Nr. 18/2010 vom 06.05.2010

Meienbergs Siebzigster

Von Stefan Keller

Manchmal sehe ich ihn aus weiter Ferne, seine hohe Statur, der Strubbelkopf taucht kurz in einer Menschenmenge auf, aber wenn ich genau hinschaue, ist es ein anderer. Manchmal frage ich mich, wie er heute wohl leben würde und wie es ihm ginge. Das Schreiben mit dem Computer hätte er gelernt, wie alle anderen auch und trotz Bedenken. Er würde die Texte nicht mehr mit einer mechanischen Schreibmaschine ins Papier hineinstanzen. Der «Tages-Anzeiger», der ihn während Jahrzehnten mit einem Publikationsverbot belegte, hätte ihn später zurückgeholt und sicher bald wieder entlassen. Ob er noch für die WOZ schreiben würde? Oder eher für die «Weltwoche», in der seine ersten Artikel erschienen? Wäre er überhaupt Journalist geblieben? Hätte er den geplanten Roman veröffentlicht? Ein Theaterstück vielleicht? Wie viele Lyrikbände? Wovon könnte er leben, ausser von der AHV? Was würde einer wie Meienberg zu den aktuellen Ereignissen sagen, zur Finanzkrise, zur Medienkrise, zum herbeigepredigten Clash der Kulturen, zum unreflektierten Sprach- und Bilderbrei, der aus allen Medien quillt, zur Machthörigkeit der ehemals linken und zum Aufstieg der neuen rechten Journalisten, deren Engagement nur ganz oberflächlich an sein eigenes erinnert.

Sähe er sich weiterhin als Aufklärer aufseiten der Schwachen, oder wäre er vielleicht aufseiten des «Volkes», wie es heute die SVP definiert? Würde er an die Notwendigkeit einer gerechteren Welt noch so heftig glauben wie damals? Wie käme er damit zurecht, dass vieles schlimmer geworden ist und dass man trotzdem überlebt. Worüber würde er lauthals lachen?

Am 11. Mai 2010 wäre Niklaus Meienberg siebzig Jahre alt – fast schon ein Greis. Im September 1993 starb er mit 53 Jahren. Ein alt gewordener Jüngling. Er nahm Medikamente, stülpte einen Plastiksack über den Kopf, und als er sich umgebracht hatte, kam es in den Nachrichten. So berühmt war er damals, dass im ganzen Land von seinem Tod geredet wurde – es gab Fernsehdiskussionen –, und gleichzeitig so unversöhnt mit der Welt: getroffen von der realen Macht, die sich veränderte, aber in die falsche Richtung. Beleidigt in jeder Hinsicht, physisch, psychisch, fachlich, politisch, literarisch; voller Vorwürfe auch an die Freunde, verzweifelt, einsam, schwach. In tiefer Depression, wie man sagte. Aber es war nicht bloss eine Krankheit. Sein Suizid nahm eine Depression der Linken vorweg.

Niklaus Meienberg, Journalist, Historiker, Dichter. Geboren in St. Gallen in jenem Mai 1940, als mit dem befürchteten Einmarsch der Deutschen, mit Rütlirapport und Réduitstrategie einige Schweizer Geschichtsmythen zementiert worden sind, die den Rest des Jahrhunderts dominieren sollten. Aufgewachsen in einer katholischen Parallelkultur, als Messbub und Internatszögling; in einer religiös und pubertär befeuchteten Jungmännerwelt, die heute nur noch wegen sexueller Übergriffe erinnert wird. Ins Achtundsechzig gestolpert in Paris. Dort erstmals aufgefallen mit frechen, hellen Reportagen, die er schrieb, dann leider zurückgekehrt, oder zum Glück, ins neblige Voralpengebiet: 1973 ist eines der wichtigsten Prosastücke der Schweizer Literatur erschienen, «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.», das später, von Richard Dindo verfilmt, zu schärfsten Zeitungsattacken seitens der traditionellen Geschichtsschreibung führte.

Wenn es eine Geschichte von unten gibt in der Schweiz, dann dank Meienberg, der auch dem Vorwurf, ein Linksfaschist zu sein, tapfer standhielt. Wenn die akademische Schweizer Geschichte – nach seinem Tod – doch noch die Opferperspektive entdeckte und im Bergier-Bericht 2002 damit Anschluss an internationale Standards fand, dann nicht zuletzt wegen des von der Zunft gefürchteten und marginalisierten Meienberg.

Ehrlich gesagt: Man kann ihn sich nicht als Greis vorstellen. Er wäre alt, abgeklärt wäre er kaum. Vielleicht würde er immer noch die Zeitung aufschlagen, sich aufregen und sagen: Ein Text ist ein Text ist ein Text. Ein guter oder ein ungenauer. Eine Zeitungsnotiz muss mindestens so gut sein wie ein Gedicht oder eine wissenschaftliche Abhandlung. Weil doch viel mehr Leute die Zeitung lesen!

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