Nr. 23/2010 vom 10.06.2010

Ein Team. Eine Bank.

Das Beispiel von Nationalmannschaftssponsor Credit Suisse zeigt, wie wenig die Apartheidunterstützung der Schweiz im öffentlichen Bewusstsein vorhanden ist.

Von Kaspar Surber

So heisst der Werbeslogan der Credit Suisse zur Fussball-WM: «Ein Land. Ein Team. Eine Bank.» Im Vorfeld der WM wurden 10 000 Natitrikots verlost – mit dem CS-Logo drauf. In den Stadien der «Fifa-Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010(tm)» wird Leibchenwerbung zwar verboten sein. Dafür wird die CS als einer von drei Sponsoren die Übertragungen am Schweizer Fernsehen präsentieren.

Die Credit Suisse, ehemals Kreditanstalt, ist seit 1993 Hauptsponsorin des Schweizerischen Fussballverbandes. Das Unternehmen war allerdings auch, um es mit Mascha Madörin zu sagen, eines der «Helfer der Apartheid». In ihrem gleichnamigen Buch schreibt die Ökonomin: «Bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit hatten die Schweizer Grossbanken die Federführung und setzten ihre Interessen gegenüber allen Einwänden durch.»

Aktensperre bis heute

2005 ist der Schlussbericht eines Nationalfondsprojekts zu den Beziehungen Schweiz-Südafrika erschienen. Geleitet hatte es der Historiker Georg Kreis. In den Folgerungen heisst es klipp und klar: «Dass sich die Schweiz der Sanktionsbewegung nicht anschloss, insbesondere wegen des Kapitalexportes und der Abnahme des südafrikanischen Goldexportes, hatte den Apartheidstaat mit seinen kredithungrigen Staatsbetrieben und seinen hohen Staatsausgaben gestützt und gestärkt und somit begünstigt.» Die Einrichtung eines Goldpools in Zürich, die Umgehung einer Kapitalexportbeschränkung sowie eine Umschuldungsmission durch den ehemaligen Nationalbankchef Fritz Leutwiler – all dies geschah auf Betreiben der drei damaligen Grossbanken Bankgesellschaft, Bankverein und eben Kreditanstalt. Was sagt die Credit Suisse heute zu ihren Verstrickungen? «Der Credit Suisse Group eine Mitverantwortung für die Ungerechtigkeiten der Apartheid zuzuweisen, entbehrt jeder Grundlage und wird von den Fakten in keiner Weise gestützt. Es besteht kein Zusammenhang zwischen dem Vorgehen der Apartheidregierung gegen die schwarze Bevölkerung Südafrikas und der Geschäftstätigkeit der Credit Suisse Group in Südafrika.»

Nun entbehrt diese Antwort zumindest einer Grundlage, nämlich des Zitats von Kreis. Dass sie im Jahr 2010 so gegeben werden kann, zeigt: Wohl ist die Apartheidgeschichte in den letzten Jahren ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Weit weniger ist es aber die Schweizer Beteiligung. Und das hat wieder direkt mit den Banken zu tun: 2002 wurden in den USA 23 Konzerne wegen Menschenrechtsverletzungen während der Apartheid angeklagt, darunter auch die CS und die UBS. Just als das Nationalfondsprojekt begann. Auf Druck «interessierter Kreise der Wirtschaft» verhängte der Bundesrat 2003 eine bis heute gültige Aktensperre. Damit war die Forschung stark eingeschränkt. Zum Finanzplatz «fehlen die wichtigen dreissig Jahre von 1960 bis 1990».

Im April 2009 liess eine New Yorker Richterin gegen fünf Konzerne Klagen zu: Daimler, Ford, General Motors, Rheinmetall, zu der die einstige Rüstungssparte von Oerlikon-Bührle gehört, sowie IBM. «Mangels Unterlagen konnte den Banken keine direkte Unterstützung von Verbrechen im Apartheidsystem nachgewiesen werden», sagt Barbara Müller von der Kampagne für Entwicklung und Entschuldung im südlichen Afrika.

In der Hälfte abgeblockt – das ist die Bilanz der Forschung zu den Schweizer Beiträgen an die Apartheid. Anders in Deutschland: Dort läuft vor der WM eine Kampagne gegen Daimler, den Sponsor des Nationalteams. «Der Spiegel» widmete ihr eine mehrseitige Reportage.

Multikulti auf dem Fussballplatz

Man mag einwenden: Die Schweiz hat sich in den letzten zwanzig Jahren stark verändert. Wozu die Beschäftigung mit der alten Geschichte?

Tatsächlich heissen die Natispieler nicht mehr Egli oder Sutter, sondern Derdiyok oder Shaqiri. Zumindest auf dem Fussballplatz, wo die geschossenen Tore mehr zählen als die soziale Herkunft, ist die Schweiz zur multikulturellen Gesellschaft geworden. Aber sonst? Zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung klafft mit Burkaparanoia und Ausschaffungswahn eine beträchtliche Lücke. Vielleicht hat sie mit dieser unbewältigten Geschichte zu tun, die vom Überlegenheitsdenken berichtet. Und von der nicht nur die Credit Suisse nichts mehr wissen will, weil sie ja sowieso nicht dabei war.

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