Nr. 20/2010 vom 20.05.2010

Zum Schluss am Anfang

Anna Mitgutsch ist ein grosser Roman gelungen: über das Verlangen, geliebt worden zu sein. Eine unzeitgemässe Ode auf die Liebe – und ein Plädoyer dafür, sich in Trauer zu begeben.

Von Erich Hackl

Eine Frau um die sechzig trauert um ihren verstorbenen Mann. Eigentlich ist die Sache komplizierter: Sie und der Mann, der Jerome heisst und als Anwalt in Boston lebt, haben sich vor fünfzehn Jahren scheiden lassen, die Trennung im Lauf der Zeit aber aufgehoben, zeitweise wenigstens, der gemeinsamen Tochter und auch der wachsenden Einsicht wegen, dass sie im Grunde doch füreinander bestimmt sind. Ein paar Tage nach ihrer letzten Begegnung, bei der sie vorsichtig an das Gespinst einer neuen Gemeinschaft gerührt haben, stirbt der Mann.

Kann sein, der Schmerz der namenlosen Icherzählerin ist jetzt abgrundtief, bodenlos, stärker noch, als wenn das unerwartete und doch vorhersehbare Herzversagen Jeromes sie zur gewöhnlichen, als solche akzeptierten Witwe gemacht hätte: Weil eben keine Zeit mehr blieb, den Bund fürs Leben ein zweites Mal zu schliessen, 35 Jahre nach dem ersten Versuch, 31 Jahre nach der Geburt der Tochter. «Hätte uns damals einer gesagt, ihr habt fünfunddreissig Jahre, wäre uns das wie eine Ewigkeit erschienen. Aber es war zu kurz, wir brauchten so lange, um einander zu verstehen, wir waren zum Schluss erst am Anfang, und auch die Liebe hatte gerade erst eine neue Gestalt angenommen.»

Buchfüllende Abrechnung

Davon wollen die Verwandten und FreundInnen des Toten aber nichts wissen. Für sie ist die Frau eine, die sich in sein und damit auch in ihr Leben geschwindelt hat und erst gar nicht den Anspruch erheben darf, seiner als Gattin zu gedenken, hat sie ihn doch, ihrer auf Jeromes Äusserungen beruhenden Überzeugung zufolge, mutwillig verlassen. Weil sie zu selbstsüchtig war, um seinetwillen auf ihr Schriftstellerinnenleben irgendwo in Europa zu verzichten.

Es ist beachtlich, wie viele verbale Seitenhiebe diese Hinterbliebene während Schiwa und Scheloschim, den sieben- beziehungsweise dreissigtägigen jüdischen Trauerzeiten, nach denen Anna Mitgutsch den Roman strukturiert hat, von Jeromes Sippschaft, seinen Kompagnons und FreundInnen einstecken muss. Aber diese Attacken erträgt sie immer noch besser als die Kette aufmunternder Worte – «Kopf hoch», «Das Leben geht weiter», «Time to move on» –, mit denen sie von den anderen, die es weniger schlecht mit ihr meinen, traktiert wird.

«Wenn du wiederkommst» ist unter anderem eine 270 Seiten lange Abrechnung mit solchen Sätzen, ein ebenso aufregendes wie berührendes und, wie alle Romane dieser Autorin, mit einer selten innigen Leidenschaft geschriebenes Plädoyer dafür, sich in Trauer und Schmerz zu begeben, selbst auf die Gefahr hin, aus ihnen nie mehr herauszufinden.

Obwohl Mitgutsch ihre Heldin kein einziges Mal denunziert, lässt sie hin und wieder durchscheinen, dass nicht alles stimmen muss, was sie diese Frau da erzählen lässt. Oder wie sie es sie erzählen lässt. Und dass sich die von ihr beschworene, jedenfalls als real ausgewiesene und im Nachhinein für dauerhaft gehaltene Liebe nicht ohne weiteres mit dem schillernden Bild des Verstorbenen deckt, der sich den LeserInnen nicht nur als aufmerksamer Geliebter und liebevoller Vater erweist, sondern manchmal auch als unreif, umtriebig, lächerlich in seinem gockelhaften Begehren junger attraktiver Frauen, nicht zur Treue und bisweilen nicht einmal zur behaupteten Gerechtigkeit begabt.

Alles eine Selbsttäuschung?

Mehrmals äussert die Icherzählerin ihre Überzeugung, sie und er hätten es deshalb so schwer miteinander gehabt, weil sie einander allzu ähnlich gewesen seien und infolge der daraus resultierenden fehlenden Fremdheit zwischen ihnen unfähig, ihre Liebe über die Zeit zu retten, unfähig auch, «im Augenblick zu leben», und da denkt der Leser, ob sich denn die Frau mit dieser Begründung nicht selbst hinters Licht führt und ob nicht auch die andere Frau, deren Erfindung oder Alter Ego sie ist, die Autorin nämlich, ihr in diesem Glauben folgt. An einer Stelle wird dieser Verdacht gar von der Icherzählerin selbst erhoben, die zu begreifen anfängt, «dass mir der Versuch, Jeromes Leben mit meinen Erinnerungen zur Deckung zu bringen, nur widerspruchslos durchgeht, solange ich keine Zeugen anrufe».

«Wenn du wiederkommst» ist also auch der Roman einer möglichen Selbsttäuschung oder des aus Erbarmen geborenen Versuchs der Autorin, ihre Protagonistin glauben zu lassen, dass es diese Liebe gab, dass auch der Tote sie geliebt hat, dass diese Liebe, wäre er nicht gestorben, in ein ruhiges, gemeinsam verlebtes Altersglück gemündet hätte. Das ist nämlich der innige Wunsch der Protagonistin, von noch jemandem ausser ihrer Tochter bestätigt zu bekommen: «Du hast zu ihm gehört.»

Das aufblitzende Glück

Sonderbar, wie wenig man von ihr selbst erfährt. Schriftstellerin, aus Österreich, die es zur jüdischen Kultur zieht. Irgendwann hat sie sich, für kurze Zeit, gegen das sogenannte Establishment und für die Hippies entschieden, irgendwann in Israel in einem Kibbuz gelebt, irgendwann ist sie zum jüdischen Glauben übergetreten (vom Katholizismus vermutlich oder von einer anderen, schuldhaft gewordenen Religionsgemeinschaft). Ihr uralter Vater ist noch am Leben. Darüber hinaus bleibt ihr gesellschaftliches, soziales, geografisches, familiäres Umfeld im Dunkeln. Sie hat langes Haar, von dem Jerome sich gerne bedecken liess, im Trauerjahr nach Ablauf der Scheloschim lässt sie es sich schneiden. Aber durch diese Details wird sie uns noch nicht augenfällig. Der Spiegel, in dem sie sich und wir sie mit ihren Augen betrachten könnten, ist verhüllt.

Sichtbar werden in diesem Roman nur der Geliebte, Verstorbene, um den sie mit ihren Erinnerungen kreist, und die gemeinsame Tochter Ilana, der die Autorin, wie zum Trost, all das andichtet, was sie den Eltern vorenthalten hat: Ilana ist unsentimental; sie hat Erfolg; sie lässt sich nicht kleinkriegen. Aber es hat auch eine Zeit gegeben, in der ihre Mutter und ihr Vater die Welt als veränderbar erlebt, in der sie «keinen Unterschied zwischen der Wirklichkeit der Bücher und des alltäglichen Lebens» gemacht haben.

So blitzt das Glück, als Versprechen, zwischendurch immer wieder auf, in den leuchtenden Farben, mit denen Anna Mitgutsch die Erinnerungsbilder ihrer Heldin grundiert, in der dichten Atmosphäre, die sie mit ihrer anschaulichen Sprache schafft, in der verlockenden Beschreibung von Räumen, Strassenzügen, Stränden, Landschaften, in deren Schönheit die Icherzählerin mit Jerome aufgegangen ist. So schafft die Autorin das kleine Wunder, ihre Elegie über den Tod des Geliebten durch die Darstellung menschlicher Versäumnisse in eine verstörend unzeitgemässe Ode auf die Liebe zu verwandeln.

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