Nr. 24/2010 vom 17.06.2010

«Nichts ist geschehen»

Von Eva Pfister

Eine Frau sitzt im Zug nach Süditalien, wo ihr Vater im Sterben liegt. Doch plötzlich steigt sie aus und verbringt mit einer Zufallsbekanntschaft eine Nacht. Erst am Ende des Buches klärt sich das befremdliche Verhalten auf. Es ist eine Flucht vor dem Schmerz, der im Vaterhaus auf Dora lauert, der Schmerz über den Verlust der Mutter, die sich umgebracht hatte, als Dora noch zu klein war, um es zu verstehen. Und die traurige Wut über den hilflosen Vater, der damals immer nur sagte: «Es ist nichts.»

Dora erreicht ihr Heimatdorf bei Salerno erst, als die Beerdigung schon vorbei ist. Aber die Erinnerungen holen sie auf der Rückreise ein. Denn Zugfahren macht durchlässig für verdrängte Gedanken und Gefühle: «Die Reise ist so lang, dass sie uns zu Wesen macht, die zwischen Erinnerungen und Vorahnungen hin- und hergeschaukelt werden.»

Der erste Roman der Westschweizerin Sylvie Neeman Romascano, der jetzt auf Deutsch im Rotpunktverlag erschienen ist, handelt im Grunde vom Erinnern. Dora beklagt, dass der Schmerz sich als unvergänglich erweist, während das Glück in der Erinnerung so matt erscheint wie vertrocknete Seesterne. «Die Zeit und die Entfernung lassen die Liebe schwinden, wo gewinnt man hinzu, was man an Unvernunft verliert?»

Die Autorin, die als Redaktorin und Rezensentin für Kinderliteratur ihr Geld verdient, komponierte ihren Roman musikalisch, Motive wiederholen sich, gehen fugenartig in andere über. Die Aufmerksamkeit wird auf kleinste Momente gezogen, die Zeit verlangsamt, die Gedankenströme bis in kleinste Verästelungen verfolgt. Die Zugfahrt geht in die Vergangenheit, dem Schmerzzentrum entgegen, dazwischen heitern ironische Wendungen und witzige Dialogpassagen die Lektüre auf. In ihrem ersten Roman erweist sich Sylvie Neeman Romascano als kunstvolle Stilistin. Man überlässt sich gerne ihrem Erzählfluss mit den wechselnden Stimmungen und Assoziationen auf der Suche nach der «entflohenen Zeit».

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