Nr. 32/2010 vom 12.08.2010

Der «fiktive Jude»

Der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn beschreibt den Antisemitismus als «negative Leitidee der Moderne», die längst ohne Juden und Jüdinnen auskommt. Stimmt das?

Von Jens Renner

Mehr als sechs Jahrzehnte nach dem deutschen Menschheitsverbrechen an den europäischen Jüdinnen und Juden sind die Motive der Mörder weitgehend erforscht. Die Strategen der Vernichtung sahen in den Juden die Hauptbedrohung der «arischen Rasse»; diesen Feind galt es zu vernichten, um die Nazi-Utopie der reinrassigen Volksgemeinschaft zu verwirklichen. Eine in ihrem Wahn schlüssige Weltanschauung, die der Historiker Saul Friedländer treffend als «Erlösungsantisemitismus» bezeichnet hat.

Nach wie vor aber fehlt eine allgemein akzeptierte Theorie, die den wandlungsfähigen Antisemitismus nach Auschwitz einbezieht. Der Giessener Politikwissenschaftler Samuel Salzborn legt nun mit seinem Buch «Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne» den Versuch vor, elf sozialwissenschaftliche Theorieansätze von Sigmund Freud über Max Horkheimer und Theodor Adorno bis hin zu Zygmunt Bauman empirisch zu überprüfen. Dazu führte er Interviews mit sieben in ganz Deutschland zufällig ausgewählten Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts und analysiert aktuelle öffentliche Debatten, etwa um Martin Walser.

Die «narzisstische Kränkung»

Freud und seine Arbeit «Der Mann Moses und die monotheistische Religion» aus dem Jahr 1939 stehen nicht zufällig am Anfang der Auswahl im ersten Teil. Laut Salzborn enthält sie drei Kerngedanken. Der Antisemitismus hat erstens einen «religiös-christlichen Ursprung». AntisemitInnen eigen sei zweitens die Fantasie einer «narzisstischen Kränkung» durch das Judentum, einer über das religiöse Selbstverständnis hinausgehenden Zurückweisung. Drittens kommt im Antisemitismus, so Salzborn, eine Angst vor Jüdinnen und Juden zum Ausdruck, die in der Beschneidung wurzelt, die gemäss Freud unbewusst mit der Kastration gleichgesetzt wird. Das schlägt sich, wie Salzborn in seinen Interviews im zweiten Teil nachzuweisen versucht, «in offenen und verdeckten Ängsten vor dem Judentum, seiner angenommenen unheimlichen und letztlich potenziell vernichtenden Macht nieder».

Repräsentativ sind seine sieben deutschen, mehrheitlich katholischen und allesamt nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen InterviewpartnerInnen allerdings nicht. Individualpsychologische Theorieansätze lassen sich in den Interviews noch am ehesten empirisch belegen. Mehrere Passagen dokumentieren insbesondere einen sekundären Antisemitismus, der sich in Relativierungen wie Schuldabwehr oder Täter-Opfer-Umkehr äussert. Psychische Deformationen spielen auch in Jean-Paul Sartres 1945 entstandenem Essay «Porträt des Antisemiten» eine entscheidende Rolle. Sartre beschreibt «den Antisemiten» als einen Menschen, der Angst hat – nicht vor den Juden, sondern «vor sich selbst, vor seinem Bewusstsein, vor seiner Freiheit, vor seinen Trieben, vor seiner Verantwortung, vor seiner Einsamkeit, vor der Veränderung, vor der Gesellschaft und der Welt».

Antisemitismus, so Sartre «ist die Furcht vor dem Menschsein» – für Salzborn eine Formulierung, die «in ihrer nackten Brutalität absolut zutreffend» sei. Er unterstreicht die «Abstraktionsleistung», die den am Ende des 19. Jahrhunderts entstehenden modernen Antisemitismus vom vormodernen Antijudaismus unterscheidet: «weg von realen Jüdinnen und Juden als Projektionsobjekten, hin zum fiktiven Juden, der lediglich durch den Antisemiten definiert wird».

Hier ist nun eine Frage berührt, die im Buch immer wieder auftaucht und in der wissenschaftlichen und politischen Debatte kontrovers diskutiert wird: Spielen für den Antisemitismus auch reale Konflikte von AntisemitInnen mit Jüdinnen und Juden eine Rolle? Salzborn verneint das kategorisch und begibt sich damit in die Gefahr, einen Befund zu verabsolutieren, der in den meisten historischen wie aktuellen Fällen von Antisemitismus einer empirischen Überprüfung nicht standhält. So weist der Historiker Thomas Gräfe, der den Antisemitismus im deutschen Kaiserreich untersucht hat, darauf hin, dass die These vom «Antisemitismus ohne Juden» für das 19. Jahrhundert komplett an der historischen Wirklichkeit vorbeigehe.

Islamismus und Antisemitismus

Auch der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik hebt hervor, dass von AntisemitInnen «partielle Tatsachen mit generalisierenden Vorurteilen vermischt» würden: «Die Anhaltspunkte in der Realität, auf die sich Antisemiten beziehen, haben für sie viel weniger Bedeutung als ihr eigenes Anliegen.» Deutlich werde das etwa am Beispiel des Bankiers Mayer Amschel Rothschild oder des Revolutionärs Leo Trotzki, sagt Brumlik. Beide würden von AntisemitInnen nicht in ihrer gesellschaftlichen Funktion wahrgenommen, sondern als Juden – und deswegen zu Feinden erklärt. Im sekundären Antisemitismus der deutschen Nachkriegsgesellschaft, den Brumlik einen «Verdrängungsantisemitismus» nennt, sieht er einen Mechanismus am Werk, wie er in dem sarkastischen Satz zum Ausdruck komme, «Die Deutschen werden den Juden Auschwitz niemals verzeihen».

Komplizierter gestalten sich die Zusammenhänge beim Islamismus. Im Widerstand gegen die zionistische Staatsgründung sieht Micha Brumlik eine nachvollziehbare Reaktion der PalästinenserInnen und arabischen NationalistInnen. «Antisemitismus wird daraus, wenn sich der Antizionismus mit ‹dem Juden› verbindet – etwa bei der Hamas, deren berüchtigte Charta Teile des Korans aufgreift, sich aber hauptsächlich aus den ‹Protokollen der Weisen von Zion› speist – dem Klassiker des europäischen Antisemitismus schlechthin.»

Dass reale Ereignisse Antisemitismus zwar nicht hervorbringen, aber seine Konjunkturen beeinflussen, wird beim islamistischen Antisemitismus besonders deutlich. Nachgewiesen wurde das etwa in einer 2003 veröffentlichten Studie der Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) der EU. Sie untersuchte die Antisemitismuswelle, die zwischen Herbst 2000 und Frühsommer 2002 durch Europa wogte, und kam zum Schluss, dass sie mit drei Ereignissen verknüpft war: mit der palästinensischen Al-Aksa-Intifada, die im September 2000 losbrach, mit dem Nato-Krieg gegen Afghanistan ab Oktober 2001, und mit der israelischen Militäroffensive in der Westbank und im Gazastreifen, die Anfang 2002 begann. Laut Studie identifizierten sich insbesondere junge männliche Muslime in den europäischen Metropolen häufig mit ihren Glaubensbrüdern im Nahen Osten und machten «die Juden» für ihr Elend verantwortlich. Der Verweis auf diese Zusammenhänge diente den EUMC-AutorInnen nicht dazu, antisemitische Taten zu relativieren; vielmehr zeigten sie damit, unter welchen Bedingungen latent antisemitische Einstellungen in offen aggressive Handlungen umschlagen können.

Von Salzborn allerdings wird der islamistische Antisemitismus nicht gesondert thematisiert – was er im letzten Satz auch als «Leerstelle» einräumt. Dass er mit den vorgestellten Theorien hinreichend zu erfassen ist, muss bezweifelt werden.

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