Nr. 31/2010 vom 05.08.2010

Nackte Inseln

Von Florian Vetsch

Nach «Keine Chance in Mori» (2007) legt David Signer seinen zweiten Roman vor: «Die nackten Inseln». In einer voller eingestreuter Helvetismen blühenden, die Handlung in kurzen Sätzen vorantreibenden Sprache erzählt er die Geschichte des Journalisten Richard Schlee. Sie verbindet die Schauplätze Zürich, Senegal, Jamaika, Nigeria, Haiti und die Kapverdischen Inseln.

Odysseus’ Irrfahrten bilden eine Folie für Schlees Reisen, der sein Leben gern Gefahren aussetzt. Verpflichtungen und Selbsteinsichten geht er aus dem Weg, bis er erfährt, dass seine im nigerianischen Sokoto an Aids verstorbene Exgeliebte, ein Kind von ihm aufgezogen hat: die fünfjährige Joy. Trotz widriger Umstände gelingt es Schlee, Joy bei ihrem Grossvater in Sokoto abzuholen. Sein Leben nimmt eine Wende. Vom Autor oft nur angedeutet, entwickelt er sich vom Lebemann zum verantwortungsbewussten Vater. Wie Odysseus findet er heim, zu sich. Der wilde Roman endet mit versöhnlichen Sätzen; in ihnen scheint die wörtliche Bedeutung des Kindernamens Joy durch: «Die Regenzeit hat eingesetzt, die Luftfeuchtigkeit ist wie in einem türkischen Dampfbad. Als sie sich ins Taxi setzen, sehen sie schon nach kurzer Zeit nicht mehr durch die Fenster. Richard schreibt mit dem Finger ‹Joy› auf die beschlagene Scheibe, und sie lacht. Durch den Schriftzug sieht man hinaus ins Freie.»

Signer ist mit seinem zweiten Roman ein Buch gelungen, das die Folgen der Globalisierung an neuralgischen Punkten zeigt. Dabei verfährt er mitunter alles andere als politisch korrekt und schiesst scharfe Pfeile gegen einen rigiden Feminismus, gegen westliche Arroganz, gegen Behaglichkeit und Gleichgültigkeit, gegen Ausbeutung und Elend ab.

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