Nr. 18/2010 vom 06.05.2010

Eine schrecklich perverse Familie

Am 8. Mai erhält der Schriftsteller Gerold Späth den Gottfried-Keller-Preis. Dass er ein Meister der Satire auf das verknorzte Bürgertum ist, zeigt sein Roman «Die heile Hölle» (1974), der nun neu aufgelegt wird.

Von Anna Wegelin

Der Vater ist ein ekelerregendes Monster mit weisser Weste. Ein geiler Sauhund, der seinen perversen Narzissmus mit peinlich genauen Alltagsexerzitien bändigt. Bis das Ungeheuer in ihm ausbricht. Der Erzähler in Gerold Späths Roman «Die heile Hölle» hält den namenlosen Perversling auf ironische Distanz. Das ist gut geschrieben und gnadenlos konsequent verfolgt, wird jedoch mit der Zeit ermüdend.

Es ist der «hundertvierundfünfzigste Tag jenes Jahres» in mittelländischer Umgebung, als im Wald gegen Buchbach eine Blondine brutal ermordet wird. An diesem sommerlichen Freitag erwacht der Vater, ein vermögender Geschäftsmann im Rentenalter, bei Sonnenaufgang und zu Vogelgezwitscher in seinem grossen Bett in seiner grossen Villa im Grünen mit Parkanlage, die vier Generationen seines Familiengeschlechts «um- und umgebaut» haben. Wollüstig kitzelt er seinen Leib von oben bis unten gemäss einem polynesischen Brauch, «wahrscheinlich vom Stamm der Maori», wonach die des Nachts frei umschweifende Seele durch ebendiese mehr oder weniger groben Streicheleinheiten wieder in seinen Körper einschlüpft.

Goldenes Morgenwässerchen

Ja, die väterliche Seele: Gross, nobel und «ruhig und gemessen in ihren Bewegungen» ist sie. Gleichzeitig ähnelt sie der wettkampflustigen Seele eines «Kurzstreckenflitzers» – er sei eben ein «harmonischer Mensch». Und sauber: Unter der Dusche lässt er seinen Körper «von oben» abwechselnd von siedend heissem und eiskaltem Wasser besprinkeln, um es, vereint mit seinem «bronzegoldenen Morgenwässerchen», durchs Loch unten abfliessen zu lassen.

So geht es mit jedem Detail seines Morgenrituals weiter bis zum Waldspaziergang: beim Anziehen, beim Betrachten seiner Brustmuskeln im Spiegel – und der Vater «sah, dass es also gut war» –, beim Onanieren, beim heimlichen Beobachten seiner Frau, die nackt bei offenem Fenster im Nebentrakt schläft ...

Spätestens als der Vater mit einem roten Schlauch die Statue der römischen Göttin Diana in seinem Parktümpel abspritzt, der nur so von fetten Karpfen wimmelt, ahnen wir Schlimmes: «Man kann sagen, der Vater habe die Gewohnheit gehabt, die Göttin Diana auf dem Stein in der Teichmitte allmorgendlich von Kopf bis Fuss kalt abzuspritzen, wobei er stets darauf achtete, selbst geheimste Stellen in den Strahl zu bekommen. Ja, auf jene göttlichen Heimlichkeiten hatte er es eigentlich besonders abgesehen. Denn dort, wusste er, war die Marmorweisse am ehesten gefährdet.»

Als er nach seinem Nacktbad im feuchten Fischmekka den Halt verliert und ins Wasser zurückfällt, wissen wir: Der Perversling wird zur Tat schreiten – «an diesem Morgen passierte es ihm».

«Die heile Hölle» schildert in vier Kapiteln jeweils einen (fast gleichzeitigen) Tag aus dem Leben eines Mitglieds derselben Familie. Der Vater begeht einen sexuell motivierten Affektmord. Seine viel jüngere Frau, die sich mit Cremchen zupflastert und panische Angst hat, sie könnte Brustkrebs haben, hält sich eine nochmals viel jüngere Liebhaberin. Die Schwiegertochter holt sich einen Callboy mit Sadomasokoffer nach Hause. Und der Sohn vergast sich in der Garage beim laufenden Automotor. Allen gemein ist, dass sie völlig verknorzt und total beziehungsunfähig sind.

Wucht, Witz und Weisheit

Späth, der heute in seinem lange von ihm verschmähten Geburtsort Rapperswil, in Italien und in Irland lebt, veröffentlicht seit 1970 Romane, Erzählungen, Hörspiele und Theaterstücke. Am 8. Mai überreicht ihm die Martin-Bodmer-Stiftung in Zürich den mit 25 000 Franken dotierten Gottfried-Keller-Preis für sein Gesamtwerk, «das mit Wucht, Witz und Weisheit eine Schweizer Kleinstadt zum Spiegel der Welt macht». Gemeint ist jenes sankt-gallische Rapperswil, das Späth mit seinem Erstlingswerk, dem Schelmenroman «Unschlecht» von 1970, erstmals auf die Schippe nahm.

Auch der Roman «Die heile Hölle» von 1974, den der Lenos-Verlag neu auflegt, ist eine lustvolle Satire auf die gemeingefährliche Wohlstandsfamilie. Das unterhaltsame Buch ist weder ein psychologischer Entwicklungs- noch ein gesellschaftskritischer Roman, sondern liest sich wie ein unfertiger Krimi ohne moralische Auflösung.

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