Nr. 22/2010 vom 03.06.2010

«Bill Gates hat keine Ahnung»

Auf einer Tour durch die Schweiz erinnern dieser Tage sechs ExpertInnen aus dem Süden daran, dass fast alles Essen beim Samenkorn anfängt.

Von Bettina Dyttrich

«Bei uns behalten die Bauern die schönsten Ähren, um die Körner wieder auszusäen. Hier macht das niemand.» Für Fatchima Noura ist das – neben den grossen Traktoren und Maschinen – der auffälligste Unterschied zwischen der Landwirtschaft in der Schweiz und in ihrem Heimatland Niger.
Zusammen mit fünf anderen LandwirtschaftsexpertInnen aus Indien, Nicaragua und Guinea-Bissau zieht die Geografin derzeit durch die Schweiz. Die «Saatgutkarawane», organisiert vom Hilfswerk Swissaid, versucht den SchweizerInnen aufzuzeigen, wie wichtig die Vielfalt der Nutzpflanzen für die Ernährung ist – und wie entscheidend die Frage, wer das Saatgut kontrolliert.

Wo bleibt die Wunderpflanze?

Fatchima Noura macht sich Sorgen. Niger, ein ohnehin trockenes Land, leidet unter einer ungewöhnlichen Dürre. Bald könnte es zu einer Hungersnot kommen. Wie immer kommt da die Frage auf: Wer hilft? Und mit welchen Interessen?
Die Alliance for a Green Revolution in Africa habe in Niger kürzlich ein Büro eröffnet, erzählt Noura. Die Organisation, gegründet und hauptsächlich finanziert von der Stiftung des Ehepaars Bill und Melinda Gates und der Rockefeller-Stiftung, will die Erträge in Afrika mit den alten Rezepten steigern: Hochleistungssorten und Gentechnik. «Bill Gates hat keine Ahnung von Landwirtschaft und von Afrika», schimpft Fatchima Noura. «Wer uns wirklich helfen will, soll die Forschung mit unseren alten Sorten unterstützen. Damit sie noch widerstandsfähiger werden gegen die Dürre.» Trockenheitsresistente Wunderpflanzen sind zwar ein altes Versprechen der Gentechindustrie. Doch bis jetzt ist es beim Versprechen geblieben. Fatchima Noura lehnt sie auf jeden Fall ab: «Wir verlören unsere Sorten und würden abhängig von Firmen, weil wir das Saatgut jedes Jahr neu kaufen müssten.»
Die Karawane hält unter anderem im Botanischen Garten Zürich, wo die Schweizerische Arbeitsgruppe Gentechnologie (SAG) ihren zwanzigsten Geburtstag feiert. Die SAG, Dachorganisation von 26 Umweltschutz- und Landwirtschaftsorganisationen, erkämpfte ihren grössten Erfolg 2005 mit der Annahme des Gentech-Moratoriums. Wer den Karawane-TeilnehmerInnen zuhört, ist bald heilfroh über dieses Moratorium: Der indische Agronom Gangula Ramanjaneyulu erzählt Dramatisches über Bt-Baumwolle, die mit einem eingeschleusten Bakteriengen ein Insektengift herstellt: «Kühe, die Erntereste gefressen haben, sterben; die Arbeiter­Innen in den Plantagen leiden unter Allergien und husten Blut.»
In Nicaragua sei transgener Mais sozusagen durch die Hintertüre angekommen, sagt Jorge Vasquez, ebenfalls Agronom. USAID, die Entwicklungshilfe­agentur der US-Regierung, habe Saatgut an die Bauern und Bäuerinnen verteilt. «Sie sagten, diese Pflanzen könnten sich viel besser gegen Schädlinge wehren.»

Arme Schweizer Bauern

Doch die Gegenbewegung globalisiert sich: Das Konzept der gentechfreien Gemeinden und Regionen, das in Europa grossen Anklang findet, breitet sich auch in Indien aus. Und Organisationen, die Menschen für ihr eigenes Saatgut sensibilisieren, gibt es inzwischen fast auf der ganzen Welt – etwa Semillas de identitad (Samen der Identität) in Lateinamerika oder Copagen (Koalition für den Schutz des genetischen Erbes Afrikas) in Westafrika.
Dabei sind der Widerstand gegen Gentechnik und der Einsatz für die Sortenerhaltung eng verknüpft. Denn Gentechpflanzen können traditionelle Sorten bedrohen, wenn sie sich mit ihnen kreuzen und damit die Genmanipulation weiterverbreiten. Umgekehrt fallen dort, wo der Gedanke der Saatgutautonomie stark ist, die Bauern und Bäuerinnen weniger auf die Versprechen der Gentechlobby herein.
Nach fünf Tagen Karawane ist die Bilanz der Ernährungsberaterin Fanceni Baldé aus Guinea-Bissau gespalten. Vieles gefällt ihr in der Schweiz: «Die Bauern sind gut ausgebildet und die Leute gut organisiert. Der Schweizer Biolandbau gefällt mir sehr, er erinnert mich an unsere Landwirtschaft.» Doch in einem anderen Bereich tun ihr die Schweizer Bauern und Bäuerinnen fast ein bisschen leid: «Hier fehlt die Wertschätzung für Lebensmittel. Das ist bei uns anders. 1998 hatten wir einen Bürgerkrieg, und auch dank lokalen Wissens konnten wir eine Hungersnot verhindern. Man spielt nicht mit dem Essen!»

Siehe auch das WOZ-Dossier zur Gentechnologie.