Nr. 23/2010 vom 10.06.2010

«Bauen ist Männersache»

Von Franziska Meister

Wer Kinder hat, kommt nicht um den komischen Vogel herum: Längst macht Globi nicht nur die Bücherwelt mit Stabreimen unsicher, er verbreitet auch auf CDs seinen naiven Frohsinn und strahlt von T-Shirts und Znüniboxen. Nun will er den Sieben- bis Elfjährigen auch noch Wissen vermitteln. Eben ist der neuste Band «Geschichten vom Bauen» erschienen. Kommt das gut?

Es kommt erstaunlich gut. Gleich zu Beginn werden die Kinder in ihren Erwartungen abgeholt: Globi betritt neugierig eine Baustelle und trampelt in gewohnter Slapstickmanier auf eine Schaufel, die ihm flugs den Schnabel ramponiert. Lektion eins: Die vielen Verbote und Sicherheitsregeln auf einer Baustelle kommen nicht von ungefähr – und, so steht im Infokasten, die Bauarbeiter selbst haben sie sich erkämpft.

Natürlich gibt es eine Geschichte: Globi führt durch eine Rahmenhandlung, in deren Verlauf Schritt für Schritt der Bau eines Schulhauses erklärt wird, vom Ausstecken und Ausheben der Baugrube bis hin zum Innenausbau und der Gestaltung spezieller Unterrichtszimmer. Der glückliche Kniff dabei: Globi tritt nicht als belehrender Experte auf, sondern als fragendes Kind, und er kreiert als fantasievoller Architekt seine eigenen Hausmodelle. Auskunft geben der Bauleiter Giovanni und die Architektin Esther. Später, wenn es nicht mehr nur um einzelne Gebäude, sondern um ganze Städte geht, auch die Stadtbaumeisterin Regula.

«Bauen ist Männersache», heisst es gleich zu Beginn, als die verschiedenen Berufe auf dem Bau vorgestellt werden. Umso erfreulicher ist, dass zwei weibliche Rollenmodelle viel Raum als Expertinnen erhalten und technisches Fachwissen vermitteln. So erklärt die Architektin Esther Globi nicht nur, wie man Baupläne liest und am Computer in dreidimensionale Modelle umwandelt, sondern führt ihn auch noch in die komplexe Welt der Statik ein.

Solche Vertiefungstexte fallen länger aus, mehrheitlich besticht das Buch jedoch durch bunte, detailreiche Bilder, die den Grossteil einer Doppelseite einnehmen. Dazwischen finden sich lexikalisch gestaltete Seiten über Baumaschinen und -materialien oder die verschiedenen historischen Baustile. Insgesamt bietet das Sachbuch so verschiedene Einstiegs- und Vertiefungsmöglichkeiten – in technische, aber auch in historische und kulturelle Aspekte. Schade ist allerdings, dass ausgerechnet jener Bereich fehlt, der die Zukunft des Haus- und Städtebaus massgeblich bestimmen wird: die Ökologie.

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