Nr. 21/2010 vom 27.05.2010

Das Nichts hinter dem Joch

Kaum irgendwo gehen sich BergsteigerInnen unterschiedlicher Staatszugehörigkeit heute noch so sehr aus dem Weg wie im Rätikon. Das könnte sich nun vielleicht ändern.

Von Pit Wuhrer

Viel diskutieren mussten wir damals nicht, das Ziel für unsere kleinen Bergfahrten stand meist schon fest: das Rätikon. Wir – das waren mein Vater und ich. Er hatte kaum Geld und ich gar keins; die Schweizer Berge und die vergleichsweise teuren SAC-Hütten kamen für uns nicht infrage. Wie hätte sich das der kleine Angestellte auch leisten sollen, der einem Buben seine Berge zeigen wollte? Und so sind wir mit dem Zug von Friedrichshafen nach Bludenz oder Schruns gefahren, haben für zwanzig, dreissig Schilling auf den Hütten übernachtet, das selber mitgebrachte Vesper gefuttert und sind dann mit schwerem Rucksack weitergestiefelt – auf die Kletterpyramide Zimba zum Beispiel, ohne Seil und ohne Helm, wie das damals so üblich war. Die andere, die schweizerische Seite des Rätikons konnte man von dort aus nicht erblicken.

Schmuggler und Schlepper

In späteren Jahren, mit meinem jüngeren Bruder und Freunden, war ich noch öfter dort – aber auch dann sahen wir den Schweizer Teil dieses Gebirgszugs zwischen Liechtenstein, dem Montafon und dem Prättigau meist nur von oben, von den Gipfeln aus. Aber lag es nur am Geld? Oder stecken auch in den Köpfen von BergsteigerInnen Landkarten, auf denen jenseits der gestrichelten Grenzlinie alles nur weiss ist? In seinen Erinnerungen beschrieb der Bergvagabund Anderl Heckmair, Erstbesteiger der Eigernordwand, wie er in den dreissiger Jahren die damals berüchtigte Drusenfluhsüdwand im Rätikon durchstieg – vorbei an den Leichen von Kletterern, die nicht durchgekommen waren. Zurück im österreichischen Taldorf Schruns bietet er seine Mithilfe bei der Bergung der Toten an, doch die Behörden winken ab. Die Südabhänge der Drusenfluh liegen nicht auf ihrem Gebiet, sondern auf Schweizer Gemarkung. Sollen doch die St. Antönier aufräumen, mag sich der Schrunser Bürgermeister wohl gedacht haben.

Noch immer durchzieht eine Grenze das Rätikon. Für die heutigen BergsteigerInnen ist sie fast unsichtbar; nur alte und mittlerweile ungenutzte Zollwachthütten erinnern daran, dass hier über Jahrzehnte hinweg Schwärzer (Schmuggler) und Finanzer (Zollbeamte) eine Dauerfehde führten. Denn geschmuggelt wurde so gut wie alles: Kaffee und Tabak, WC-Rollen und Bürsten, Kuhglocken, Manschettenknöpfe, selbst Motoren. Bei all diesen Auseinandersetzungen zwischen Montafoner und Prättigauer Schwärzern auf der einen und den Finanzern auf der anderen Seite – in den zwanziger Jahren kam es sogar zu einem Feuergefecht rund um die Tilisunahütte – gab es nie Gewinner, nur moralische Sieger; und das waren in den Augen der Bevölkerung hüben wie drüben immer die Schmuggler.

Während der Nazizeit (und insbesondere nach dem «Anschluss» von Österreich an das Deutsche Reich 1938) verlief zwischen Feldkirch und in der Silvretta auch eine Grenze zwischen Leben und Tod. Für viele Deutsche und ÖsterreicherInnen war die Flucht ins St. Galler Rheintal und ins Prättigau lebensrettend: Schlepper lotsten jüdische Flüchtlinge durchs Schweizertor, über den Sarotlapass oder das Schlappiner Joch auf ein vermeintlich sicheres Gebiet. Hunderte flohen ohne fremde Hilfe in die Schweiz – darunter auch Dutzende von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen, die die Nazis für die Erweiterung der Stauseen, Wasserleitungen und Pumpspeicherwerke im Rätikon und der Silvretta eingesetzt hatten: Die deutsche Kriegswirtschaft brauchte dringend Energie.

Das grosse Nebeneinander

Von all dem wussten wir damals nichts. In den sechziger Jahren sprachen die Deutschen nur selten vom Krieg und noch weniger über die Naziverbrechen. So richtig verstanden habe ich das Rätikon, die Talschaften, die Menschen und ihre Geschichte trotz meiner vielen Touren erst bei der Lektüre von François Meienbergs sensationell gutem Buch «Hinaus ins Rätikon», das letztes Jahr erschienen ist. Was hat der Autor nicht alles zusammengetragen! Die Geschichte der alpinen Völkerwanderung der WalserInnen; die Historie der ehemaligen Herrschaften Schellenberg und Vaduz, die im ausgehenden Mittelalter ständig weiterveräussert wurden (bis sich das Fürstentum Liechtenstein an den Finanzmarkt verkaufte); der Versuch vieler VorarlbergerInnen, der Eidgenossenschaft beizutreten; die erbärmliche Emigration zahlloser Montafoner, die sich als Maurer und Zimmerleute in Bern, als Kornschnitter in Schwaben, als Krauthobler im Breisgauischen verdingten oder ihre Nachkommen auf den Kindermarkt im oberschwäbischen Ravensburg schickten.

Abseits ausgetretener Pfade

Die beeindruckende Dichte an Informationen kommt dabei so leichtfüssig daher, wie Meienberg und die Fotografin Marion Nitsch offenbar die Gegend erwandert haben: Die insgesamt neunzehn Touren (inklusive eines Abstechers in die Silvretta) führen oft über Hänge und Jöcher, die abseits der vielfach ausgetretenen Pfade liegen. Die exakten Wegbeschreibungen sind reich an Details, Legenden und Anekdoten – über Wilderer, Tourismusprojekte, Gletscherschwund, Dorfarchitektur, Schlachtfelder, Brücken- und Wegebau, Gebiets- und Hüttensperrungen (während des Zweiten Weltkriegs) oder nachbarschaftliche Konkurrenz. So stemmten sich die Schweizer Behörden lange gegen den Bau des Liechtensteiner Wegs von der Pfälzer zur Mannheimer Hütte, weil sie hinter dem Plan einen Schachzug (die Umgehung der Schweizer Hütten) witterten.

Meienberg ist ein guter Beobachter. Und so entgingen ihm auch nicht die vielen bergtouristischen Unterschiede – bei den Hütten etwa (die österreichischen ähneln zum Teil eher Hotels), bei den Gehzeiten (die SchweizerInnen sind flotter unterwegs), bei der Schwierigkeitsbewertung (die deutschen und österreichischen BerggeherInnen habens gern gemütlicher). Seine grosse Leistung aber ist, die Wanderungen so anregend zu beschreiben, dass der eine oder die andere vielleicht doch mal einen Schritt über die Grenze im Kopf hinaus wagt. Und das ist nicht zu unterschätzen.

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