Nr. 33/2010 vom 19.08.2010

Sehnsucht nach Ausbruch

Die jungen Frauen aus der neuen Mittelschicht langweilen sich. Und entdecken den Charme der sexuellen Unterwerfung.

Von Ulrike Baureithel

Früher gaben Frauen aus der Mittelschicht, denen nach dem Flüggewerden der Kinder der Lebenssinn abhanden gekommen war, die Folie für weibliche Midlifekrisen ab. Meist wohnten sie in ruhigen Vororten, hatten «beste Freundinnen» und einen nicht immer treuen, aber erfolgreichen Ehemann.

Wie einst der Audi 80

Blättert man durch Romane der vergangenen Saison, dann begegnet man einer Unzufriedenheit, die an diese Vorläufer erinnert: weibliche Figuren, die plötzlich die Beziehung zu ihrer bisherigen Existenz zu verlieren scheinen und nur noch Statistinnen sind in «ihrem eingebildeten Leben, das ranzige Kulissen nötig hat», wie die 1971 geborene Anke Stelling ihre Protagonistin räsonieren lässt.

Dabei handelt es sich diesmal um Vertreterinnen der Thirty-Something-Generation, die in hippen Berliner Bezirken residieren, sich in kreativen Berufen versuchen und Partner haben, denen man einen Seitensprung ohnehin nicht zutraut. Hinter den renovierten Fassaden, vor denen die Kinderwagen so stolz geparkt werden wie einst der Audi 80, lauert die neue Langeweile. Und die Sehnsucht nach dem Ausbruch aus dem Mittelmass.

Im Unterschied zu ihren Grossmüttern haben diese Sprösslinge der 68er-Generation aufgeklärte Eltern. Elke in Stellings Roman «Horchen» hat ihrer Tochter Katja die Fähigkeit mitgegeben, «in sich reinzuhorchen» – auch wenn Katja sich, um der Promotion zu entkommen, gern von Lars ein Kind machen liesse, wenn sie nicht gerade mit ihrem Doktorvater das Bett teilt. Doch Lars kocht lieber «Trostspaghetti» und schaut «Tatort», was die junge Frau schliesslich in die Flucht treibt. Sie besucht ihren ehemaligen Pastor, der in die Provinz strafversetzt wurde, nachdem er Mädchen angegrapscht hatte.

Amour fou

Was Katja bei ihm sucht, weiss sie nicht, schliesslich war sie schon als Jugendliche selbstbewusst genug, um sich Reinhardts Übergriffen zu entziehen. Aber «irgendwo muss das Gleis hinführen», auf das sie gesetzt wurde. In Kamenz trifft sie nicht nur den einstigen Mentor wieder, sondern stolpert auch über Gernot, der im Pfarrhaus lebt. Hatte Katja mit ihm nur einen One-Night-Stand im Sinn, so muss sie feststellen, dass er anders ist als die Männer, mit denen sie es bisher zu tun hatte. Während die beiden ein Verhältnis beginnen, in dem er der «Führer», sie die «Geführte» ist, reaktiviert Katja den Bestand an konservativen Lebensweisheiten und Kochrezepten. Sie begleitet Gernot sogar in seine evangelikale Sekte, unterwirft sich eigenartigen Ritualen und sexuellen Exzessen.

Stelling breitet diese Amour fou fast ohne Ironie aus, als doppelter Boden fungiert die aus Katjas Unbewusstem geschöpfte schwarze Pädagogik weiblicher Zurichtung, über der das aufgeklärte Bewusstsein nur als dünne Legierung liegt.

Kommt bei Stelling der neue Charme der sexuellen Unterwerfung im Gewand fortschreitender Selbstaufklärung daher, so agiert die Ich-Erzählerin im Roman der fast gleichaltrigen Katja Oskamp aus ironischer Selbstdistanz.

Eines Abends kreuzt die namenlose Protagonistin bei ihrem Freundespaar Tina und Peter auf. Sie hat ihren Mann Micha, Theaterkritiker und liebevoller Vater von Tochter Paula, spontan verlassen, aus Überdruss. Tina tingelt als Schauspielerin durch eine Vorabendserie, und bei ihren Vorwürfen wird das einverleibte Drehbuch zum Stichwortgeber: «Hast du kein Herz? Micha geht es so schlecht. Und Paula braucht ihre Mutter.» Dann aber fällt «ein Krümel der Pflegemaske aufs Parkett» und macht «die Einstellung unbrauchbar».

Und alles ist erlaubt

Wie Stellings Katja flieht auch diese Erzählerin aus der stuckbestückten Wohnung mit der teuren Kaffeemaschine und landet in einer Kaschemme mit dem Titel gebenden Namen «Hellersdorfer Perle». Dort begegnet sie einem älteren Mann, der sie trotz seiner Geh- und Hörbehinderung anzieht: «Dieser Mann wusste alles über mich.» Der Unbekannte fordert sie auf, wiederzukommen in Korsett und Strapsen.

Die Ich-Erzählerin, die selbst aus der «Platte» (Plattenbauquartier) stammt und ihren Vater bei Aktivistenwochenenden begleitet hat, geht auf den Vorschlag ein, erscheint in voller Hurenmontur. So verkleidet, ist alles erlaubt, «Nuttenzeugs», «Gewaltkram», alles, «was wir doch eigentlich abgeschafft hatten». Während der Unbekannte sie hinterrücks bearbeitet, fahndet die so Hergenommene im Fussbodenmuster nach Ordnung in dieser über sie hereingebrochenen Begierde.

Natürlich bleiben die Exkursionen auch vor Micha nicht geheim. Dass das Paar bei einem Theaterbesuch die Hellersdorfer Szenen noch einmal auf der Bühne vorgeführt bekommt, verwischt plötzlich die Realitätsebenen. Leider löst Oskamp dieses Verwirrspiel wieder auf, und der geheimnisvolle Mann übernimmt «die Führung». Er fasziniert, weil er «die Mitte auslässt», «alles Durchschnittliche», an dem die jungen Metropole-Bewohnerinnen so leiden.

Bei Oskamp und Stelling finden die Ausflüge ins «Unerhörte» versöhnliche Ausklänge, keine Tragödie, kein bühnentaugliches Finale. Das liegt vor allem an den Larsens, Peters und Michas, den «zweiten Müttern» oder älteren Brüdern ihrer Kinder. Sind sie so «kastriert», diese jungen Männer, dass sie schon vor Verfallszeit ausgemustert werden?

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