Nr. 21/2010 vom 27.05.2010

An der Fleischbank

Von Alfons Ummenhofer

Als Reinhard Karl und Helmut Kiene 1977 an der Ostwand der Fleischbank die «Pumprisse» durchkletterten und diese Route mit dem Schwierigkeitsgrad 7 bewerteten, war es so weit: Nach langer Diskussion folgte die Öffnung der Schwierigkeitsbewertung im Felsklettern über den 6. Grad hinaus. Dieser galt bis dahin als das Menschenmögliche. Mit der Erweiterung dieser Skala (sie ist seither nach oben offen) war eine der Grundlagen für die Leistungsexplosion im extremen Felsklettern der letzten dreissig Jahre geschaffen worden.

Heute durchziehen unzählige Kletterrouten in allen Schwierigkeitsgraden die Wände des Wilden Kaisers – dieses kleinen, aber feinen Tiroler Gebirgsstocks bei Kitzbühel mit so legendären Gipfeln wie Totenkirchl, Predigtstuhl und der Fleischbank.

Der Panico-Verlag hat, um der Fülle dieser Routen gerecht zu werden, gleich zwei Führer über dieses Gebiet im Angebot. Die Trennlinie bildet nicht eine Aufteilung nach Gebieten, sondern der 6. Schwierigkeitsgrad. Eine interessante Einteilung, da sie sich an den Bedürfnissen der BergsteigerInnen orientiert und das gesamte Gebiet umfasst. Ob alle damit zufriedengestellt werden, ist jedoch fraglich: Gerade jene, die im mittleren Leistungsbereich klettern, im Schwierigkeitsgrad 5 bis 7, müssen sich beide Führer zulegen. Andererseits ist schon lobenswert, einen Kletterführer den von den Cracks verschmähten unteren Graden zu widmen – drängt sich doch heutzutage der Eindruck auf, dass sich alle nur noch im Highendbereich bewegen und Klettern unter einem «Sechser» allenfalls zum Aufwärmen dient. Auch KletterInnen sind vor Arroganz nicht gefeit.

Dass das nicht sein muss, zeigt der Panico-Führer in hervorragender Weise. Sämtliche Routenbeschreibungen enthalten neben der Schwierigkeitsskala der UIAA, der Internationalen Union der Alpinismusvereinigungen, eine Ernsthaftigkeitsbewertung. Diese zusätzliche Einschätzung setzt sich in der Führerliteratur immer mehr durch und unterstreicht den alpinen Charakter der Kletterei. Sie skizziert die Voraussetzungen, die alle im Umgang mit Sicherungsgeräten mitbringen müssen, die Anforderungen an die Psyche und das Verletzungsrisiko.

Der Kletterführer passt in jede Rucksackdeckeltasche und bietet jede Menge Informationen. Wie allen Panico-Führern liegen Topokarten bei (die Topos von Georg Sojer sind ein Prunkstück), die bequem in jeder Hosentasche verstaut werden können. Ausserdem betreibt der Autor Markus Stadler eine gut gepflegte Website mit tollen Fotos und sämtlichen Neuheiten zum Gebiet.

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