreten.

An Absichtserklärungen mangelt es nicht. «‹Respektive› will hervorstechen mit der Verbindung von philosophischem Denken und ästhetischem Blick unter der Klammer einer kritischen Auseinandersetzung mit unserer Gegenwart», schreibt das Kollektiv im Editorial, wobei sich Ästhetik und Theorie gleichzeitig ergänzen und durchdringen sollen. Tatsächlich ist die erste Nummer gediegen gemacht. Konsequent grafisch gestaltet und reich illustriert, wird jeder Artikel mit einer andersfarbigen Aufschlagseite begonnen. Theoriearbeit, Kulturkritik und Bildbeiträge wechseln sich ab.

Beim Schein stehen geblieben

Als erster Schwerpunkt ist die Arbeit gewählt worden – weil die samt den Ausbeutungsverhältnissen zum Verschwinden gebracht beziehungsweise verschleiert werde. Das kommt zum 1. Mai ja wie gerufen. Alle Beiträge verbinde dabei «die Perspektive möglicher Überwindung derjenigen Verhältnisse, in denen die irrationale Logik des Kapitals über die Menschen und ihre Arbeit bestimmt», schliesst das Editorial.

Grosse Worte und hohe Ansprüche. Nehmen wir das ernst? Etwa den einleitenden Artikel von Anton M. Fischer. Der rekonstruiert den Arbeitsbegriff bei Karl Marx und dessen Konzept des Kapitalfetischs: Warum wir also darauf reinfallen, Geld und Kapital als wertschöpfend zu akzeptieren, wo doch die einzige Quelle des Reichtums die Arbeit ist. Der Ansatz ist wichtig. Aber der Beitrag hat zwei grundlegende Schwächen: Erstens nennt Fischer den Kapitalfetisch einen «realen Schein». Leider schiebt er das Reale bald beiseite und bleibt beim Schein stehen. Wenn wir nur den falschen Schein durchschauen würden, dann würde sich alles ändern. Eben nicht. Wir denken nicht nur in diesen Kategorien, sondern handeln auch darin. Kapital mag, an sich, keinen Wert schaffen, aber in den herrschenden Verhältnissen sind unsere Pensionskassen auf Kapitalgewinne angewiesen.

Zweitens hört der Aufsatz dort auf, wo die Theoriearbeit beginnen sollte. Fischer wirft der «heutigen marxistischen Theorie» vor, sich nicht auf die aktuellen Entwicklungen des Kapitalismus einzulassen, liefert selber aber abgesehen von ein paar launigen Sprüchen über ErzkapitalistInnen und Grossbanken auch nichts Neues. So bleibt ihm nur die Hoffnung. «Hoffen wir», dass das Platzen der Spekulationsbörse «den Blick wieder frei macht auf die wahre Quelle jeglichen Reichtums», ja, auf die Tatsache, dass die Kapitalisten als Zocker überflüssig geworden sind: «Es besteht die Hoffnung, dass dies immer mehr Menschen erkennen und ihrer Einsicht gemäss auch irgendwann einmal handeln.» Das sind eher schwächliche Signale an die Völker.

Andere Beiträge bemühen sich um neue Erkenntnisse. Caroline Kikisch und Sebastian P. Riepe haben Interviews mit WerberInnen geführt, die sie analytisch kommentieren. Die Widersprüche zwischen fremdbestimmter Anstellung und Identitätssuche in der Arbeit werden herausgearbeitet und münden in der Forderung, Freundschaften im Betrieb als politisches Konzept zu verstehen, da sie die Grenzen der Hierarchie durchlässiger machen und die hegemoniale Ordnung stören. Das ist zwar nicht ganz überzeugend, aber zumindest anregend. Auch Nicole Peter zielt im Gespräch mit der in Zürich wohnhaften kurdischen Lebensmittelladenbesitzerin Nur Yersil auf die Ambivalenzen in der Selbsttätigkeit.

Interview ohne Antworten

Nun stecken alternative Theorie und Bewegung heute offensichtlich in Schwierigkeiten. Aber die Fallhöhe zwischen Anspruch und Resultat scheint mir bei «Respektive» ziemlich hoch. Beispielsweise hat sich die Redaktion ein Interview mit dem französischen Philosophen Alain Badiou ausgedacht, weil der an einem erneuerten Kommunismus festhalte. Also sind ihm Fragen zugeschickt worden, doch Badiou «mochte» die «bedauerlicherweise nicht beantworten». Nichtsdestotrotz werden die unbeantworteten Fragen, zweisprachig, abgedruckt. An Selbstbewusstsein scheint es den «Respektive»-MacherInnen nicht zu mangeln.

In den kulturkritischen Beiträgen geraten Kunst und Kultur einerseits unter den Generalverdacht des Affirmativen. Andererseits will man doch Spuren des Alternativen aufspüren. Das gelingt Markus Brunner beim australischen Performancekünstler Stelarc, der den menschlichen Körper zum Cyborg umwandeln und damit überwinden will. Brunner zeigt, wie Stelarc sich seiner von allem Gesellschaftlichen entleerten Vorstellung unterwirft, seine Aktionen diese Unterwerfung aber zumindest infrage stellen. Umgekehrt führt eine Analyse von Lina Brion und Kenneth Hujer über den Warencharakter der Musik nach einigem postadornoschem Geraune zur These, in heutigen Livekonzerten habe der Tauschwert den Gebrauchswert vollkommen eliminiert und sei «total» geworden. Dagegen kann jedeR KonzertbesucherIn bestätigen, dass noch im grössten Kommerzkonzert ein Stück Gebrauchswert steckt.

Weitere Beiträge stellen selbstbezügliche Fragen. Die Fotostrecke von Antje Müller über die Rückeroberung ostdeutscher Industrielandschaften durch die Natur ist eindrücklich, aber wo sind die Menschen geblieben? Wird da nicht das Politische ästhetisiert? Die «freischaffende Poetpiratin» Po Ehm wird mit einer Bildstrecke präsentiert, in der Passagen aus Clemens Brentanos Gedicht zur Lorelei über Frauenkörperteile geklebt sind. Ihre Arbeiten «bringt sie bei Nacht und Nebel» in europäischen Metropolen an. Welche warenförmige Verdinglichung passiert damit in einer Kulturzeitschrift?

Nostalgische Vorstellungen

Gelegentlich kommt in der «Respektive» die These vor der Analyse. In der Suche nach Alternativen zeigen sich zwei Stossrichtungen: Einerseits die von der Frankfurter Schule beeinflusste abwartende Distanz zum Alltagsgetriebe: «Könnte man denn die Umrisse eines fruchtbaren Zusammengehens von Kunst und Politik heute im aktiv-antizipierenden Warten auf eine emanzipatorische Praxis zeichnen?», formuliert das Redaktionskollektiv. Andererseits der mehr oder weniger verbrämte Rückbezug auf nostalgische Vorstellungen des Klassenkampfs. Beides zeigt ein starres Verhältnis von Theorie und Praxis. Daran sollte sich «Respektive» noch ein wenig abarbeiten.

www.respektive.org

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