Nr. 24/2010 vom 17.06.2010

Ein Universum im Zimmer und im Kopf

Sie erkunden ihr Zimmer, ihren Schreibtisch oder ihre Hosentasche wie eine unbekannte Welt: Seit zwei Jahrhunderten beschreiben AutorInnen ungewöhnliche Arten, weit zu reisen, ohne sich allzu viel zu bewegen.

Von Knud Kohr

«Ich habe nie etwas in einem Land, und sei es auch noch so weit entfernt, gefunden, das man nicht in gleichwertiger Form in der eigenen Strasse hätte finden können.»
Alphonse Karr (1808-1890), französischer Autor

1790 wurde der französische Offizier und Schriftsteller Xavier de Maistre nach einem Duell in Turin zu einem sechswöchigen Hausarrest verurteilt. De Maistre, ein weltgewandter, weit gereister Mann, der auch schon in einer Montgolfière aufgestiegen war, machte das Beste aus seiner Situation. Während des Arrests schrieb er das schmale Büchlein «Voyage autour de ma Chambre». Eine Reise nicht um die Welt, sondern rundum in seinem Zimmer unternahm de Maistre also: «Mein Zimmer liegt nach den Messungen von Padre Beccaria unter dem fünfundvierzigsten Breitengrad; seine Lage zeigt von Osten nach Westen; es bildet ein Rechteck, das ganz nah der Wand sechsunddreissig Schritt im Umfang hat. Meine Reise wird jedoch deren mehr enthalten; denn ich werde in ihm oft ohne Plan und ohne Ziel hin und her und diagonal wandern.»

So beginnt de Maistre sein Werk, das zu einem grossen Erfolg mit zahlreichen Neuauflagen und Nachahmern wurde. Bereits kurz nach Erscheinen bereisten andere SchriftstellerInnen ihr nächtliches Zimmer oder gar ihre eigene Hosentasche. 1803 arbeitete der Franzose René Perin die Zimmerreise zu einer Vaudeville-Komödie um. Von ihm stammte auch das Motto des Frontispiz der Erstausgabe: «Wie viele Menschen sind schon gereist, ohne ihr Zimmer verlassen zu haben.» Später wurde das Buch zum Gegenstand von Interpretationen im schriftlichen Abitur in Frankreich, und bis heute beziehen sich AutorInnen auf de Maistre.

«Alle Güter und Schätze»

Er hatte ein Werk geschaffen, das sich gegen den allgemeinen Trend der Beschleunigung stellte. Die Ende des 17. Jahrhunderts erfundenen und ein Jahrhundert später durch James Watts Entwicklungen deutlich verbesserten Dampfmaschinen begannen, die Arbeitsabläufe in der Welt dramatisch zu rationalisieren. Entdeckt und beschrieben war die Welt ohnehin schon weitgehend durch die Reiseberichte der Aufklärung. Die Sehnsucht nach dem Unbekannten aber blieb. So war es kein Wunder, dass die Robinsonade – Texte über entlegene Inseln – zur erfolgreichsten literarischen Gattung des 18. Jahrhunderts wurde.

Das Ferne schien immer bekannter zu werden, als de Maistre den Hausarrest absass. Auf seiner Zimmerreise aber bediente er sich einer Technik, die der Welteroberung seiner Zeit genau entgegenstand: Er betrachtete die nahen Dinge wie ein Tourist. Und je länger er hinsah, desto unbekannter, seltsamer erschienen sie ihm. «Sie haben mir untersagt, durch eine Stadt, einen geografischen Punkt zu laufen; aber sie haben mir das ganze Universum überlassen.» Das eigene Zimmer ist «eine paradiesische Gegend, die alle Güter und Schätze der Welt in sich birgt».

Eine Wiederverzauberung

Über das Phänomen der Zimmerreise, oder zumindest der Bereisung des Nahen, hat Bernd Stiegler das Buch «Reisender Stillstand. Eine kleine Geschichte der Reisen im und um das Zimmer herum» geschrieben. Der 1964 geborene Literaturwissenschaftler und Philosoph arbeitet als Professor für Neuere deutsche Literatur in Konstanz.

Die Wiederverzauberung, oder zumindest das wieder Fremdwerden einer scheinbar komplett bekannt und banal gewordenen Welt, ist das Leitmotiv, mit dem Stiegler die Geschichte dieser Reisen erzählt.

Die ersten NachfolgerInnen von de Maistre schienen dessen Idee nur zu kopieren oder geringfügig zu verändern. Für die – verheiratete – Deutsche Sophie von La Roche war «Mein Schreibetisch» (1799), gewidmet einem heimlichen Verehrer, 850 Seiten lang Ziel der Erkundungen, auch als Selbstvergewisserung der weiblichen Existenz. Andere sesshafte Reisende widmeten sich vergleichbar ausufernd ihrer Inneneinrichtung, ihrer Kunstsammlung oder dem Blick aus dem Fenster. Von Beginn an war die Zimmerreise aber nicht nur ein kapriziöses Vergnügen für Leute, die nicht arbeiten mussten oder gerade zu Hause eingesperrt waren, wie Stiegler im Kapitel «Pilgerreisen» nachweist. Für viele Menschen war es schlicht zu teuer, die heiligen Stätten ihrer Religionen zu bereisen. Schon seit dem 15. Jahrhundert entstanden deshalb vorwiegend in Oberitalien Dutzende von «Sacri Monti», also «topografische Simulationen heiliger Stätten mit lebensgrossen bemalten Terracottafiguren». Mitte des 19. Jahrhunderts gab es allein in Varallo 43 Kapellen dieses Stils. Die PilgerInnen konnten die heiligen Stätten an einem einzigen Nachmittag bereisen.

Zwei neue Sichtweisen änderten das Prinzip der Zimmerreise nachhaltig. Durch die Laterna magica und später die Fotografie konnte man sich die ganze Welt in sein Zimmer holen. Léon Forster veröffentlichte 1850 sein Buch «Voyages au Coin du Feu», das sich vom Titel her stark an de Maistre anlehnt, inhaltlich aber eine ganz andere Form der Zimmerreise schildert, die mit den neu aufgekommenen Fotobüchern zu allen Sehenswürdigkeiten der Welt möglich geworden war: «Hissen wir die Segel! Auf geht's! Das Nachtlämpchen ist erleuchtet; ein brennendes Feuer knistert im Kamin; unsere Türen sind fest verschlossen, unsere Füsse schön warm. Wir sind tief in unseren Sesseln versunken ... Machen wir uns auf, und gute Reise!»

Als Gegenprinzip zum Weltreisenden, der sein Lesetischchen nicht verlässt, entsteht vor allem in Paris und Berlin der Typus des Flaneurs. Der macht seine Stadt zum Ziel von Exkursionen. Was ihn vom normalen Spaziergänger unterscheidet, erläutert Franz Hessel in seinem Aufsatz «Von der schwierigen Kunst spazieren zu gehen», in dem er schreibt: «Wir verkehren, kommunizieren mit lauter fremden Zuständen und Schicksalen. Das merkt der echte Spaziergänger an dem seltsamen Erschrecken, das er verspürt, wenn in der Traumstadt seines Flanierens ihm plötzlich ein Bekannter begegnet und er dann mit jähem Ruck wieder identisch und nur Herr Soundso auf dem Heimweg vom Büro ist.»

Zum Papst und zu Mussolini

Mit dem Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert wird die Zimmerreise immer mehr zum Projekt, an dem sich KünstlerInnen verschiedenster Gattungen abarbeiten. Durch diese intellektuelle Überhöhung verliert die Zimmerreise vieles von ihrer Verspieltheit. Dennoch sind immer wieder seltsame Entdeckungen zu machen. Die «Roulotte» zum Beispiel, ein neun Meter langer Vorläufer von Wohnwagen und Caravan, womit der französische Schriftsteller Raymond Roussel 1926 von Paris nach Rom reiste, um sowohl den Papst als auch Benito Mussolini zu besuchen. Über weite Strecken dieser Reise blieben die Wagenfenster verschlossen und verhängt. Das Spüren der Bewegung war Roussel wichtiger als die Aussicht.

Der Rückzug von der Welt ist auch Thema im Roman «À rebours» des Franzosen Joris-Karl Huysmans von 1884. Erzählt wird das seltsame Schicksal des Adeligen Des Esseintes, der seine Pariser Wohnung nie mehr verlassen wollte, sie mit blinden Fenstern von der Aussenwelt komplett abschottete und jedes Zimmer «mit reiner künstlerischer Artifizialität» einrichten liess. Der Adelige wollte den Gedanken der Avantgarde auf die Spitze treiben. «Die Natur hat ihre Zeit gehabt», schreibt Joris-Karl Huysmans über das Experiment seiner Romanfigur. Nun sollte sie durch Kultur und Künstlichkeit als eine positiv gewendete Dekadenz ersetzt werden. Im Roman wird eine eigentümliche Kunstwelt geschildert: Wände, die wie Bücher mit Saffian und Kappleder eingefasst sind, jeder Raum wird verschieden beduftet, und die im Obergeschoss wohnenden Hausangestellten dürfen nur auf Filzpantoffeln durch die Wohnung schleichen – auch die normalen Geräusche des Lebens will Des Esseintes verbannen. Das radikale Experiment des Romanhelden scheitert: Binnen weniger Wochen rebelliert der Körper des Adeligen gegen die Kunstwelt. Jeder seiner Sinne erleidet einen totalen Zusammenbruch. Des Esseintes kann sich vor dem Abbruch seines Vorhabens nur noch in einem Zimmer aufhalten. Seine Reise kommt wirklich zum Stillstand, wenn auch anders als gewollt.

Pauschalreise im Computer

Ein vorerst letztes Mal wurde die Zimmerreise durch die digitale Technik verändert. Der Künstler Timm Ulrichs braucht für seine Reisen nicht einmal mehr eine Aussenwelt. Sein Videofilm «Reise zum Mittelpunkt des Ichs» von 1995/97 spielt auf Jules Vernes «Reise zum Mittelpunkt der Erde» an und zeigt die kernspintomografischen Aufnahmen von Ulrichs’ Kopf. Für den Film «Durchsicht: durchs Ich. Eine endoskopische Reise» schluckte er eine Minikamera.

Die Website des Schweizer Ehepaares Monica Studer und Christoph van den Berg macht sogar die Pauschalreise auf dem heimischen Computer möglich. Auf www.vuedesalpes.com werden Zimmer in einem virtuellen Hotel angeboten: «Vue des Alpes» liegt in 1600 Metern Höhe, bietet Ausflugsmöglichkeiten in eine zwanzig Quadratkilometer grosse Bergregion mit See zum Tretbootfahren. Kein Wunder, dass die neun Zimmer zumeist Monate im Voraus ausgebucht sind.

Das letzte Kapitel von Stieglers Buch befasst sich mit der letzten Reise des Künstlerpaars Carol Dunlop und Julio Cortázar. Beide waren schon von schweren Krankheiten gezeichnet, als sie sich zu einer surrealistischen Minireise aufmachten. Mit ihrem Reisebus, den sie nach dem friedlichen Riesen «Fafnir» benannten, befuhren sie 1982 die «autoroute du soleil» von Paris nach Marseille. Im Gegensatz zu normalen TouristInnen, die diese Strecke so schnell wie möglich hinter sich bringen, liessen sich Dunlop und Cortázar 32 Tage Zeit. Auch sie wollten den Alltag fremd machen, indem sie ihn extrem entschleunigten. Sie hielten auf jedem Rastplatz und schrieben in Anlehnung an die Reiseberichte grosser ForscherInnen der Vergangenheit ein Buch darüber. Carol Dunlop verstarb, noch bevor das Buch unter dem Titel «Die Autonauten auf der Kosmobahn» erschien.

Was diese Reise noch mit der ersten Zimmerreise von Xavier de Maistre zu tun hat, ob sie überhaupt eine Zimmerreise ist, kann auch Bernd Stiegler nicht erklären. Ein würdiger Abschluss für ein seltsames und bemerkenswertes Buch ist sie auf jeden Fall.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch